Öffentliche Toiletten

Pinkeltragödie

d'Lëtzebuerger Land vom 22.07.2011

Heute loben wir die öffentlichen Toiletten. Könnte es sein, dass in der Regierung ein Minister sitzt, der keinen Harndrang verspürt? Dem alles fremd ist, was mit Blasendruck, schmerzhaften Blähungen im Unterleibsbereich, krampfhaft zusammengepressenten Knien zu tun hat? Umgekehrt: Wo in der gesamten EU müssen Menschen für ihr elementares Pinkelrecht auf die Straße gehen? Wir sind doch ein hoch entwickeltes, zivilisiertes Land mit zahllosen Bedürfnisanstalten. Wieso müssen zum Beispiel Busfahrer in Wiltz mit gewerkschaftlicher Unterstützung dafür kämpfen, dass ihnen das Klo nicht einfach vor der Nase zugesperrt wird?

Ja, es sind Schulferien, das Wiltzer Lyzeum, den Busfahrern zugeneigt und voller Verständnis für ihre Notdurftanliegen, ist einen guten Monat lang menschenleer und also personell verwaist. Der Minister müsste also verfügen, dass für die zutiefst menschlichen Regungen der Busfahrer eine Ausnahme verfügt wird. Im Klartext: die von den Busfahrern während der Schulzeit benutzten Toiletten sollten auch in der Urlaubszeit zugänglich bleiben. Diese Forderung ist so banal, dass man nicht einmal daran zu denken wagt, sie könnte nicht eingelöst werden. Der Minister muss nur per Federstrich den Busfahrern entgegenkommen. Genau das tut er aber nicht.

Wahrscheinlich hat er eine strukturelle Maßnahme im Kopf. Er denkt immer nur in Gesamtstrukturen. Das Urinieren – wir benutzen hier bewusst die wissenschaftliche Bezeichnung – darf nicht einfach anarchisch die Herrschaft über den menschlichen Organismus antreten. Was wir alle brauchen, ist ein Urinierverhalten, das sich stromlinienförmig in das Organigramm einer postprimären Unterrichtsanstalt einfügt. Die Regierung kann sich beim besten Willen nicht mit der aufmüpfigen Vorstellung anfreunden, das individuelle und kollektive Urinieren könnte unabhängig vom Funktionsmodus des Lehrbetriebs ins Auge gefasst werden.

Wo kommen wir denn hin, wenn während der Schulferien unablässig ins Wiltzer Lyzeum hineinuriniert wird? Entsteht so nicht ein krasses Ungleichgewicht, eine lokale Blase sozusagen, die sich verheerend in der nationalen, postprimären Urinierstatistik niederschlägt? Was sagen denn die anderen Schuldirektoren, die nicht mit urinierfreudigen, protestierenden Busfahrern konfrontiert sind? Könnte die Wiltzer Urinierausnahme nicht als ungerechtfertigtes Privileg aufgefasst werden, das am Ende sogar die Schüler traumatisiert, weil in ihren Anstalten keine Menschen aus dem Volk sommersüber ihre Blase entleeren? Müsste dann nicht eine Art Urinierbenevolat ins Leben gerufen werden, ein freiwilliges Kontingent von Pinklern, die zumindest symbolisch den ungerechtfertigten Vorsprung des Wiltzer Lyzeums ausgleichen, indem sie zu bestimmten Ferienzeiten mit hoher Konzentration ihr Geschäft in allen anderen Unterrichtsgebäuden verrichten? Und wie steht es mit der Koordination und der Auswertung der diversen Pinkelaktionen? Müssten nicht wöchentliche Bilanzversammlungen einberufen werden, wo die staatlich vereidigten Pinkler ihre Erfahrungen austauschen und ihre Urinierberichte schreiben? Wir können uns wirklich keinen Rückfall in die finsteren Zeiten vor der Schulreform erlauben.

Früher wurde uriniert, was das Zeug hielt. Wild, unbeherrscht, einfach nur elementaren Körpersignalen folgend. So primitiv geht das heute nicht mehr. Der Minister wird uns belehren, dass das Urinieren zu jedem Zeitpunkt landesplanerisch vertretbar sein muss. Und nicht nur das: Wir brauchen ein stabiles, interregionales Urinierkonzept, in dem die Busfahrer zwar adäquat berücksichtigt werden, aber nicht überrepräsentiert sein dürfen. Nach dem Gleichheitsprinzip darf keine Bürgerkategorie bevorteilt werden. Was machen wir denn, wenn sich andere Bevölkerungsteile von den Busfahrern inspiriert fühlen? Wenn plötzlich die Schafszüchter, die Ardennenwanderer, die Inline-Skater, die Vogelschützer, die Rockkonzertbesucher, die holländischen Touristen, die norwegischen Pfadfinder lautstark fordern, mitten im Sommerloch das Wiltzer Lyzeum bepinkeln zu dürfen? Müssten wir dann nicht sofort für all diese Urinierfraktionen eine verbindliche Quotenregelung einführen? Und eine amtliche Urinierbescheinigung?

Man sieht, die Politik ist kompliziert und kann im Kern eigentlich keine Rücksicht nehmen auf private Kinkerlitzchen. Damit nicht alles in die Hose geht, müssen auch die Busfahrer lernen, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als die neurotische Beziehung zur eigenen Blase. Man muss ja nicht immer nur besessen ans Pinkeln denken. Der Minister führt uns ja vor, wie wir mit organischen Trivialitäten fertig werden. Er macht sich morgens vor Arbeitsantritt einfach einen Knoten in den Schniedelwutz. Und schon ist das Toilettenproblem für acht Stunden aus der Welt geschafft. Er fährt auch nur mit dem Dienstwagen. Der rüttelt nicht so stark wie ein Bus. Daran sollten sich die Busfahrer ein Beispiel nehmen. Ist doch klar: das Rütteln irritiert die Blase. Der Bus ist das Problem.

Guy Rewenig
© 2017 d’Lëtzebuerger Land