Beach-Party-Saison

Sand im Sommerloch

d'Lëtzebuerger Land vom 29.07.2011

Heute loben wir die Beach-Party-Saison. Bald wird jedes Dorf sommersüber seinen eigenen Sandstrand anbieten. Das Prinzip ist einleuchtend. Was wir nicht haben, schaffen wir her. Uns fehlt ein Meer, also karren wir tonnenweise Meersand vor unsere Haustür. Dann hocken wir wild entschlossen auf der Sandmatte und warten auf ozeanische Gefühle. Oder wir feiern Party, bis wir die Möwen kreischen hören. Aber das Wesentliche vermissen wir immer noch schmerzlich: nach wie vor herrscht landesweiter Meeresmangel.

Es kann ja nicht sein, dass wir uns freiwillig auf versandetem Gelände niederlassen, nur um auf Reihenhäuser oder Schrebergärten zu starren. Ein paar Quadratmeter Sand und darüber hinaus nur die übliche Triviallandschaft: sieht so ein gelungener Tapetenwechsel aus? Selbst das aufdringlichste Geplärre aus den Lautsprechern – On the Biitsch mecht et quiitsch – wird uns nicht über ein katastrophales Manko hinwegtrösten. Wir vernehmen kein Meeresrauschen. Wir registrieren bestenfalls das Dröhnen der nahen Autobahn. Oder das Zischen des Zapfhahns an der obligaten Beach-Bar.

Man stelle sich die Szenerie mal aus der Vogelperspektive vor. Verstreut über das gesamte Großherzogtum ein Flickenteppich aus Sandparzellen voll wuselnder Urlauber in Badehosen und Bikinis. Aber nirgendwo auch nur ein Faß mit Meerwasser. Diesen Missstand können wir beheben, wir sind doch ein unternehmungslustiges Volk. Wenn wir Meersand kaufen, liegt es doch auf der Hand, dass wir uns auch Meerwasser leisten können. Diversifizieren wir doch einfach unsere interne Tourismusindustrie. Auf zu den realen Stränden, auf zum kreativen Meerwassertanken! Wir müssen ja nicht gleich das ganze Land fluten. Aber ein halbes Dorf können wir ja wohl unter Wasser setzen. Mit echtem Naß von den feuchten Rändern Belgiens zum Beispiel.

Wir hören schon die Einwände. Belgisches Meerwasser? Wo bleibt da die Exotik? Pardon, es verbietet ja keiner uns Luxemburgern, ein bisschen exklusiver einzukaufen. Eine Ladung aus der Biscaya etwa oder von den isländischen Küsten. Alles ist nur eine Frage der Investitionsbereitschaft. Meerwasser aus Japan ist derzeit extrem billig zu haben. Der partytaugliche Gruseleffekt wird sogar gratis mitgeliefert. Das wäre dann sozusagen die karitative Beach-Gestaltung. Wer da nicht mitmachen will, kann ja immer noch auf marokkanisches oder ägyptisches Meerwasser zurückgreifen. Auch nicht so gut? Politisch zu stark belastet? Zu heftige Wellenbewegungen? Na gut, wenn wir so argumentieren, können wir die gesamte Mittelmeerwasserreserve vergessen. Nach Meerwasser mit Demokratiezertifikat werden wir lange suchen. Dann können wir genauso gut den Stausee bei Liefringen mit Meersalz anreichern. Und einen Leuchtturm auf die Staumauer bauen.

Müssen wir wirklich immer so extrem pingelig sein? Wenn wir schon bei der Wasserwahl versagen, wird es bald soweit kommen, dass sich jeder Luxemburger seine private Terrassenbeach zulegt. Mit Muscheln, Seepferdchen und Quallen aus Plastik. Das kann nicht der Sinn der Übung sein. Die Beach ist schließlich ein Ort der Kommunikation, also eine soziale Ferienanlage. Seien wir doch versöhnlich, liebe Badegäste. Wir können doch umstandslos Tarifverhandlungen einleiten. Jeder wird verstehen, dass eine komplette Beach mit Meerwasser von den Seychellen einen höheren Eintrittspreis rechtfertigt als ein prekäres Sandhäufchen mit ein paar Tropfen aus dem texanischen Ölmeer.

Wir sollten folgendes bedenken: seit jeher reißt der akute Meeresmangel ein tiefes Loch in unser nationales Selbstbewusstsein. Das lässt sich nur ändern, wenn wir einer progressiven Meerestransplantation zustimmen. Sobald die Wellen in unseren malerischen Dörfern rauschen, verstummt die pedantische Meerwasserkritik. Es wird dann keine Rolle mehr spielen, ob wir auf unserer lokalen Beach die Füße in afrikanisches oder australisches Meerwasser tauchen. Nur an den Eintrittspreisen werden wir den Unterschied erkennen. Und an der Qualität der Strandmusik. Wer monegassisches Meerwasser einkauft, neigt bei der Beach-Beschallung eher zum barocken Sound, das ist klar. Doch auch mit Fausti sind wir gut bedient, wir wollen da nicht schon wieder sinnlos meckern.

Hauptsache, wir bekommen in absehbarer Zukunft unser Meer. Zwar wird es ein portioniertes Meer sein, verteilt auf unzählige Beach-Einrichtungen, aber dieser kleine Nachteil wird unsere Freude nicht trüben. Wir leben endlich am Meer und bleiben dann definitiv zu Hause. Schluss mit dem hektischen Urlaubsrummel! Warum sollten wir noch haarsträubende Mallorca-Strapazen auf uns nehmen, wenn wir dem Ballermann in Untereisenbach oder Niederbesslingen huldigen dürfen? Bis das Meer angeliefert wird, schlagen wir für die Übergangsphase ein public viewing auf jeder luxemburgischen Beach vor. Das Meer in Großformat und in Farbe, direkt übertragen von den berühmtesten Stränden der Welt. So können wir unsere künftige Meereseuphorie schon mal trainieren. Und die Gummiflossen bereitstellen.

Guy Rewenig
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