Es war einmal in Deutschland

Bye Bye Nazi-Zeit

Jeanne Werner, Christian Kmiotek
Photo:
d'Lëtzebuerger Land du 03.03.2017

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Schlusssatz eines jeden Märchens, das mit dem berühmten „Es war einmal“ beginnt. Filme, die diesen Halbsatz im Titel tragen, wecken Erwartungen an Zeiten mit Hexe und Teufel. Kommt noch die Ortsangabe Deutschland hinzu, mag man nicht unbedingt ein Narrativ erwarten, das sich auf verschiedenen Ebenen den Geschichten von Selbstfindung, Neubestimmung und Weitermachen nach der moralischen und menschlichen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs widmet. Waren es dabei zunächst Helden- und Befreier-Storys, die bis in die Neunzigerjahre hinein dieses Metier bestimmten, wechselte die Perspektive dann auf die menschliche Sichtweise von Opfern und Tätern, Mitläufern und Widerstandskämpfern. Sam Garbarskis Samsa-Produktion Es war einmal in Deutschland vermag dabei keinen neuen Akzent zu setzen.

Der Film spielt in Frankfurt am Main des Jahres 1946: Der jüdische Kaufmann David Bermann will mit Freunden, die wie er knapp dem Tod im Konzentrationslager der Nazis entkommen sind, ein Geschäft aufziehen. Die selbsternannten Handelsvertreter schwatzen deutschen Hausfrauen Bett- und Tischwäsche auf. Mit dem Geld wollen die Männer Deutschland verlassen, um sich in Übersee eine neue Existenz aufzubauen und die Erlebnisse zu vergessen. Doch die US-amerikanische Offizierin Sara Simon hat sich Bermann an die Fersen gehaftet und versucht, dessen persönliche Geschichte des Überlebens zu durchleuchten. Am Ende wird alles gut, inklusive Post-Beischlaf-Szene. Auch das fand 1946 statt.

Der Film, der auf der Teilacher-Trilogie von Michel Bergmann basiert, möchte ein entzaubertes Bild des Nachkriegsdeutschlands zeichnen. Dies fällt historisch etwas schief aus, denn von der Sorge ums tägliche Überleben im heißen Sommer 1946 bleibt wenig übrig. Stattdessen verkaufen Handelsvertreter Wäsche für 1 000 Reichsmark. Die überzeichnete Darstellung mag eine Entzauberung der Nachkriegszeit bedeuten, die historisch etwas unglaubhaft ausfällt. Dennoch zeigt der Film, wie sich Scheinheiligkeit, Muff und Verdrängung ausbreiten, die die Restauration Westdeutschlands in den 1950-er-Jahre bestimmen werden und den Menschen eine Flucht aus Schuld und Tat anbieten. Damit ist der Moralität in diesem Film noch nicht genug. Garbarski möchte zudem geklärt wissen, wie man den Holocaust als Jude überleben und wie man mit dieser Biografie nach Kriegsende überhaupt in Deutschland – oder unter Deutschen – bleiben konnte, und ob es nicht erste Pflicht war, nach den Vereinigten Staaten oder ins damalige Palästina auszuwandern.

Die Frage des Überlebens ist schnell beantwortet: Humor. Dies haben schon Klassiker wie La vita è bella von Roberto Benigni (1997) aufgezeigt. Witz und Ironie als Überlebens- und Selbstbehauptungsmechanismus. Die Diskussion um Verbleib, Auswandern oder gar Rückkehr in das Land der Täter wird in einem kurzen Dialog zwischen der CIA-Agentin und Bermann abgehandelt. Beide Ansätze scheitern, was vor allen Dingen an Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu liegt. Er taumelt wohlgenährt, gut gekleidet und humorlos durch die Szene. Schon in der luxemburgisch-österreichischen Ko-Produktion Mein bester Feind von Wolfgang Murnberger, die 2011 im Wettbewerb der Berlinale lief, zeigte er, dass die Rolle des Holocaust-Überlebenden ganz und gar nicht sein Metier ist. Bleibtreu wirkt wie ein in der Zeit verirrter Mario Barth. Schenkel- und Sprücheklopfen klappen, aber kein Humor und vor allen Dingen kein inneres Dilemma zwischen Überleben, Bleiben oder Gehen.

Das Motiv der weißen Wäsche oder weißen Weste kann nicht verhindern, dass der Film sich mit all den Ansätzen selbst überfordert. Es sind zu viele Fragen, zu viele Aufarbeitungen und vor allen Dingen zwei Geschichten, die jede für sich genommen trägt, zusammen abgehandelt jedoch sich gegenseitig an die Wand spielen: die Wäschehändler-Story auf der einen Seite und auf der anderen Seite die tragisch-komische Treppenwitz-Geschichte ums Holocaust-Überleben. Daraus macht Garbarski einen mutlosen und blassen Film, der selten provokante und aufrüttelnde Momente hat und sich selbst um die Chance bringt, tiefer in die Charaktere einzusteigen, Motive aufzuarbeiten, Verdrängungsmuster aufzuzeigen. Der Film ist handwerklich solide, routiniert, gut ausgestattet, wenn auch nicht immer authentisch. Dennoch ist der Film ein Beweis dafür, wie schwer sich deutsche Ko-Produktionen mit einer tragisch-komischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit tun, wie verkrampft sie sich geben in dem Bemühen, es allen unbedingt recht machen zu müssen und niemandem zu nahe treten zu wollen.

Im Kontrast zu Es war einmal in Deutschland ist derzeit Die Blumen von gestern in den Kinos. Chris Kraus schlägt im Gegensatz zu Garbarski eine forschere Gangart ein, nennt die Dinge beim Namen und lässt die Widersprüche aufeinanderprallen. So entfernt sich Kraus von den Vergangenheitsbewältigungsriten, in denen sich manch einer in Deutschland gemütlich eingerichtet hat.

Es war einmal in Deutschland. LuxemburgBelgienDeutschland: 2017. Regie: Sam Garbarski. Mit: Moritz BleibtreuAntje TrautMark Ivanir. 101 Minuten. Die luxemburgische Premiere des Films findet am 9. März im Rahmen des Luxembourg City Film Festival statt.

Martin Theobald
© 2017 d’Lëtzebuerger Land