Die Luxemburger Rüstungsindustrie

Stiefel, Stahl und Satelliten

d'Lëtzebuerger Land du 16.12.2016

Erstmals seit 1951, seit Lambert Schaus (Groupement), ist der Verteidigungsminister zugleich auch Wirtschaftsminister. Unter dem Druck, die Militärausgaben aus diplomatischen Gründen künstlich aufzublähen, brachte dies Wirtschafts- und Verteidigungsminister Etienne Schneider (LSAP) dazu, einen möglichst großen Anteil dieser für unvermeidlich gehaltenen Ausgaben wenigstens in die nationale Wirtschaft umzuleiten. Wozu, neben Malerarbeiten in der Kaserne auf dem Diekircher Herrenberg, die nationale Rüstungsindustrie ausgeweitet werden soll.

Seit der Gründung des Großherzogtums gab es Unternehmen, die für die Rüstung arbeiteten, auch wenn dies bis heute ein kaum erörtertes Thema ist. Im 19. Jahrhundert war die Bedeutung der Rüstungsindustrie in der Volkswirtschaft besonders groß, weil Luxemburg seine Eigenstaatlichkeit überhaupt nur der Festung Luxemburg verdankte. Denn „4 000 Soldaten bedeuteten einen gewichtigen Faktor in einer Stadt, die außer der Garnison intra muros ca. 9 000 Einwohner zählte (1821)“, heißt es in dem Ausstellungskatalog Das Leben in der Bundesfestung Luxemburg (Luxemburg, 1993, S. 88).

Die hauptstädtische Wirtschaft lebte weitgehend als Zulieferer der Festung und ihrer Garnison. Als die Festung gemäß dem Londoner Vertrag von 1867 geschleift werden sollte, klagte der preußische Hauptmann Joseph Coster: „Der materielle Verlust, welcher der Stadt Luxemburg aus dem Abgange der preußischen Garnison erwächst, ist ein enormer, und kann Alles in Allem auf 1 ¼ bis 1 ½ Million Thaler jährlich veranschlagt werden, was also bei einer Bevölkerung von 15 000 Seelen 84 bis 100 Thaler pro Kopf ausmacht.“ (Geschichte der Festung Luxemburg, Luxemburg, V. Bück, 1869, S. 179).

Vor der Verarbeitung der Minette in modernen Schmelzen gehörten die Textil- und die Lederindustrie im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Industrien des Landes. „À Larochette la fabrication des draps faisait vivre, vers 1839, une centaine d’ouvriers. Jusqu’à cette époque, le chiffre annuel d’affaires était d’environ 180 000 fr., provenant exclusivement de fournitures de draps de troupe pour le Gouvernement hollandais.“ (La situation de l’industrie et du commerce, Luxembourg, 1889, S. 66)

Auch die Lederindustrie arbeitete zu einem wichtigen Teil für das Militär: „C’est après la guerre de Schleswig-Holstein que la tannerie a eu une nouvelle décade d’années prospères. L’AlIemagne se préparait à pas de géant à la guerre avec l’Autriche et ensuite avec la France. Les fabriques de chaussures se multipliaient ; les magasins utilitaires ont été peu à peu remplis et après la formidable lutte entre la France et l’Allemagne, qui s’est terminée en 1871, ces deux grands États militaires ont quadruplé le nombre de leurs soldats et ont donc été obligés de faire d’immenses achats de cuirs“ (La situation de l’industrie et du commerce, Luxembourg, 1889, S. 79).

Nach der Schleifung der Festung lieferte die Stahlindustrie eine neue ökonomische Grundlage für die Eigenstaatlichkeit des Landes. Ihre militärische Bedeutung war in den beiden Weltkriegen besonders groß. „Si l’Arbed ne profita que marginalement de la guerre, il en alla autrement des usines à capitaux allemands qui mirent leur appareil sidérurgique à disposition de l’effort militaire du Reich“, heißt es in der Aufsatzsammlung Guerre(s) au Luxembourg 1914-1918 (Luxemburg, 2014, S. 87). „L’exemple le plus significatif fut, en avril 1917, la modernisation des hauts-fourneaux de Steinfort, grâce à une aciérie et un laminoir pillés en France, malgré les protestations du gouvernement luxembourgeois. Sur un autre plan, le constructeur de mobilier en fer A. Berl & Fils profita également du marché des fournitures militaires, sauvant ainsi son entreprise. D’une manière plus générale, il est illusoire que la production de la métallurgie luxembourgeoise, sans distinction de capital, ne profitât pas au militarisme allemand. D’une part, l’Allemagne était le débouché unique de cette production depuis 1842. De l’autre, l’équilibre économique des entreprises luxembourgeoises était trop fragile pour se priver de cette solution de maintenir un chiffre d’affaires, à défaut de l’augmenter.“

Während des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte Adolf Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann 1942 einen Fotoband Stahl aus Luxemburg über „[d]as Eisen, dessen vernichtende Kräfte der Welt eine neue Ordnung verleihen“ (S. 28). Denn im Reichsministerium für Bewaffnung und Munition setzte man „auf den forcierten Einsatz der Luxemburger Wirtschaft für die deutsche Kriegsproduktion, insbesondere der Eisen- und Stahlerzeugung in Vorbereitung der geplanten Offensive der Wehrmacht in der Sowjetunion“, schreibt der Historiker Hans-Erich Volkmann. Es ging vor allem darum, „im Bereich des Panzerbaus wieder Bewegung in die erstarrten Fronten des Ostkriegs zu bringen“ (Luxemburg im Zeichen des Hakenkreuzes, Paderborn, Schöningh, 2010, S. 329 und 430).

In Commando de choc en Algérie (Grasset, 1976) erzählte der französische Offizier Erwan Bergot aus dem Algerienkrieg von einem Gespräch zwischen dem deutschen Waffenhändler Ernst Wilhelm Springer und einem Gesandten der algerischen Freiheitskämpfer: „,Je suis en mesure de vous fournir mille de ces engins chaque mois, rendus au Maroc. Pour preuve de ma bonne foi, j’accepte de n’être payé qu’après bonne réception par vos services...’ Bouchafa avait longuement étudié l’arme. Marque S.O.L.A., calibre 9 mm, sortant d’usine. ,S.O.L.A.? Si je suis bien renseigné, cela veut dire Société luxembourgeoise d’armement?’ ,Exact, confirma Springer. Cette mitraillette sort des usines d’Ettelbrück. Et elle est absolument neuve.’“

Die Société luxembourgeoise d’armes war 1952 von Nicolas Scholer gegründet worden, dem Inhaber der Bekleidungsgeschäfte Monopol Scholer. Sie übernahm die Gebäude der ehemaligen Spinnerei Godchaux in Ettelbruck und erhielt eine Genehmigung zur Herstellung von Waffen. Sola stellte Maschinenpistolen vom Kaliber 9x19 mm her mit 32-Schuss-Magazinen, die stark an das belgische Modell Vigneron angelehnt waren. Es waren primitive Waffen, die billig in der Herstellung und einfach in der Wartung waren und eher für irreguläre Kämpfer in Afrika und Lateinamerika gedacht schienen als für europäische Armeen. Von dem Standardmodell Sola Super wurde eine vereinfachte und leichtere Version, die Sola Léger, abgeleitet. Allerdings hatten die Pistolen im entscheidenden Augenblick oft Ladehemmungen. Deshalb konnten sie sich kaum gegen die zuverlässigeren und kaum teureren Konkurrenzprodukte durchsetzen. Als Sola die Waffenfabrikation 1957 einstellte, hatte sie noch 2 260 fertige Pistolen und 2 350 im Bau befindliche auf Lager. Sie verlegte sich ohne größeren Erfolg auf die Herstellung von Maschinen für die Kautschuk- und Plastikindustrie, bis sie 1960 schloss und die No-Nail Boxes in ihre Fabrik einzog.

Als die Bedeutung der Stahlindustrie in der Volkswirtschaft abnahm, begann die Finanz- und Dienstleistungswirtschaft eine neue ökonomische Grundlage für die Eigenstaatlichkeit Luxemburgs zu bilden. Auch die Rüstungsindustrie verlegte sich auf Dienstleistungen. Die Regierung gründete zusammen mit den US-Streitkräften die beiden Militärlager Warehouse Service Agency (WSA), in denen wegrationalisierte Stahlarbeiter eine neue Beschäftigung finden sollten. Die New York Times berichteten am 25. November 1984 aus Bettemburg: „The provisions include two huge military storage depots, a 105-acre depot here and another one almost as big a few miles away at Sanem. They are crammed with everything from tanks and self-propelled howitzers to combat rations and thermal underwear. Adding to support for the depots was the fact that they created 600 permanent jobs for Luxembourg mechanics, who test and repair the weapons and equipment stored there. [...] The material stored in Luxembourg would be used mainly to replace equipment lost by American forces already stationed in West Germany during the opening stages of a conflict with the Warsaw Pact armies. Some of it is arranged in pre-planned packages, or P.P.P.’s, each of which represents the anticipated equipment losses by an Army corps in a single day of fighting. [...] At Bettembourg-Dudelange and Sanem, 35 huge steel warehouses, each with 5 000 square yards of floor space, hold a total of 63 000 tons of assorted combat vehicles – precise details of the inventory are secret – another 13 000 tons of military trucks, and huge quantities of tires, clothing, food, fuel and other military supplies.” Das Lager von Bettemburg-Düdelingen fiel vor zehn Jahren den Sparmaßnahmen des Pentagon zum Opfer.

1971 war die CAE aviation gegründet worden, die sich heute europäischer Marktführer gewerblicher Luftüberwachungs- und Aufklärungsdienste nennt. Die Firma, die vergangenes Jahr einen Umsatz von 42,5 Millionen Euro bilanzierte, bietet ihre Techniker und Flugzeuge für zu Friedensmissionen erklärte Militäreinsätze an, um Grenzen zu kontrollieren, illegale Einwanderer und Schmuggler zu bekämpfen sowie für „internal security operations“. Im französischen Lapalisse unterhält sie Trainingseinrichtungen, wo Soldaten und Söldner Fallschirmabsprünge, auch auf städtische Parkplätze und Fußballfelder, üben können. Die Luxemburger Regierung ist Kunde bei CAE aviation, um einen Beitrag zur Abriegelung der EU-Südgrenze gegen Flüchtlinge oder im Kampf gegen Piraten vor der somalischen Küste zu leisten. Ende Oktober war die Firma in die Schlagzeilen geraten, als in Malta einer ihrer ins libysche Bürgerkriegsgebiet fliegenden Maschinen mit drei französischen Geheimagenten der DGSE an Bord verunglückte.

Im Dezember 2014 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, damit sich der Staat mit 50 Millionen Euro an einem Joint venture mit der SES beteiligt, um einen Militärsatelliten Govsat zu kaufen und zu betreiben. Ein Jahr später kaufte der Staat Übertragungskapazitäten für 120 Millionen Euro, mit denen im Auftrag der Nato Global-Hawk-Dronen des Alliane-Ground-Surveillance-Programms (AGS) gesteuert werden können. Der erste Govsat-Satellit wird von Orbital Sciences Corporation in den USA gebaut und soll im dritten Quartal nächsten Jahres mit einer Falcon-9-Rakete der kalifornischen Firma SpaceX auf seine Umlaufbahn geschossen werden.

Romain Hilgert
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