Am Schiet vum grousse Bob

Harakiri der Küchenschabe

d'Lëtzebuerger Land du 23.07.2009

Am Schiet vum grousse Bob – Requiem fir eng Kackerlack: (sehr) streng genommen ist der Titel schon das Beste an der diesjährigen Steinforter Inszenierung. Das Zweitbeste war die Vorfreude, die Erwartung auf eine interessant anmutende Mischung: Autor Jérôme Netgen goes Steinfort. Netgens erstes Werk Mammuthus Exilis (d’Land, 27. Juni 2008) in einer gelungenen Inszenierung von Anne Simon, war in guter Erinnerung geblieben,  und das Steinforter Theaterfestival, seit Jahren unter dem Einfluss des Duos Maes-Paulin, hatte im vorigen Jahr mit Nico Helmingers Bauchdanz (d’Land, 25. Juli 2008)– nach etlichen lauen Jahren – mal wieder so richtig zu überzeugen gewusst.

Wie gesagt, Vorfreude: Könnte Paulin mit dem nicht mehr ganz jungen Jung-Autor Netgen mal was ganz Neues nach Steinfort bringen? Während man in den Anfangsjahren des seit 1991 bestehenden Festivals auf Klassiker der Kategorie André Duchscher, Batty Weber oder Josy Imdahl gesetzt hatte, wählt man nun zeitgenössische Autoren, die aktuelle Themen im Luxemburgisch des 21.Jahrhunderts angehen.

Die allergrößte Stärke von Netgens Debütstück bestand in dieser gradlinig dargebotenen Zeitgenössischkeit der Figuren, der Situationen und deren Sprache. Daher kamen der Biss, der Witz, die Glaubwürdigkeit von Mammuthus Exilis. Zu Anfang findet man etliche Elemente dieses Netgen-Stils (wenn man nach einem Stück davon sprechen kann) im Grousse Bob wieder: Marc Baum in einer Hauptrolle, Referenzen auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen, Zitate und Wortspielereien aus dem Stammkneipen-Notizbuch, verdreckte Sofagarnitur und verkorkste Existenzen. In einem sichtlich heruntergekommenen Hotel harrt ein zusammengewürfelter Haufen Weiblein und Männlein jeden Alters besserer Zeiten. Sie setzen die Hoffnung auf die Projekte eines „After-life resort“ des Großen Bob. Wenn Hotelinhaberin Colette (Mady Durrer) endlich den Kaufvertrag unterzeichnen würde, könnte das bessere Leben beginnen – so der diffuse gemeinsame Traum. Jene Colette (mit einem Fernand im Duo!) denkt aber nicht daran, dem Drängen des zwielichtigen Ed Walass (Marc Baum) nachzugeben. Sie lungert stattdessen lieber auf dem Sofa herum, raucht im Morgenmantel Wasserpfeife. Walass, Colettes Fernand (Daniel Plier) und ein verschrobener DJ namens Antoine Karass (Pitt Simon) sind des Wartens müde und ersinnen Colettes Abgang. Ein Kammerjäger namens Bob Fettes (Jean-Paul Maes) kommt da wie gerufen als vermeintliche Mördergestalt …

All jene Elemente, die Bauchdanz und Mammuthus Exilis ausmachten, fehlen im Grousse Bob fast gänzlich: Sprachwitz, Gespür für Figuren und groteske Situationen; Schauspieler, die liebenswerte, interessante Charaktere tragen; Rhythmus und Dramaturgie in einer ausgefeilten Inszenierung. Im Laufe dieses seltsamen Bühnenspektakels segeln nach und nach die Kakerlaken zum gemeinsamen Niedergang. Irgendwie passt rein gar nichts zusammen: die Inszenierung nicht zum Stück, die Schauspieler nicht zu ihren Rollen, das Bühnenbild nicht zur Musik, die jungen Wilden aus Esch nicht zum Steinforter Urgestein, die Bühne nicht zum Publikum. So, als hätte eigentlich niemand den anderen verstanden, gleiten die jeweiligen Intentionen von Text und Regie aneinander vorbei. Wenn Witz passiert, dann eher zufällig. Ja, ungewollt. 

Wenn Netgens Dialoge an manchen Stellen ausgefeilt und intelligent angelegt sind, sind sie mit Sicherheit schwammig schlecht gespielt. Wenn dann an einigen Stellen minutenlange, völlig überflüssige Gesangseinlagen (Je suis malade!) den gerade aufgebauten Erzählfluss jäh unterbrechen, legt sich auf den Zuschauersaal eine bleierne Schwere der Verständnislosigkeit, die einem jeden Spaß an einem kurzweilig gedachten Theaterabend nimmt. Irgendetwas ist da zwischen Esch und Steinfort gehörig in die Hose gegangen. Netgens Fans und Freunde sollten das zweite Stück des Autors geflissentlich übersehen, während man dem Steinforter Stammpublikum raten sollte, dem Festival im nächsten Jahr die Treue zu halten. Dazu Vox populi: „Ran a raus an näischt verstaanen!“ – „Awer sie hu gudd gespillt!“

Am Schiet vum grousse Bob von Jérôme Netgen, in der Regie von Eva Paulin. Musik: Serge Tonnar. Mit Jean-Paul Maes, Pitt Simon, Marc Baum, Mady Durrer, Daniel Plier, Rosalie Maes. Weitere Vorstellungen am 27., 28. Juli, sowie am 3., 4., 5. August jeweils um 20.30 Uhr im Centre culturel Al Schmelz in Steinfort; www.luxembourgticket.lu

Anne Schroeder I
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