Schottland, gibt es sowas überhaupt?

High-Lands

d'Lëtzebuerger Land vom 26.09.2014

Schottland, gibt es sowas überhaupt? Ich weiß, manche behaupten es, man kann es glauben oder nicht. Ungefähr so wie bei Australien, einem mitten im Ozean ausgesetzten Kontinent mit ausgestorbenen Tieren und robusten Menschenkindern. Einmal im Jahr, während wir vor Kälte schlottern, wüten dort Waldbrände, die immer wichtige Städte beinahe verzehren, deren Namen einem dann sofort entfallen, bis zum nächsten Jahr. Manche behaupten, Australien und Schottland gebe es. Es ist angeblich bewiesen. Das angebliche Schottland wird als herb lieblich geschildert. Von introvertierten Menschen, die sich dorthin begaben, um dann von kärglich bewachsenen geografischen Erhebungen zu berichten. Dort seien sie hin und wieder einem Schaf begegnet, das unter Wolken schafwandelte. Die Menschen dort seien progressiv, die Männermenschen trügen Röcke, unter denen ihre rothaarigen, ein bisschen pickeligen Oberschenkel manchmal kokett aufscheinen würden. Die Frauenmenschen hingegen trügen eher Jeans.

Vermutlich existiert Schottland wirklich, es könnte ja mal eine nachschauen gehen. London, und dann geradeaus. Unterwegs sparsame Natur und Städte, aus denen die Jungs massenhaft in die Wüste flüchten. Irgendwann erscheinen Örtchen mit feen- oder hexenhaften Namen. Es gibt hier ein Loch und dort ein Loch, was noch? Das beliebteste Musikinstrument ist ein Sack. Die prominenteste Schottin ist ein Monster. Das Nationaltier ist nicht ein Bär oder ein Löwe oder sonst was Präpotentes, es ist ein Einhorn, wie fabelhaft ist das, das Herz der Dichterin fliegt den Schotten mit den klobigen Knien zu. Die stillen Örtchen sind bevölkert von großen, starken Eingeborenen, die einen unbeholfen charmant belispeln. Gastfreundlich fordern sie einen auf, sich ihr berühmtes Nass, das extra trocken ist, in die Kehle zu kippen. Möglichst viel davon. Dann bedudeln sie einen, bis man, vollkommen bedudelt, jeglichen Widerstand aufgibt. Gegen die Helden, das borstige Gras, die Wolkengewächse, und irgendwo sprudelt Öl, wo bitte?

Nachher weiß die Feldforscherin natürlich nicht mehr, ob ihr davon geträumt hat, von diesem Highlands-Land. Sie wird sie aber weitergeben, die Sage von den Röckchen-Rebellen, an die nächste Generation.

Gerade eben, ich erwähne es noch, bevor es wieder dem kollektiven Vergessen anheimfällt, gerade eben waren sie in aller Munde, sie wurden ausgebuddelt aus der europäischen Klamottenkiste. Schottenrock statt Dirndl. Eine volle Nacht waren sie hip, in den Städten kamen Stadtbewohner auf die Idee, nicht zum Afghanen oder zum Griechen zu gehen. Sondern eine Location aufzusuchen, in der man unter düsterem Gebälk, inmitten massiven Mobiliars der Invasion massiv gebauter Migranten harren würde. Einsilbig, harr harr, würden diese Flüssigkeiten zu sich nehmen, die genau so eintönig seien wie die in diesem Lokal vorherrschende Musikrichtung. Dann kamen viele, immer mehr, sie schauten wie Student_innen aus, wie überall auf der Welt, vielleicht mit einem vorherrschenden Blondstich, sie waren vielsilbig. Es gab Chili und zwischen Brotlaibe Geklemmtes, aber weder gebackenes Raufußhuhn noch was von der Wildkatze oder dem Großen Tümmler. Es lief Fußball auf den zahlreichen Bildschirmen, die im düsteren Gebälk hingen, bis dann die ersten Nachrichten aus dem fernen Kaledonien daher getropft kamen und die ersten Hocker schon von den Hockern kippten. Die Fernsehstationen hatten Beobachterinnen und Feldforscherinnen dorthin entsandt, die Stimmungsbilder liefern sollten, die die Schotten-Laiinnen etwas verwirrten. Nicht nur rechtschaffene Hottenschotten wollten sich nämlich abschotten, sondern auch Turbanschotten und Burkaschottinnen. Schon wieder müssen Lieblingsklischees unauffällig entsorgt werden, sie waren grad so schön.

Irgendwann werden die Röckchen und die Fahnen wieder eingepackt, der Morgen graut, Überlebende rappeln sich auf, im Fernsehen wird geweint.

Vielleicht, wer weiß, irgendwann wird es dieses Schottlandland dann geben, mit niedlichen Grenzposten und selbst erfundenem Geld, drauf ein Held dräut.

Michèle Thoma
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