Oktoberfest

Die Bullen von Alzéng

d'Lëtzebuerger Land vom 03.10.2014

Wenn die Blätter golden werden und die Rebe reift, wenn die Jogger joggen und die Radler_innen radeln. Wenn der Herbst uns je nach Laune um die Ohren pfeift oder zum Abschied noch mal feurig liebt. Wenn die Facebooker taubenetzte Spinnennetze posten. In dieser Zeit, zwischen letztem Aufflammen und erster Einkehr, geschieht etwas, seit einigen Jahren, das sensible Wesen sehr verstört. Die zarte, hohe Stimmung, die jeden Mistkäfer in Trance versetzt, wird brutal zerstört.

Was da im Herbst ausbricht, ist es eine Krankheit? Eine, gegen die es noch keine Impfung gibt? Sie ist sicher sehr ansteckend, die Symptome vervielfältigen sich nämlich auf beängstigende Weise. Immer neue Landstriche werden befallen. Vielleicht ist es so wie damals beim Veitstanz? Aber damals gab es einen heiligen Willibrord, und jetzt? Weit haben wir es gebracht, weit und breit kein Heiliger. Wer sind denn diese Hütchen- und Höschenhorden, die bei uns einfallen, wer hat sie reingelassen? Ich nicht. Dann schlagen sie auch noch ihre Zelte bei uns auf. Dabei sind die so unpoetisch. Nicht mal Jurten oder Wigwams. Traurige Notunterkünfte, die sich alsbald mit Menschenmassen füllen. Sind das die neuen Flüchtlingsströme?

Aber die schauen einerseits so vertraut aus. Mit beiger Haut und beigen Haaren, wohlgenährt und von kindlicher, zutraulicher Art. Andererseits stecken sie in Gewändern, die man von fernen Gebirgsstämmen kennt, oder aus Bullenfilmen. Allmählich dämmert es mir, schaurige Visionen steigen aus dem Stammhirn auf, in denen es von zünftigen Mannsbildern und Vollblutweibern nur so wimmelt, von reschen Resis und feschen Ferdln. Sie kraxeln auf Almen umanand und suchen den Mistgabelmörder. Sie haben relativ viel Kubikinhalt, grüßgotten mit sonorer Stimme, nehmen deftige Kost zu sich. Die resoluten Resis in ihren renovierten Bauernhöfen, in denen man vom Boden essen könnte, schüchtern eine ein, besser keine blöden Fragen stellen.

Aber warum tummeln die sich hier? Auf unspektakulären Wiesen, die plötzlich, komisch, Wiesn heißen? Und warum sind meine Landsleute, ich bin etwas verwirrt, als sie verkleidet? Weil sie so groß und stark sind, haben sie vielleicht die Macht übernommen?

Die Mannsbilder sind unvegan gekleidet, sie tragen lederne Höschen. Die Weibsbilder zeigen obsessiv das Holz vor der Hütt’n, auch wenn es aus Plastik ist. Dazu hüpfen oder stampfen sie, mampfen auch. Die Angehörigen beider Geschlechter stemmen unter Aufbietung aller Kräfte riesengroße Maße, die mit Hopfensaft gefüllt sind. Sie können ihren Vorbildern aber in keiner Weise das Bier reichen. Sie können einfach nicht so energiegeladen springen, dazu Schwindel erregende Laute ausstoßen und sich auch noch simultan synchron auf die Schenkel klopfen.

Auf der Bühne wird derweil Holz gehackt, in Hörner geblasen, Heidis in Kinderröcken toben herum wie Dreijährige in Muttis Stöckelschuhen. Meine Landsleute hopsen tölpelhaft, mit zum Teil sehr unvorteilhaften Vorder- und Hinterteilen. Die Frauen tragen Schürzen und die Männer bemühen sich als Schürzenjäger, sie sind aber schon etwas außer Puste. Gottseidank, keuch, ist bald Herzaktionstag! „Saufen wir noch etwas!“, kommen gnadenlos die Anweisungen von der Bühne, wie von einem amerikanischen Sonntagsprediger. Alle folgen dem Befehl und praktizieren noch ungelenkere Bewegungen, die ihnen verführerisch erscheinen. Meine Landsleute sind wie von Sinnen, Willibrord, komm bitte, nur einmal noch! Dabei haben sie nicht mal Mutterkorn geworfen. Sie schunkeln wie voll beladene Dschunken.

Die Mannsbilder hauen den Weibsbildern, die endlich wieder Schürzen tragen, mit ihren Pranken auf das Gesäß, während die ihren Dicken übermütig zwicken. Endlich ist alles wieder einfach, der Mann erkennt die Frau sofort. Sie hat gerade Knödel geknetet, jetzt geht es zum Melken in den Stall, der Altbauer Fernand pirscht seiner Bäuerin hinterher.

Es ist alles so extrem orgiastisch und ekstatisch, meine Landsleute brechen die letzten Tabus, sie befreien sich vom Ballast der Zivilisation und praktizieren den Urschrei. Es ist eine kollektive, orgiastische Grenzüberschreitung, ich gönne sie ihnen ja.

Die Krankenkassen zahlen so was ja nicht.

Michèle Thoma
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