Der Kaiser ist wieder daheim

Habsburg Grusical

d'Lëtzebuerger Land vom 22.07.2011

Zwölf Jahre lang habe er sich auf den Todestag des Vaters vorbereitet, sagt Karl Habsburg am Abend des Todestages seines Vaters im Fernsehen. Der sei aber gut drauf, meint der junge Mann vor dem Fernseher. Wahrscheinlich, weil er sich jetzt nicht mehr vorbereiten müsse.

„Der hat mir das Frühstück nicht ans Bett gebracht“, schnaubt die junge Verkäuferin im H[&]M in der Kärtnerstraße. Ganz sicher werde sie nicht ums Eck zum Neuen Markt gehen und dort einen Sarg mit einem Kaiser drin anschauen. Kaiser? Österreich ist eine Republik, werden Stimmchen laut. Steuerzahler protestieren schwach. Ultimative Werbung, raunt der Bürgermeister. Wenn man schon keine Kate hat und keine Charlene, nur eine tote Sissi. Aber jetzt einen neuen, toten Kaiser. Ok, er war nicht Kaiser. Ok, bis 1961 durfte er nicht einmal das Land betreten. Schnee von gestern! Es lebe der Kaiser!

Nicht wirklich. Alles Theater. Oder? Aber Franz Josef Otto Robert Maria Anton Karl Max Heinrich Sixtus Xaver Felix Renatus Ludwig Gaetan Pius Ignatius war ein toller Mensch. Er war Parlamentarier. Der Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, Großherzog von der Toskana und Krakau, Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyr, Kärnten, Krain und der Bukowina, Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren, Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara schwänzte nie. Er war nicht nur ein Europäer, er war ein Paneuropäer. Er war gegen Hitler. Gegen die Kommunisten sowieso. Ein Großer, ein ganz Großer. Er hat sein Schicksal angenommen und es gestaltet. Da sind wir ihm echt was schuldig. Nach all dem. Oder?

Die Herumsitzenden beim Lucky Chinese vor der Kapuzinergruft lauschen bei einem weißen Spritzer den wunderschönen Sätzen über Europa, die in Endloswiederholung seit Tagen über den Platz schallen. Über das alte, das neue, das Europa der Kultur, der Kathedralen, der vielen neuen, alten Länder. In einer langen Schlange harren Touristen in Shorts, Mütter mit ihren Kindern, entspannte Pensionisten, langhaarige Jünglinge darauf, endlich vor zwei Särgen zu stehen. Hardcore Monarchisten stellt man sich anders vor. Diese beiden Särge gondeln schon seit Tagen durch die Lande. Gattin Regina wurde von der bayrischen Familiengruft aus auf die Reise geschickt. Zuerst in den Wallfahrtsort Mariazell in den niederösterreichischen Voralpen. Dann in das Kaiserreich der Toten, die Kapuzinergruft in Wien. „Ich komme aus Indiana und schüttele plötzlich Karl Habsburg die Hand.“ Die Professorin aus den USA staunt noch immer über dieses Österreich der Grüfte und der reiselustigen Särge. Bei Nacht und Vollmond, die Schlange steht immer noch, werden Kaiserspross und Gattin wieder in den Dom kutschiert: morgen Hochamt!

Im Penthouse gegenüber vom Stefansdom lädt eine Dame der Gesellschaft zu Kaisersemmeln, Kaisergulasch und Logenblick auf Fußvolk und erlesene Gäste. Das Fußvolk schwitzt bei Kaiserwetter, wie die greisen Wiener noch immer das richtig schöne Wetter nennen. Fahnen, Standarten, Banner, Wimpel. Wappen, Waffen, Schleifen, Schärpen. Rote Adler, Borten, Eichenlaub. Aus sämtlichen Kronländern, aus dem Reich, in dem die Sonne nie unterging, sind sie angerückt und ausgerückt. Eingerückt? Wurzelzwerge, Rübezahle. Rauschebärte, Pferdeschwänze, aufgezwirbelte Schnurrbärte. Hüte, Hauben, Helme, auf denen welkendes Grünzeug weht. Nur die Burkas und die Touristen aus den Emiraten, die das sommerliche Wien prägen, sind von der Bildfläche verschwunden.

„Neuhaus, altes Haus! Alles paletti? Wie war’s im Dom?“ Das alte Haus sagt eh super, der Spät- Yuppie in schwarzer Tarnkleidung steigt auf den Stuhl in der ersten Reihe. Den Unmut in der zweiten Reihe kontert er mit Sprüchen, in denen frühe Vögel als erste den Wurm fangen und frühe Schweindln als erste am Trog sind. Einer märchenhaft schönen, straffgesichtigen, beinahe ohnmächtig gewordenen Begum wird auf der Terrasse des Lucky Chinese von ihrem zappeligen Prinzen mit schwarz lackiertem Haar Cola eingeschenkt: „Trink! Schnell! Alle warten!“

Kapuzinergruft, that’s where it’s at! Sie kommen gleich! Die Särge. Die Kaiser, die zwar keine Kaiser sind, aber wen kümmert’s. Der Kaiser wurde vertrieben, der Kaiser ist wieder da. Toter Kaiser, guter Kaiser. Noch einmal Kaiser spielen! Einmal noch! Die „schöne Leich“ hat in Wien schließlich Tradition. Wenn es auch noch die eines Kaisers ist! Leichenfestspiel ohne Ende. Mit allerhand nekrophilen Delikatessen. Das Herz wird dem Toten aus dem Busen geschnitten, das ist für die Budapester. Die Eingeweide allerdings kommen nicht mehr in den großen Eingeweidetopf unter den Stephansdom, wie das mal zum guten Ton gehörte.

Einmal noch kaiserliche Särge, die unter sengender Sonne in offenem Wagen durch Pracht- und Machtstraßen gefahren werden. Habsburg, öffne die Kla-Mottenkiste! Helme, Hauben, Gamaschen, Mantillen. Federn, Bänder, Schleier. Einmal noch Maximilianer, Deutschmeister, Tiroler Schützen. Einmal noch Grabesritter, Malteser, Sternkreuzorden, Vliesritter. Einmal noch Kreuzträger und Ordenkissenträger. Einmal noch Zinnsoldaten. Einmal noch Husaren, Bajuwaren. Die Uskoken kommen anmarschiert, und da! – der Großmufti aus Sarajewo. Einmal noch Kanonen am Heldenplatz! Schweiß, Weihrauch, Pulverdampf. Ist das ein islamistisches Attentat? Das könnte einen Toten erwecken! Nein, nur Salutschüsse aus Gewehren vor unserer Nase.

Noch einmal mittelalterliches Zeremoniell! Noch einmal soll der Zeremonienmeister anklopfen an die Kirchenpforte und um Einlass bitten und alle Titel vorlesen! Bevor der Kapuzinerpater den Einlass verweigert und erst dem armen Sünder Einlass gewährt.

Happy End. Der Kaiser ist wieder daheim! Hat Otto von Habsburg nicht gesagt, der wichtigste Tag im Leben eines Menschen sei sein Todestag? Die Serviererin beim Lucky Chinese freut sich: „Endlich! Wozu nur?“

Michèle Thoma
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