Schulbauten

Good News Are Bad News

d'Lëtzebuerger Land vom 08.02.2007

Es sollte ein Befreiungsschlag sein. Doch als Bautenminister Claude Wiseler (CSV) und Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP) auf ihrer gemeinsamen Pressekonferenz am 16. Januar Medienberichte bestätigten, wonach die Ettelbrücker Ackerbauschule (Lycée technique agricole, LTA) nach Gilsdorf bei Bettendorf umziehen und das alte LTA-Gebäude in der Avenue Salentiny als Schule erhalten bleiben soll, gab es keine Worte des Lobs. Stattdessen hagelte es Proteste von allen Seiten.

Sie bedauere die Entscheidung der Regierung „ganz stark“, empörte sich die Ettelbrücker CSV in einem Pressekommunikee. Schließlich handele es sich beim LTA um das Aushängeschild der „Bauernstadt“ im Norden. Die Gemeinde sei „im  Entscheidungsprozess nicht konsultiert“ worden und eine „breite Diskussion mit allen Akteuren“ habe nicht stattgefunden, so die harsche Kritik an den obersten Parteikollegen im Bautenministerium. Ins gleiche Horn stießen wenig später die LSAP-Norden und sozialistischen Sektionen Colmar-Berg, Diekirch und  Ettelbrück/ Erpeldingen. Besonderer Dorn in ihren Augen: die erklärte Absicht der Regierung, das neue Nordstad-Lyzeum im umgebauten Gebäude der alten Ackerbauschule unterzubringen. Die gewählten Standorte seien „wenig IVL-gerecht“, eine Anbindung an den öffentlichen Transport sei nicht gewährleistet und umweltspezifische Probleme harrten weiter ihrer Lösung, schrieben sie in ihrer Stellungnahme – und sprachen damit wiede-rum den Ettelbrücker Grünen aus der Seele, die vor Megastaus in der Ettelbrücker Avenue Salentiny warnten und die „kurzsichtige Kirchturmpolitik“ der christlich-sozialen Gemeindeführung schalten.

Viel Aufregung um eine an sich positive Nachricht – immerhin scheint Bewegung ins Schulbaudossier zu kommen. Doch die massive Kritik hat nicht nur mit parteipolitischen Rivalitäten, lokalpatriotischer Nabelschau und den üblichen Reflexen einer parteilichen Presse zu tun. Die Schlagzeilen beherrscht hatten in der Vergangenheit die unhaltbaren Zustände im technischen Lyzeum in Ettelbrück (LTETT), das auf der Straßenseite gegenüber der Ackerbauschule liegt (d’Land, 14. Juli 2006). Nach jahrzehntelangen ergebnislosen Hilferufen seitens Lehrer, Schüler und Eltern, gefolgt von einer Petition mit mehreren tausend Unterschriften, war der öffentliche Druck so groß geworden, dass Unterrichts- und Bautenministerium die Suche nach einem geeigneten Bauplatz für eine neue Schule zur Chefsache erklärten. Ein Schulneubau in der Region als Lösung, um die wachsende Schülerschar zu beherbergen und endlich jene Ausbildungsgänge anbieten zu können, zu der das LTETT allein aus Platzgründen derzeit nicht in der Lage ist – die aber fehlen, wenn Ettelbrück das „Lycée de proximité“ im Norden sein soll, wie es der Sektorplan Lyzeum vorsieht.

Jetz wurde endlich ein Baugelände gefunden für eine neue Schule gefunden – aber nicht fürs Nordstad-Lyzeum. Das soll auf dem Gelände zwischen dem Lycée Alexis Heck und dem Nebengebäude des klassischen Lyzeums in Diekirch in 20 Klassen- und acht Spezialsälen provisorisch bis zu 300 Schülern aufnehmen, bis eine  dauerhafte Lösung gefunden ist. „Das finde ich ziemlich erstaunlich“, sagt ein sichtlich enttäuschter LTETT-Direktor Francis Schartz.

Überraschend kamen die Nachrichten im Schulbaudossier auch für die sechs Nordstad-Gemeinden. Ihre Lokalpolitiker meldeten sich in einem Tageblatt-Artikel mit der Überschrift „In der ‚Nordstad’ hat man den Norden verloren“ vor einer knappen Woche zu Wort. „Warum machen wir den ganzen Zauber überhaupt?“, ließ der frühere LSAP-Bürgermeister von Diekirch, Claude Haagen, darin fragen. Ein berechtigter Einwand, denn zum Projekt, aus den sechs Gemeinden Bettendorf, Colmar-Berg, Diekirch, Erpeldingen, Ettelbrück und Schieren eine zusammenhängende „Hauptstadt des Nordens“ zu machen, gehört als zentraler Bestandteil ein urbanistisches Konzept für die gesamte Region dazu. Darin soll unter anderem die zentrale Achse zwischen Ettelbrück, Erpeldingen und Diekirch im Hinblick auf Wohnungsbau, Verkehrsaufkommen und öffentlichen Transport neu überdacht werden. Erst vor kurzem wurden fünf interdisziplinäre Projektteams mit der Planung des Master-PAG beauftragt. Die dazu gehörige Konvention lassen sich Staat und Gemeinden mehrere hunderttausend Euro kosten. Als ein Ausgangspunkt für die bevorstehende Planungsarbeit neben anderen galten bei Gemeindepolitikern und bei den Experten im Innenministerium bislang die Ergebnisse jener Studie, die das Innenministerium 2002 über die IVL-Verträglichkeit verschiedener Bauterrains für eine Schule im Norden beim Planungsbüro Zeyen-Baumann in Auftrag gegeben hatte. Auf der Hitliste der Experten ganz oben landete das Laduno-Gelände in Erpeldingen, wo das Finanzministerium die Verhandlungen aber mittlerweile eingestellt hat. Das Grundstück in Gilsdorf befand sich ebenfalls unter den begutachteten Geländen, erreichte aber nur einen vergleichsweise mäßigen sechsten Rang. Dass dem Laduno-Gelände eine Schlüsselfunktion für die Entwicklung der Nordregion zukommt, darüber waren sich Innenministerium und Gemeinden eigentlich einig.

Da kommt es nicht sehr gut an, wenn eine so wichtige  Planungsgröße urplötzlich geändert wird und die Gemeinden und die beauftragten Büros davon aus der Presse erfahren müssen. Ganz abgesehen davon, dass die Kosten für ignorierte Studien und schlecht abgestimmte Großprojekte im Endeffekt der Steuerzahler zu tragen hat. Um zu gewährleisten, dass die Nordstad-Pläne mit den  nationalen Vorgaben aus sektoriellen Plänen und IVL übereinstimmen, waren Transport-, Innen- und Bautenministerium von Anfang an ins Projekt eingebunden.

Eine flüssige Kommunikation hätte demnach selbstverständlich sein müssen. „Um diese Aufgabe zu bewältigen, ziehen alle Ministerien, Gemeinden und Planer an einem Strang“, hatte es ironischerweise im Wort am 13. Januar geheißen. Das war zwei Tage, nachdem die gleiche Zeitung über die Umzugspläne der Ackerbauschule berichtet hatte – und das Gegenteil einer guten Zusammenarbeit bewiesen war.

„Wir stehen unter enormen Zeitdruck und mussten daher schnell handeln“, rechtfertigt Bautenminister Claude Wiseler die rasche, unabgesprochene Vorgehensweise gegenüber dem Land. Trotz mehrfacher Anläufe in den vergangenen Jahren habe man sich bis zuletzt mit den Eigentümern des Laduno-Geländes nicht über einen Preis einigen können. Dass es „sicherlich geeignetere Standorte in punkto öffentlichen Transport und IVL“ gibt, räumt auch Frank Reimen aus dem Transportministerium ein. Man müsse aber „mit den Einschränkungen leben, die die Wirklichkeit uns vorgibt“. In Gilsdorf habe der Staat Bauland „zu einem akzeptablen Preis“ bekommen, so Bautenminister Wiseler, der das Grundstück als „fast schon ideal“ für das LTA bezeichnet.

Mit über zehn Hektar Gesamtfläche, an der Peripherie der Nordstad nahe einer weiteren Schule gelegen, bietet der Standort genügend Platz, um die in der Nordregion verstreuten, extrem strapazierten Infrastrukturen des LTA künftig an einem Ort zu versammeln. Denn auch die Traditionsschule, einst für 250 Schüler geplant, platzt mit 650 Schülern inzwischen aus allen Nähten; die Klassenräume sind zu klein, Notbehelfe nehmen zu. Aus Raumnot wurde unterm Dach eine kleine Werkstatt eingerichtet: Auf engstem Raum bearbeiten Schüler dort Eisenstücke auf Ambossen. Tischtennis wird aus Platzmangel nicht mehr in der Turnhalle gespielt, sondern in einem Flur im Keller. Den Sicherheitsvorschriften entspricht das nicht. Die 1992 bezogene Annexe auf dem Erpeldinger Laduno-Gelände hat die Lage nicht entschärft. Zudem ist auch sie in einem schäbigen Zustand. Entsprechend groß war die Freude bei Schulleitung und Lehrerschaft, als sie vor den Weihnachtsferien von den Plänen des Bauten- und des Unterrichtsministeriums erfuhren, das LTA dort anzusiedeln. „Wir warten seit vielen Jahren auf eine Lösung“, betont die neue Direktorin Martine Hansen. „Die Raumsituation ist schon seit längerem prekär.“

Fast genau acht Jahre ist es her, dass der damalige Bautenminister Robert Goebbels (LSAP) den Umzug der Ackerbauschule angekündigt und dafür zwei in Frage kommende Grundstücke präsentiert hatte: das Laduno-Gelände in Erpeldingen und eines in der Kommune Heinerscheid, im Clerfer Kanton (siehe d’Land vom 26. März 1999). Dass der Staat nach all den Ankündigungen nun tatsächlich Gelände gekauft hat und der Neubau definitiv kommen soll, grenzt schon fast an ein kleines Wunder.

Das Raumproblem in der Nordregion ist damit allerdings noch nicht gelöst. Zum einen ist nicht sicher, ob es dem Bautenministerium überhaupt gelingen wird, die Not-Infrastrukturen, wie versprochen, bis Ende 2007/2008 in Diekirch zu bauen. Zum anderen greift das Zeitargument von Bauten- und Unterrichtsministerium bei der jetzt angepeilten Lösung für das LTETT nicht: Die Machbarkeitsstudie, die laut Bautenminister prüfen soll, ob und inwiefern das alte LTA-Gebäude zu einem „neuen“ Nordstad-Lyzeum umgebaut werden kann, wird einige Zeit brauchen. Bis eine neue Ackerbauschule in Gilsdorf steht, die Umzugskartons gepackt und die Umbaumaßnahmen, sofern machbar und sinnvoll, im alten LTA abgeschlossen sind, dürften noch mehrere Jahre ins Land gehen. Ob ein Neubau oder ein Umbau schneller vonstatten geht, lässt sich zum gegebenen Zeitpunkt nur spekulieren. Interessanterweise legt die Ettelbrücker Gemeindeführung mit einem Mal erstaunliche Flexibilität an den Tag. Um das Nordstad-Lyzeum „als Kompensation“ für den Umzug der Ackerbauschule in Ettelbrück halten zu können, so der CSV-Bürgermeister Jean-Paul Schaaf, sei man sogar bereit, die jahrelang zurückbehaltenen Flächen auf der „Hardt“ freizugeben.

Raymond Straus vom Bildungsministerium verweist auf ein weiteres Moment, das Entlastung für den Norden bringen könnte: Im kommenden Jahr wird das Redinger Lyzeum seine Türen öffnen. Laut ministeriellen Berechungen, basierend auf Zahlen von der Rentrée 2005/2006, stammen rund 215 Schüler des technischen Lyzeums in Ettelbrück aus dem Einzugsbereich Redingen (davon 137 aus dem unteren Zyklus des technischen Sekundarunterrichts). Um 100 bis 200 Schüler könnte das LTETT entlastet werden, schätzt das Unterrichtsministerium – wenn Jungen und Mädchen, die heute nach Ettelbrück fahren, dann ins näher gelegene Redingen zur Schule gingen. Sicher ist das aber nicht: Schließlich bietet das Redinger Lyzeum andere Ausbildungsschwerpunkte an. Die „beachtlichen“ Entlastungseffekte von bis zu 600 Schülern, von denen die Studie ebenfalls spricht, würden ohnehin erst dann zum Tragen kommen, wenn das geplante Lyzeum im Kanton Clerf gebaut ist. Derzeit ist der Bau einer „kleinen“ Schule für den unteren Zyklus des technischen Sekundarunterrichts vorgesehen. Bis der Unterricht dort beginnen kann, werden aber noch Jahre vergehen. Einen Erfolg gibt es jetzt schon zu melden: Die Verhandlungen für das Grundstück in Clerf, dem Gelände der Cleveland Tramrail International S.A., haben die zuständigen Beamten vor kurzem erfolgreich abgeschlossen. Nach einer Übergangsphase von voraussichtlich zwei, drei Jahren, so Straus, könne mit dem Bau begonnen werden.

Positive Nachrichten kommen unterdessen aus der Nordstad. Als Folge des parteienübergreifenden Ärgers über den  Kommunikationsstil der Regierung trafen am Mittwoch Bautenminister Claude Wiseler, Innenminister Jean-Marie Halsdorf und Romain Diederich aus dem Landesplanungsministerium mit den Vertretern der Nordstad zusammen, um das zerschlagene Porzellan der vergangenen Wochen aufzukehren und die Informationen nachzureichen, die eigentlich schon zu Beginn des Jahres auf dem Tisch hätten liegen können. Sitzungsteilnehmern zufolge sei die Atmosphäre „insgesamt konstruktiv“ gewesen. Vor allem mit zwei Ankündigungen konnten die politischen Verantwortlichen die aufgeregten Gemüter offenbar wieder etwas  beruhigen: Derart grobe Kommunikationsfehler sollen sich in Zukunft nicht mehr wiederholen, die Minister geloben Besserung. Wichtiger dürfte eine weitere Zusicherung sein: Das Laduno-Gelände kommt für ein Nordstad-Lyzeum zwar nicht länger in Frage, von der landesplanerischen Wunschliste gestrichen ist das Gebiet trotzdem nicht. Es heißt also: Klappe, die nächste.

Ines Kurschat
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