Religionsunterricht

Anachronismus

d'Lëtzebuerger Land du 12.06.2008

Der Staatsrat hat mit seinem rezenten Gutachten zum Entwurf des Grundschulgesetzes für Aufmerksamkeit gesorgt. Denn er bemängelte am Rande, dass aufgrund eines parteipolitischen Kompromisses, den die Unterrichtsministerin diese Woche in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage bestätigte, die Stellung des Religionsunterrichts im Bildungswesen nicht angetastet werde, obwohl diese in ihrer gegenwärtigen Form überholt sei. Mancher Applaus, den er dafür erntete, scheint jedoch übertrieben. Denn im Jahr 2008 Religionsunterricht an öffentlichen Schulen einen Anachronismus zu nennen, verlangt kaum überragenden Scharfsinn.

Um so erstaunlicher ist die Überlegung, die den Staatsrat zur Einsicht bringt, dass einer transzendentalen Ideologie nicht mehr der Rang eines eigenständigen Studienfachs eingeräumt gehört: Denn er führt nicht die Säkularisierung an, also ein Zuwenig an Religion in der Gesellschaft, die Tatsache, dass die meisten Leute, bis auf Horoskop, Homöopathie und Lotto, kaum noch Übernatürliches in der Welt vermuten. Vielmehr bereitet ihm eine durch Einwanderer aus den unterschiedlichsten Ländern verursachte Inflation an Glaubensbekenntnissen Sorge, also ein angebliches Zuviel an Religion, deren gleichberechtigte Behandlung in den öffentlichen Schulen die Stundenpläne überlaste wie Pendler die Autobahnen.

Um nicht auch islamische und buddhistische Religionslehrer sowie solche der Zeugen Jehovas in die Schulen lassen zu müssen, plädiert der Staatsrat dafür, den Religionsunterricht in einem Werteunterricht aufgehen zu lassen. Der soll „alle“ Religionen in ihrer Vielfalt untersuchen, ohne die eine oder andere zu bevorzugen.

Seit aber ein bekannter Denker aus der Großregion den Atheismus für die letzte Stufe des Theismus gehalten hat, kann ein solcher liberaler Bauchladen der Glauben und Aberglauben aller Länder nur als letzter Versuch angesehen werden, Glauben als angeblich edlere Form des Wissens auf dem Stundenplan zu halten. Irgendwie muss die CSV ja das Erzbistum dafür entlohnen, dass es ihr ein täglich Parteiblatt zur Verfügung stellt.

Doch in einer öffentlichen Schule sollen Religionen nicht Bestandteile der Erziehung, sondern der Bildung sein und als solche zum Geschichts-, Philosophie-, Literatur- und Kunstunterricht, statt in ein eigenständiges Fach gehören. Woran die Schüler dann zu Hause glauben, bleibt ihre von der Verfassung geschützte Privatangelegenheit.

Denn die grundsätzlichere Frage ist, ob die Schule überhaupt Ideo­logie lehren soll. Die Vermittlung ethischer Leitlinien ist zweifellos der wichtigste Teil von Erziehung. Und weil dem Antichrist nachgesagt wird, in der Not Fliegen zu fressen, ziehen selbst linke Philosophen wie Alain Badiou und Slavoj Žižek den Apostel Paulus dem Dschungelgesetz vor. Aber wenn Ethik zur Laienmoral, heute: Werteunterricht, zum eigenständigen Fach wird, statt Grundlage des Unterrichts zu sein, läuft sie auf die Zurschaustellung herrschender Ideo­logie hinaus, deren bescheidenen Werte derzeit Menschenrechte, Umweltschutz und Marktwirtschaft heißen.

Vielleicht wird der vom Staatsrat beanstandete Anachronismus Reli­gionsunterricht also erst dann beseitigt sein, wenn es weder Reli­­gionsunterricht, noch Werteunterricht in den Schulen mehr gibt, sondern Religion Bestandteil der Bildung und Ethik Grundlage der Erziehung sein wird.  

Romain Hilgert
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