Zeitgenössischer Tanz

Taumelnder Tanz in den Wolken

d'Lëtzebuerger Land vom 08.12.2017

Der Blick fällt auf eine luftig-weiße Landschaft, in der drei Tänzer wie zwischen Wolken feststecken. Schräge Töne untermalen die surreale Atmosphäre. Orientierungslos staksen sie umher, torkeln wie benommen durch die gigantische Plastikfolie oder brechen mitunter zusammen. Sie ringen mit sich, winden sich und zucken zusammen, werden alle drei gleichermaßen von Rückschlägen eingeholt und bewegen sich behutsam durch die weiße Plastikfolienlandschaft.

Die Produktionen der Luxemburger Choreografin Anne-Mareike Hess (2015 Preisträgerin des Lëtzebuerger Danzpräis) wurden bei zahlreichen Festivals in Europa und Kanada gezeigt. Als Tänzerin arbeitete sie mit renommierten Choreografen wie William Forsythe zusammen. In ihren Choreografien lotet sie immer wieder das menschliche Miteinander aus. Give me a reason to feel ist die erste Produktion, die sie im Grand Théâtre präsentiert und die den Zuschauer anzieht wie ein Strudel.

Es sind individuelle Kämpfe, die die zwei Tänzerinnen Rosalind Goldberg und Sunniva Vikør Egenes und der Tänzer David Kummer vollführen. Ein Ringen um Haltung und Selbstbestimmung zu elektronisch flackernden Wellenklängen und ein Aufbäumen gegen den gesellschaftlichen Leistungsdruck. Während sie sich anfangs nur zaghaft streifen, werden sie sukzessive zueinander finden.

Wenn die drei sich an die Bühne stellen und wie verletzte Tiere ins Publikum blicken, stockt auch dem Zuschauer der Atem, denn die Tänzer stellen ihre Verletzlichkeit verblüffend zur Schau. Dann wieder taumeln sie von dannen. Am Ende werden sie sich ineinander verkeilen und doch beieinander Halt suchen. Einen Moment lang wirkt das fast wie ein kitschiges Happy-End, das jedoch jäh aufgelöst wird, wenn die Tänzer wieder auseinanderstieben und jeder für sich in dem Tüll verschwindet, eingewickelt wie in einen Wattekokon.

Hess’ nur 50 Minuten währende Choreografie Give me a reason to feel ist eine aufwühlende und mitreißende Performance, die jeden, der sich darauf einlässt, ergreifen dürfte, nicht zuletzt, weil sie aktuelle Fragen stellt und sich wie eine Parabel auf unsere Leistungsgesellschaft lesen lässt: ein Plädoyer für Solidarität! Meist stehen die Individuen allein und werden erdrückt von den Zwängen. Unter dem Druck brechen die Tänzer zusammen und sind nur im Stande aufzustehen und auf Dauer zu bestehen, wenn jemand sie stützt und auffängt. Anina Valle Thiele

Give me a reason te feel. Konzept und Choreographie: Anne-Mareike Hess; Dramaturgie: Thomas Schaupp; Musik: Marc Lohr; Szenographie & Kostüme: Mélanie Planchard; Licht-Design: Philippe Lacombe; Tänzer: Rosalind Goldberg, Sunniva Vikør Egenes, David Kummer; Produktion: Théâtre de la Ville d’Esch; Koproduktion Les Théâtres de la Ville de Luxembourg. Keine weiteren Vorstellungen in Luxemburg vorgesehen.

Anina Valle Thiele
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