Interview mit ABBL-Präsident Ernst-Wilhelm Contzen

Mentalitätswandel

d'Lëtzebuerger Land du 03.06.2010
Ernst-Wilhelm Contzen, 61, Chief executive officer der Deutschen Bank in Luxemburg, steht seit vier Wochen an der Spitze der Bankenvereinigung ABBL. Contzen lebt und arbeitet seit zwölf Jahren in Luxemburg und fühlt sich, so sagt er selbst, hier so wohl, dass er nicht mehr weg ziehen möchte. Als neuer ABBL-Präsident warnt er vor ausreißenden Kosten, die zu einem Wettbewerbsverlust führen, und fordert einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel.

d‘Land: Herr Contzen, Sie sind erst der zweite Nicht-Luxemburger an der Spitze der ABBL und damit auch innerhalb der Arbeitgeberverbände ein ziemlicher Exot. Wie leben Sie sich dort ein? Gibt es einen Mentalitätskonflikt?

Ernst-Wilhelm Contzen: Exot, na ja. Ich fühle mich als echter Europäer. Ich bin international aufgewachsen, arbeite in einem internationalen Unternehmen, wo wir viel Wert auf Vielfalt legen. Ich fände es sehr schön, wenn wir „Europa“ nicht immer nur betonen, sondern auch wirklich leben würden – gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten. Ich fühle mich als Bankenpräsident als internationaler Vertreter aller in unserer Bankenvereinigung tätigen Mitglieder.

Wie kommen Sie mit dem Luxemburger Verhandlungs- und Konsensmodell zurecht? Sie haben kürzlich zu verstehen gegeben, die Arbeitgeberverbände hätten den Tripartite-Verhandlungstisch früher verlassen sollen.

Ich habe nur eins gesagt: Aus meiner Sicht haben die Arbeitgeberverbände hinsichtlich der Indexierung immer wieder konstruktive Vorschläge gemacht, über die man zumindest mal hätte ernsthaft nachdenken können. Und das, was mich bei diesen Tripartite-Verhandlungen stört – die ich ansonsten als ein sehr gutes Instrument innerhalb unseres Konsensus-betonten Landes empfinde –, ist, dass die Gewerkschaftsseite einfach nicht mehr zugehört hat. Sie hat einfach „Nein“ gesagt. Sich einer Diskussion zu verweigern, kann nicht die Spielregel in einem Land sein, das gerade von einer Industrie so abhängig ist.  Man kann nicht immer nur „Nein“ sagen und: „Den Statistiken der OECD, denen glauben wir nicht. Und denen des Statec auch nicht.“ Das ist nicht der richtige Weg. Ich bedauere sehr, dass die Verhandlungen gescheitert sind. Ich sage aber auch: Hier in Luxemburg muss sich die Mentalität ändern.

Wie vereinbaren Sie denn besagte Aussage mit Ihrem Anspruch, auf den Dialog auch mit den Arbeitnehmervertretern setzen zu wollen?

Mein Aufgabe als Bankenpräsident sehe ich auch darin, unbedingt den Dialog zu pflegen. Ich muss ein Ansprechpartner für die Politik sein und bin dabei, meine Antrittsbesuche bei der Regierung zu machen.

Zu wem suchen Sie noch Kontakt?

Ich möchte den Kontakt zu den Aufsichtsbehörden halten, also zur CSSF und der Banque centrale de Luxembourg. Das ist notwendig, um ein Vertrauensverhältnis zu schaffen.  Wir haben in den letzten Jahren Fehler gemacht, und daraus gelernt. Also ganz konkret: Wenn wir ein neues Produkt auf den Markt bringen, muss es verständlich sein, es muss transparent sein, der Kunde muss es verstehen. Wenn diese Dinge im Voraus mit der Aufsicht geklärt werden, schließt das Missverständnisse aus. Wir alle müssen hart daran arbeiten, das Vertrauen der Kunden zurück zu gewinnen.

Und der Dialog mit den Arbeitnehmervertretern?

Ich werde mich bei den Gewerkschaften ebenso vorstellen wie bei der Politik und den Aufsichtsbehörden. Ich möchte auch dort zu Gesprächen kommen, weil hier Aufklärungsarbeit nötig ist. Der Bankenplatz besteht zu über 98 Prozent aus international operierenden Finanz­instituten oder Fonds. Dies erfordert vor allen Dingen eine internationale Denkweise. Sie müssen sich vor Augen führen, dass wir hier in Luxemburg nicht die Bedingungen vorgeben. Die diktiert uns der Wettbewerb. Die Wettbewerber, das sind nicht nur unsere direkten Nachbarn, das sind auch und vor allen Dingen internationale Finanzmetropolen, wie Singapur, Dublin, Zürich oder Hongkong.

Sie haben gesagt: Die Mentalität muss sich ändern. Inwiefern?

Die Leute müssen unternehmerischer werden. Man muss auch mal ein Start-up-Unternehmen gründen und Risiken eingehen. Diese Risikobereitschaft, die vermisse ich leider. Sie sollte gefördert werden, zum Beispiel durch Kredite. Und es muss ein Bewusstsein entstehen, dass nicht alles gottgegeben ist. Die Erträge kommen nicht von allein. Die müssen jeden Tag neu erarbeitet werden. In der Finanzindustrie arbeiten im Verhältnis zu aller Beschäftigten nur sehr wenige Luxemburger. Sie arbeiten lieber im Staatsdienst. Die Anfangsgehälter dort waren und sind viel zu hoch. Man hat eine wunderbare Stellung, ein Leben lang, träumt davon, mit 57 in Pension zu gehen. Wir würden gern mehr Luxemburger einstellen, finden aber keine. Die sind alle beim Staat oder den Gemeinden. Die Finanzindustrie wird getragen von den Grenzpendlern.

Die Kritik ist bekannt.

Ja, aber ich sage deswegen auch: Die Mentalität in der Beamtenschaft muss sich ändern. Diese hat gerade bei der Indexdebatte eine realitätsfremde Position eingenommen. Es kann nicht angehen, dass bereits sehr gut bezahlte Beamte – die nicht so im Wettbewerb stehen wie in der freien Wirtschaft, eine ständige Verbesserung erwarten, obwohl die Wettbewerbsfähigkeit Luxemburgs zurück geht.

Wie wollen Sie denn diesen Wandel bewerkstelligen?

Der wird daher kommen, dass man über den Tellerrand blickt. Indem man sich anschaut, wie die Wettbewerbssituation in anderen Ländern bereits verbessert wurde. Aus diesen Beispielen muss man lernen.

Es fehlt doch nicht an Informationen darüber, was in anderen Ländern vorgeht.

Doch. Ich glaube, es fehlt an Informationen, und die Presse berichtet zu wenig über wirtschaftliche Dinge. Aber wenn ich mal auf das Grundproblem zu sprechen kommen darf: Das fängt in den Schulen an. Unser Bildungssystem ist zu wenig auf die Wirtschaft ausgerichtet.

Sie beklagen ja nicht nur hohe Löhne beim Staat, sondern wiederholen, damit Luxemburg als Finanzstandort attraktiv bleiben kann, müssten die Kosten reduziert werden. Sind auch in der Finanzbranche die Löhne Schuld? Dass die Banken in den vergangenen zwei Jahren schlechte Resultate geschrieben haben, hatte vor allem mit krisenbedingten Verlusten, Einnahmeneinbußen, Abschreibungen  und Wertberichtigungen zu tun. 

Ich muss ganz klar sagen: Nach dem Lehman-Crash sind die Margen im Private Banking eindeutig gefallen. Und die steigen nie wieder auf das alte Niveau. Wir brauchen auf jeden Fall ein Lohn-Moratorium. In dieser Krisenzeit kann man die Gehälter nicht erhöhen. 2010 werden die Lohnkosten in der Bankenbranche durch eine In­dextranche, den aktuellen Kollektivvertrag, die Neustrukturierung der Unfallversicherung und höhere Krankenkassenbeiträge um 4,3 Prozent steigen. Das betrachten die Gewerkschaften mentalitätsmäßig als „Nullrunde“. Durch die Indexierung sind die Löhne in den vergangenen Jahren zu hoch geworden. Und gibt es 2010 eine zweite Indextranche, steigen die Lohnkosten um fast sieben Prozent. Welches Unternehmen der Branche soll denn das verdienen? Davon abgesehen halte ich die Indexierung nicht für gerecht. Da kriegt jeder das Gleiche, ob er qualitativ gut oder weniger gut gearbeitet hat. Und sie ist infla­tionsfördernd. Wir verlieren an Wettbewerbsfähigkeit und unterstützen die Job-Verlagerung. In Prag oder Moskau gibt es fantastische IT-Spezialisten, Physiker und Mathematiker, wie sie heutzutage in unserer Industrie als Fachleute gefragt sind. Dort liegt der Verdienst bei einem Drittel im Vergleich zu Luxemburg. Deswegen müssen die Kosten unbedingt unter Kontrolle gehalten werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Also doch die Krise. Werden mit dem Bankgeheimnis viele Arbeitsplätze verschwinden?

Die Finanzindustrie ändert sich, das hat auch einen Abbau von Arbeitsplätzen zur Folge. Das Retail-­Geschäft wird, unabhängig von dem Auslaufen des traditionellen Bankgeheimnisses, wesentlich zurückgehen. Gerade in diesem Bereich sind die Gehälter zu hoch. Bei rund 150 000 Grenzgängern wird der Arbeitsplatzabbau dort entsprechend stattfinden.

Welche Tätigkeitsfelder sind zukunftsträchtig? Was schlagen Sie vor?

Luxemburg ist weiterhin ein großes Zentrum für das internationale Kreditgeschäft. Das sieht man auch an den Erträgen der Banken, die im vergangenen Jahr zu  70 Prozent aus Zins­erträgen und zu nur 30 Prozent aus Provisionen stammten. Kreditzentrum zu sein, ist ein kompliziertes Geschäft, man braucht hoch qualifizierte Mitarbeiter, und gerade da sehe ich auch eine Zukunft. Wir müssen komplexere Aktivitäten in Luxemburg ansiedeln, um hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigen und  bezahlen zu können. Das Geschäft mit der Verwaltung von Pensionsfonds läuft an, viele Banken sind dort bereits aktiv. Das kann auch ein neues Geschäft in Luxemburg werden. So wie früher entsteht eine Nische, die sich entwickelt und größer wird. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass ein „privates Bankgeheimnis“ unbedingt in Luxemburg bestehen muss. Ich bin ein absoluter Gegner von einem automatisierten Austausch von Informa­tionen. Jeder Mensch hat den Anspruch auf „Privatsphäre“, dazu gehört auch das eigene, erarbeitete Geld. Außerdem haben die Rechtsformen, die die Regierung geschaffen hat, die Spezialfonds und die Sociétés de participations financières, nur um einige Beispiele zu nennen, Zukunft.

Es sieht derzeit nicht so aus, als ob Luxemburg dem automatischen Informationsaustausch entgehen könnte.

Das Bankgeheimnis in der traditionellen Form wird aussterben. Man kann von der Regierung nicht verlangen, dass sie etwas anderes aushandelt. Aber ich glaube schon, dass ein „Privates Bankgeheimnis“, wie bereits gesagt, für den Einzelnen und für unser Land vorteilhaft ist. Andere Länder können von Luxemburg nicht mehr verlangen, als das, was sie selbst von ihren Bürgern einfordern. Deshalb finde ich es paradox, wenn Luxemburg aufgrund alter Verträge eine höhere Abgeltungssteuer erheben müsste als andere Länder, die in ihrem eigenen Land niedrigere Abgeltungsteuern einfordern.

So wurde das verhandelt.

Auf Druck anderer großer Staaten, zum Beispiel der USA, hat man viele Verträge neu- und/oder nachverhandelt. Dann muss auch Luxemburg die Höhe der Abgeltungssteuer nachverhandeln können. Aber nochmals zurück zur Zukunft: Wir müssen hochwertige Tätigkeiten und Produkte anbieten und das auch so verkaufen. Nehmen Sie die Ucits-Fonds. Das Herkunftsland Luxemburg steht hier für höchste Qualität. Ein genehmigter Fonds aus Luxemburg kann in vielen Ländern vermarktet werden. Fonds aus Luxemburg haben einen sehr guten Ruf. Das ist vergleichbar mit einem Markenprodukt, mit hohem Erkennungswert und Qualitätssiegel wie Persil oder Coca-Cola. Solche Dinge brauchen wir und müssen diese vermarkten.

Wie finden Sie es denn, dass die Finanzbranche sich im Luxemburger Expo-­Pavillon in Shanghai nicht vorstellt?

Das finde ich nicht gut. In der letzten Sitzung der ABBL wurde beschlossen: Unsere Branche sollte als Teil der offiziellen Delegation des Großherzogs im Oktober nach Shanghai mitfahren und den Finanzplatz vorstellen. Darüber besteht Einigkeit bei ABBL und Alfi. Ebenso möchten die anderen Industrieverbände, Fedil und Chambre des Métiers, angemessen in der Delegation präsent sein und ihren Beitrag in Shanghai leisten. Zur Zeit geht es bei der Expo ja vornehmlich um Kultur. Die Finanzindustrie leistet durch ihre Arbeit und die daraus resultierenden Steuererträge einen großen Beitrag zum kulturellen Leben – und sichert indirekt auch dessen Finanzierung. Da kann es doch nicht sein, dass sich die größte Industrie unseres Landes, die Finanzindustrie,  auf der Weltausstellung in Shanghai nicht präsentieren kann.

So war das doch gar nicht. Die Promotionsagentur Luxembourg for finance (LFF) hat es abgelehnt mitzumachen, weil man dort nicht die richtige Zielgruppen ansprechen könnte. Das hat LFF-CEO Fernand Grulms – allerdings vor ihrem Amtsantritt – gegenüber dem Land bestätigt.

Ich habe mit ihm bereits darüber gesprochen und wir werden jetzt darüber nachdenken, in Shanghai präsent zu sein. Ich möchte da natürlich auf die Unterstützung unseres Großherzogs bei unserer Veranstaltung zählen. 

À propos andere Berufverbände. Sie haben sich – nach Art der Regierungschefs – vorgenommen, nach den ersten hundert Tagen im Amt eine erste Bilanz zu ziehen. Und bald ziehen alle in Profil zusammengefassten Vereinigungen auf dem Kirchberg unter ein Dach. Ist eine Umstrukturierung im eigenen Haus Ihre erste Baustelle?

Ich finde, die ABBL ist sehr gut strukturiert und hat mit Jean-­Jacques Rommes an der Spitze eine erstklassige Führungsmannschaft. Der Umzug muss sich mentalitätsmäßig niederschlagen. Ich bin mit dem Präsidenten der Alfi, Claude Kremer, einig: Da muss ein Mehrwert entstehen. Die Mannschaften unterhalb der Präsidenten müssen näher zusammenrücken, damit wir schlagkräftiger werden...

...ABBL und Alfi wohnen auch jetzt schon unter einem Dach am Boulevard Royal.

Ja, aber da muss jetzt noch einmal neuer Schwung kommen, ebenso mit anderen Profil-Mitgliedern. Mit Herrn Kremer hab ich auch schon überlegt, ob wir unser Büro in Brüssel nicht personell verstärken sollten. 

Wo es derzeit nur einen Mitarbeiter gibt.

Ja, dieser macht eine hervoragende Arbeit. In Brüssel werden die wichtigen Entscheidungen getroffen, und je näher Sie an der EU-Kommission dran sind, von der Richtlinienvorschläge ausgehen, desto besser hören Sie, was da los ist, wie da gedacht wird. Einfluss nehmen kann man immer am besten, wenn etwas im Entstehen ist. Ich bezeichne das nicht als Lobbying, sondern als positiven Input.

Sie sind seit kurzem Mitglied im Haut comité de la place financière. Können Sie erzählen, was dort passiert?

Durch meine Präsidentschaft bin ich Mitglied dieses Comités geworden. Somit werde ich zum ersten Mal an der nächsten Sitzung teilnehmen. Mehr kann ich zur Zeit nicht sagen. An dieses Komitee muss man sehr hohe Ansprüche stellen. Es wird ja auch vom Finanzminister Luc Frieden persönlich geleitet. Der muss sich entsprechend Zeit dafür nehmen. Es ist wichtig, dass die Politik gerade in diesen Zeiten ein offenes Ohr und Zeit für die Belange der Finanzindustrie hat.

Weshalb?

Weil es die entscheidende Industrie in unserem Land ist. Es ist populär, von Diversifizierung zu reden. Das klingt wunderbar. Aber beim hiesigen Gehaltsniveau wird es sehr schwierig sein, neue Industrieproduktionen anzusiedeln. Ich kann also hier nur erfolgreich Firmen akquirieren, die einen wirklichen Mehrwert schaffen. Diversifizierung muss aber vor allem im Finanzsektor erfolgen. Wir brauchen Wettbewerbsvorteile und müssen bessere Produkte als Andere in kürzerer Zeit als die Anderen auf den Markt bringen. Dafür brauchen wir auch eine reaktive Bürokratie, die schnelle Entscheidungen erst möglich macht – das war immer einer unserer Vorteile.
Michèle Sinner
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