"Barrage"

Un barrage qui ne pisse pas pète

d'Lëtzebuerger Land du 10.02.2017

Man sucht lange nach dem Schlüsselmoment des Films. Ein Hund stirbt und wird begraben. Ein Luxemburger versucht sich als Verführer und scheitert. Ein Kind rutscht im Park aus und wird verarztet. Der Kopf eines ausgestopften Wildschweins fällt von der Wand und die Welt dreht sich weiter. Dies alles geschieht in dem Film Barrage der luxemburgischen Regisseurin Laura Schroeder. In loser Reihenfolge. Heute feiert er Premiere in der Sektion „Forum“ der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Ein Film, der auch ein wenig das Heimatland der Regisseurin würdigt, wertvolle Momente eines Familientrios einfängt, um sich allzu leicht in Unentschlossenheit zu verlieren und zu viel an Tragik, Problematik und Ticks überhaupt aufarbeiten möchte. In 112 Minuten.

Der Plot: Nach zehn Jahren, in denen ihre Tochter Alba von ihrer Mutter Elisabeth großgezogen wurde, kehrt Catherine aus der Schweiz zurück nach Luxemburg. Am Rande eines Tennisplatzes schaut sie zu, wie ihre Tochter von der Großmutter im Tennistraining angespornt wird. Deutlich spiegelt ihr Gesicht, wie gut sie sich an die Mischung aus Motivation und Beschämung aus ihrer eigenen Kindheit erinnern kann. Die Rollen in diesem weiblichen Familientrio scheinen verteilt. Vermeintlich. Denn Catherine ringt mit ihrer Position zwischen Opfer und Täter. Mit aller Gewalt, manch gutem Vorsatz und noch besserem Willen möchte sie die verschenkte Zeit mit ihrer Tochter nachholen und ihre Abwesenheit wieder gutmachen. Sie möchte das anders und mit viel Anstrengung an und für ihre Tochter Alba besser machen, was ihr Mutter Elisabeth versäumt und vermurkst hat. Fürsorge wechselt dabei schnell in Kontrolle und Macht, Geborgenheit schwankt zwischen Distanz und übergriffiger Nähe, Verantwortung steigert sich in absolute Überforderung und Verzweiflung. Catherine ist dabei Angelpunkt und Scharnier zwischen den Generationen, verzweifelt an ihrer Position und ihrer Rolle, betäubt sich gerne mit Alkohol auf einem Dorffest in der luxemburgischen Provinz oder schluckt Stimmungsaufheller, um überhaupt durchs Leben zu kommen. Es ist eine Geschichte um Tradierung von Rollenmustern und Konflikten über Generationen hinweg, die zeigt, wie schnell Opfer zu Tätern werden können, wenn sie mit aller Gewalt alles besser machen wollen. Wenn sie sich so sehr den Himmel auf Erden wünschen, dass sie nicht bemerken, wie sehr sie damit anderen die Hölle auf Erden bereiten.

Versuch einer Annäherung: Mutter Catherine steht nach zehn Jahren im Garten. Tochter Alba zeigt sich nicht sonderlich erstaunt, nicht neugierig, sondern apathisch und flüchtet. Großmutter setzt derweil andere Prioritäten. In kurzen Momenten lässt sich erahnen, wie reglementiert Helikopter-Großmutter und Überflieger-Mutter Elisabeth die Jugend ihre Tochter Catherine dominierte, bestimmte, plante und verplante. Das zeigt Schroeder sehr stimmig nicht in Rückblicken oder Traumszenen, sondern im übertragenen Sinne im Verhältnis zwischen Großmutter und Enkeltochter. Etwa dann, wenn die Großmutter der Enkeltochter irgendwelche leistungsfördernden Mittel wie Gummibärchen in den Mund steckt, sie zu mehr Leistung und widersinnigen Übungen anstachelt, um aus ihr endlich den Tennis-Champion zu machen, der ihre Tochter nie sein wollte. In diesen kleinen Augenblicken versteht Schroeder es, Konflikte, Dispositionen und deren Tradierung in familiären Konstrukten offenzulegen.

Um sich recht schnell wieder in nichtssagenden, beinahe überflüssigen, überlangen Szenen zu verlieren. Etwa dann, wenn der Film die Ebene der jeweiligen Mutter-Tochter-Beziehungen oder Familientrilogie verlässt und in das Seelenleben der einzelnen Protagonisten einzutauchen versucht. Dann gerät eine innere Machtlosigkeit, sich gegen externe Faktoren und äußere Konstrukte zu stemmen, zu einem Sichtreibenlassen durch pittoreske Landschaften. Schroeders Film funktioniert im Zusammenspiel der Akteure, im Dialog – sowohl von Elisabeth zu Catherine, als auch von Catherine zu Alba. Der Regisseurin gelingt die Spiegelung von zwei schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnissen in der Übertragung auf die Großmutter-Enkeltochter-Beziehung. Dazwischen pendelt Catherine folgerichtig als Täter-Mutter und Opfer-Kind. Doch wehe, man lässt sie mit den Protagonisten des Geschehens alleine: Lolita Chammah als Catherine weiß nicht so recht, wie ihr geschieht, und kann auch kaum erklären, warum sie nach all der Zeit dann doch wieder eine Beziehung zu ihrer Tochter, aber kein Verhältnis zu ihrer Mutter haben möchte. Thémis Pauwels als Alba erstarrt in Überforderung und Ausdruckslosigkeit; dann wieder gibt sie mehr als überzeugend das trotzige Kind, das zu gerne Mutter und Großmutter hätte. Isabelle Huppert wird zum Abziehbild der überehrgeizigen Mutter. Sie spielt ihre Rolle routiniert runter. Motive verlieren sich in der Landschaft. Luxemburg ist wunderschön, seine Landschaften sind einmalig. Sommerhäuser liegen weit entfernt vor der Stadt, dass sie nur in tagelanger, beschwerlicher Autoreise erreicht werden können.

Es gehe um das Aufeinanderprallen zweier Welten, erklärt die Regisseurin Schroeder, besser noch dreier Welten. Der Film lässt dabei vieles weg und konzentriert sich nur auf wenige Momente. In kleinen, einzelnen Szenen sehr gelungen, über die ganze Länge jedoch einer dieser mustergültigen Arthouse-Filme, die leider eines überraschenden Moments, eines Deus ex machina entbehren; da können auch das Getöse eines Stauwehrs und der Tod eines Hundes keine Wendung herbeibringen. In Kameraführung und Montage ist der Film uneindeutig. Aus heiterem Himmel wird dem Zuschauer mit aller Macht gezeigt – als einmaliger Griff in die Aufnahmekomposition –, dass die Welt nun Kopf steht. Und zwar so richtig. Heftig. So bleibt der Film eine Studie über eine Familienfrauenbande, die still und sanft auf ein Wehr zu plätschert.

Barrage von Laura Schroeder; mit: Lolita Chammah und Isabelle Huppert; Luxemburg/Belgien/Frankreich; 112 Minuten

Martin Theobald
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