Umsetzung der Bildungsreformen

Mit dem Rotstift

d'Lëtzebuerger Land vom 25.06.2009

Dreht sich das Personalkarussell oder dreht es sich nicht? Spekulationen über die neue Regierungsmannschaft gehören seit den Landeswahlen vom 7. Juni zum Lieblingszeitvertreib von Zeitungen und Stammtischen. Setzt die CSV-LSAP-Koalition auf personelle Kontinuität in ihren Dossiers, und wird daher die alte Unterrichtsministerin auch die neue sein? Oder erhebt die erstarkte CSV Anspruch auf das Bildungsministerium, das mit Ausnahme der letzten zehn Jahre lange Zeit fest in schwarzer Hand war? 

Nicht zuletzt aus christlich-sozialen Parteikreisen stammen Gerüchte, wonach die CSV sich gleich mehrere Szenarien vorstellen kann: eine Fusion zu einem Superministerium aus Arbeit, Hochschule und Bildung mit einem François Biltgen an der Spitze, oder doch lieber einen Bildungsminister Claude Wiseler, der vor seiner Ernennung zum Bautenminister 2004 bereits Sporen in der Schulpolitik verdient hatte. Jetzt, wo die delikaten Verhandlungen über die Lehrergehälter längst abgeschlossen sind, und nach der Grundschulreform die Modernisierung der Lyzeen ansteht, könnte das Ressort strategisch umso wichtiger sein, argumentieren Befürworter eines christlich-sozial geführten Bildungsministeriums.

Doch ganz gleich, wer das Staffelholz in wenigen Wochen übernehmen wird: Ein Zuckerschlecken wer­den die nächsten bildungspolitischen Etappen ganz sicher nicht. Zwei große legislative Baustellen konnte Delvaux zwar abschließen – die Reform der Berufsausbildung und die der Grundschulen –, doch beider Gesetze harren noch ihrer Umsetzung. Und die ist alles andere als ein Spaziergang. Denn nicht nur die zentralisierte Zuteilung des Grundschulpersonals stellt den Sektor vor große organisatorische Umwälzungen. Schon melden sich Gemeinden zu Wort, darunter die Stadt Luxemburg, die über „Unwägbarkeiten“ und „Improvisationen“ klagt. So ist der Aufbau der multidisziplinären Teams aus Psychologen, Logopäden und Sonderpädagogen, die den Lehrern bei Schülern mit Lernschwierigkeiten zur Hand gehen sollen, noch völlig offen. Im Ministerium ist man im Gange, erst einmal zu ermitteln, wie viele Menschen in dem Bereich überhaupt arbeiten: Wegen der diversen Dienste (Srea, Service de guidance) fällt der Überblick schwer, so dass ungeklärt ist, ob das vorhandene Personal ausreicht, um mindestens ein Team pro Bezirk auf die Beine zu stellen, wie es das Schulgesetz vorschreibt. 

An „einer substanziellen finanziellen Unterstützung“ (der Gemeinden) komme die Regierung nicht vorbei, forderte Viviane Loschetter, grüne Schulschöffin der Hauptstadt, vor einer Woche und traf damit einen Nerv: Denn die Finanz- und Wirtschaftskrise wird auch am Bildungsbereich nicht spurlos vorüber gehen. Nachdem der Haushalt für 2008 noch unter dem Eindruck eines stetigen Wirtschaftswachstums kalkuliert wurde, hat sich das Blatt inzwischen komplett gewendet. Expertenschätzungen zufolge ist mit einem Defizit von bis zu vier Prozent für 2009 zu rechnen. Was das konkret für das Bildungsressort bedeutet, lässt sich noch nicht absehen; sicher ist nur, dass der schulpolitische Gestaltungsspielraum in den kommenden Jahren massiv schrumpfen wird. Zumal ab September die versprochene Anpassung der Gehälter der Grundschullehrer fällig wird. Geschätzter Kostenpunkt: im zweistelligen Millionenbereich. Das Ministerium ist um Business as ususal bemüht und hat, wie jedes Jahr, seinen Finanzbedarf dem Budgetministerium gemeldet, allerdings „ohne die neuesten Prognosen“ zu berücksichtigen. Spätestens im August, wenn die neue Ministerriege steht, würde Finanzierbarkeit der Vorhaben diskutiert. Dabei ist allen Beteiligten klar: So wie bislang wird es nicht weitergehen. „Wir müssen damit rechnen, dass wenn Einsparungen kommen, auch wir unseren Beitrag leisten müssen“, beschreibt ein Insider den bevorstehenden Verteilungskampf.

Hinter den Kulissen hat daher die fieberhafte Suche nach Einsparpotenzialen begonnen – und der Rotstift könnte auch die Reformpläne betreffen. Wegen der Koalitionsverhandlungen schweigen sich beide Verhandlungspartner noch über Sparmaßnahmen aus. Dass bei den Infrastrukturen gespart wird, ist aber schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Druck der Schülerzahlen anhält, und ein Teil der Ausgaben für Schulneu- und umbauten im Konjunkturpaket einkalkuliert sind, mit dem die Regierung das Wachstum anzukurbeln hofft. Die Modernisierung der Berufsausbildung und die Approche par compétences, Kernstücke der rot-schwarzen Bildungsreform, werden in der kommenden Legislaturperiode ebenfalls zu den Top-Prioritäten gehören. Deren Umstellung steht immerhin im Gesetz. 

Wann der kompetenzorientierte Unterricht allerdings Alltag an Luxemburgs Schulen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie viel Ressourcen dem Ministerium und den Schulen zugestanden werden: für Fortbildung, für Schulprojekte, für Analysen. Genau hier kündigen sich Einsparungen an. Fünf Mitarbeiter zählt die Agence pour le développement de la qualité, eine Art Schul-Sandweiler, der künftig die Qualität der Schulen analysieren und begleiten soll. Wie eine hochwertige Analyse und Beratung der rund 150 Grundschulen im Land klappen soll, die ab kommendem Jahr mit Plan de reussite, Lehrzyklen und Teams funktionieren, wissen die Verantwortlichen vermutlich nicht einmal selbst. Und dann sind da noch die Gymnasien. 

Hellhörig machen zudem Pläne, die vergangene Woche in der Personalplanungskommission diskutiert wurden: So wird überlegt, die so genannten Décharges zurückzuschrauben und verstärkt Überstunden einzusetzen. Das Ministerium hofft so, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Eine Lösung des Dauerproblems Lehrermangel ist nicht in Sicht, weil in den kommenden Jahren viele Lehrer in Rente gehen werden und nicht genügend neue nachrücken. Weniger Freistellungen hätten den Vorteil, dass mehr Lehrer frei würden, um zu unterrichten. Die undurchsichtige Vergabepraxis der Décharges ist der Finanzinspektion ohnehin ein Dorn im Auge. Nicht immer ist ersichtlich, wer warum für welche Arbeit wie viele Stunden angerechnet bekommt. Muss die neue Schulcharta, das Projekt für mehr Schüler- oder Eltern-Partizipation oder die Reflexion über Stundenpläne wirklich über Freistellungen abgewickelt werden oder gehören sie nicht sowieso zu den Kernaufgaben einer Schule, deren Lehrer im EU-Vergleich überdurchschnittlich gut verdienen? „Wenn Schulen mehr Autonomie wollen, muss man von ihnen auch verlangen können, verschiedene Arbeiten innerhalb des Regelbetriebs zu erledigen“, betont Script-Direktor Michel Lanners. 

Andererseits wurden pädagogische Innovationen wie die Écoles en Mouvement, die Laborschule Eis Schoul, in der Behinderte mit Nicht-Behinderten gemeinsam lernen, oder die Escher Ganztagsschule Jean-Jaurès erst möglich, weil Lehrer von ihrer Unterrichtszeit freigestellt waren, um sich neuen Inhalten und Konzepten widmen zu können, (unbezahlte Überstunden oft inbegriffen). Auch die diversen Arbeitsgruppen im Ministerium, in denen Lehrer an Socles des compétences und Plan d‘action des langues feilen, funktionieren zu einem Großteil über Freistellungen. Wer wird die Arbeit machen, wenn die Teilnahme künftig als Überstunden abgerechnet werden soll? 

Für den 16. Juli hat das Ministerium sämtliche Arbeitsgruppen eingeladen, um die Bilanz zu ziehen und über die weitere Vorgehensweise zu schauen. Einen kleinen Vorgeschmack, was ihm blühen könnte, sollte das Ministerium auf Freistellungen ganz verzichtet wollen, gab es bereits: Als in einer Arbeitsgruppe die Nachricht von möglichen Kürzungen durchsickerte, waren Empörung und Enttäuschung groß: „Wir bekommen kaum bis keine Anleitung vom Ministerium. Weil es an allen Ecken und Enden an Expertise fehlt, müssen wir uns vieles selbst erarbeiten, und nun sollen wir das auch noch neben der normalen Schulzeit tun?“, klagt ein Teilnehmer. Neuen Ärger mit den Lehrern kann sich die Regierung aber schon deshalb kaum leisten, weil das Ministerium auf Hilfe dringend angewiesen, zumal ja noch die Reform der Lyzeen als nächstes heißes Eisen anstehen. Eine auf Effizienz ausgerichtete Schulpolitik muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie die Ansprüche, die sie anderen gegenüber stellt, auch  selbst erfüllt: Über Umfang und Einsatz von Freistellungen entscheidet nicht zuletzt das Ministerium, das auch sicherzustellen hat, dass die Mittel sinnvoll eingesetzt werden. Doch sogar gutwilllige Lehrer berichten von langwierigen, wenig ergiebigen Sitzungen auf Ministeriumsebene, von unklaren Absprachen und mangelnder Unterstützung. Eine gute Vernetzung, klare Ziel- und Zeitvorgaben sowie eine permanente Rückkopplung aber sind das A und O, um knappe Ressourcen sinnvoll einzusetzen.

Wie viel das Ministerium in punkto Vernetzung dazuzulernen hat,zeigt die Grundschulreform. Seitdem Ministerin Mady Delvaux-Stehres ihre (Wahl-)Tournee durchs Land beendet hat, um Eltern und Lehrern ihr „Jorhonnertwierk“ (LSAP) vorzustellen, ist es mit der Tuchfühlung zur Basis nicht mehr weit her. In den Einsatz kommen die üblichen Mittel: Per Circulaire erhalten Schulen und Lehrer Anweisungen, wie sie Schulkomitees wählen und Teams aufbauen sollen. Die technokratische Sprache erschwert das Verständnis, die Homepage des Ministeriums (www.men.lu) listet lustlos Broschüren und Gesetzestexte auf. Der Luxemburger Bildungsserver Myschool.lu bietet eine umfassende Dokumentenbank, aber auch dort fehlt es an anschaulichen Beispielen. Ein Film über Best practises von Schulen, die erste Erfahrungen mit Lehrzyklen und Teamwork gemacht haben, ist seit einer internen Vorstellung in der Versenkung verschwunden. Auch das kostet. 

Bildungsstandards, Lehrer-Fortbildun­gen, neue Bewertungsformen, kompetenzorientierte Lehrzyklen, Qualitätsagentur – das alles ist ein Ganzes. Wer hier spart, gefährdet die Gesamtreform. Ihren Wählern hat die LSAP die Einführung des kompetenzorientierten Un­terrichts auf allen Schulstufen, mehr Fortbildung sowie eine stärkere Vernetzung versprochen. Auch, dass es unter ihrer Führung keinen Sozialabbau geben soll. Eine klare Ansage, die die Sozialisten nur noch gegen ihren alten und neuen Koalitionspartner durchsetzen muss.

Ines Kurschat
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