Viel gute Laune, wenig Politik

d'Lëtzebuerger Land du 28.09.2018

He does not love you back Einer geht noch – in der Serie zum Wahlkampf auf der Bilder-Plattform Instagram widmet das Land Staatsminister Xavier Bettel (DP) ein letztes Porträt vor dem Wahltermin. Bettel, den laut Wort-Politmonitor nur die LSAP-Urgesteine Jean Asselborn und Mars Di Bartolomeo an Popularität überbieten, ist auch auf Instagram sehr beliebt. Seit Juli 2015 auf der Plattform aktiv, zählt er 10 300 Follower. Mit diesem Spitzenwert ist Bettel unangefochten der Instagram-König innerhalb der Luxemburger Politprominenz. Zum Vergleich: Di Bartolomeo hat keine 1 200 Follower, CSV-Spitzenkandidat Claude Wiseler kommt auf 1 236, Etienne Schneider (LSAP) folgen 1 308 Fans und Jean Asselborn hat erst gar kein Konto. Anders als bei Facebook, wo man gegenseitig „Freunde“ wird und als solche angezeigt wird, egal von wem der Freundschaftsantrag ausging, zeigt Instagram an, wer wem folgt – und nur wem man folgt, dessen Bilder kann man sehen. Und so erweist sich: Zwischen dem Staatsminister und seinen Followers beruht das Interesse ganz und gar nicht auf Gegenseitigkeit. Bettel selbst folgt nur 15 Konten: zwei französische Medienpersönlichkeiten, darunter natürlich der People-Korrespondent Stéphane Bern, seine DP-Kollegin und private Freundin Corinne Cahen, der Schwimmer Raphaël Stacchiotti, ein Pasta-Restaurant im Marais in Paris und sein Mann Gauthier Destenay.

Auf der Suche nach etwas Süßem Das verhindert aber nicht, dass Bettels Instagram-Präsenz über sein Konto hinausreicht. Der Staatsminister, der bereitwillig wie sonst niemand für Selfies posiert, ist sozusagen eine Marke. Mit dem Hashtag #XavierBettel sind mehrere hundert Beiträge versehen, die ihn lächelnd auf Volksfesten, der Art Week, beim Papst oder beim Tennisturnier zeigen, alles Fotos, die nicht er gepostet hat, sondern Fotos von ihm und mit ihm, die andere veröffentlicht haben. Viele davon zeigen ihn und seinen Mann. Sie dienen offensichtlich anderen Homosexuellen als positive Vorbilder. Ein eigenes Fan-Konto hat der Staatsminister auch: XavierBettel Fans Best PM ever ist ebenfalls auf Bilder des glücklichen Paares spezialisiert.

Manche nutzen die Marke Xavier Bettel sogar unverschämt für Werbezwecke. Zum Beispiel die Spitzenköchin Lea Linster, die den Namen Xavier Bettel unter eine Flut von Hashtags wie #gaymnn, #boutique, #rcalm oder #premier minister mischt, um Aufmerksamkeit auf die neue Marmelade in ihren Sortiment zu lenken – „Seid ihr auf der Suche nach etwas Süßem?“– oder Baiser Meringue.

Access all areas – not Das ist eigentliche eine Gemeinheit, denn wenn man Xavier Bettel etwas zugute halten muss, dann, dass er davon absieht, Bilder seines Tellerinhalts zu veröffentlichen. Überhaupt zeigt der Staatsminister, der mit mehr als dem halben Land auf Du und Du ist, jedem das Gefühl vermittelt, ihn persönlich zu kennen und dieser Fähigkeit sein aktuelles Amt verdankt, sehr wenig wirklich „Privates“. Ein paar alte Fotos zum Geburtstag oder zum Hochzeitstag, ohnehin keine geheime Daten. Ein einzelnes Bild mit ein paar Kätzchen – dabei ist noch nicht einmal klar, ob es sich um seine Katzenbabys handelt. Sein Mann in den belgischen Nationalfarben zur Fußball-WM, sonst erfährt man auf Instagram kaum etwas über die Person Xavier Bettel. Keine Urlaubsbilder, keine Fotos mit Freunden, man weiß nicht mal welchen Sport er treibt, obwohl man beobachten kann, wie er die vergangenen Monate abgenommen hat. Instagram ist für Bettel offensichtlich ein Arbeitsinstrument, mit dem er anfangs vor allem versuchte, sich als Staatsmann in Szene zu setzen. Viele Bilder zeigen ihn, wie er ausländischen Amtsträgern die Hände schüttelt, beim Weltwirtschaftsforum Lakshmi und Aditya Mittal trifft, beim Raketenstart oder mit seiner Clique liberaler Regierungschefs, darunter der sehr medienwirksame kanadische Premier Justin Trudeau.

Back to basics Der Clou dabei ist: Sogar wenn er sich als Staatsmann inszeniert, verlässt sich Xavier Bettel auf seinen Charme und kommt meistens ohne politische Botschaft aus. Fotos mit dem französischen und dem amerikanischen Präsidentenpaar veröffentlichte er im Juli en vrac mit dem Kommentar „pictures of the week“; in welchem Kontext er sie traf, wird nicht erklärt. Bilder mit Emmanuel Macron, dem belgischen Premier Charles Michel, Trudeau und sich selbst, lächelnd in einer Reihe, wahrscheinlich beim vergangenen Nato-Gipfel, versah er mit der Zeile: „One year later, same place, same team.“ Dafür gab es massig Herzchen und andere entzückte Kommentare, ob die vier US-Präsidenten Donald Trump die Leviten lasen oder nicht, spielte bei so viel Anmut keine Rolle.

Küss den Kürbis Weil Bettel nicht aufgrund eines politischen Programms gewählt wird, sind die wenigen, dünnen inhaltlichen Botschaften, die es in seinem Instagram-Feed gab, seit dem offiziellen Beginn der Wahlkampagne, konsequenterweise völlig verschwunden. Bettel besinnt sich auf sein Erfolgsrezept: die vermeintliche Nähe zu jedem einzelnen Wähler. Seit ein paar Wochen, prostet er hier Weinköniginnen zu, lässt sich dort von Kälbchen abschlecken, küsst Riesen-Kürbisse und herzt behinderte Kinder. Der Like-Zähler gibt ihm Recht; für Letzteres gab es tausendfache Zustimmung. Die Bilder sind amateurhaft perfekt. Schlechte Einstellung, schlechtes Licht, schlechte Auflösung. Das steigert die Authentizität.

Somit ist der politischste Instagram-Eintrag Xavier Bettels der, den es nicht gibt. Der Staats-, Medien- und Kulturminister vergangenen Samstag bei der Filmpreis schüttelte hunderte Hände sehr bekannter und fotogener Personen und überreichte einen Preis. Ein Bild von der Gala hat er nicht veröffentlicht. Auf der Bühne hatten ihn die Produzenten Bühne lauthals beschimpfte, weil er bisher das Budget des Filmfonds nicht erhöhte. Zwischen dem Treffen mit den Rosenfreunden und seinem Abstecher auf dem Kürbisfest fand dieses unangenehme Ereignis in seinem Storytelling einfach nicht statt.

Michèle Sinner
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