Oh du do uewen...

Medea ist keine Luxemburgerin

Thierry Mousset
d'Lëtzebuerger Land du 03.03.2017

„Duerch d’Erliewe vum Mythe gëtt de Mënsch eréischt Mënsch“ – vier griechische Mythen proben ihr Potenzial für die Menschwerdung im heutigen Luxemburg. Ian De Toffoli, Nico Helminger, Olivier Garofalo und Jeff Schinker haben eigens für Oh du do uewen, deem seng Hand... vier Einakter geschrieben, die klassische Geschichten der griechischen Mythologie ins Jetzt übertragen. Œdipus, Medea, Phedra oder Theseus kommen so im Luxemburger Kontext neu auf die Bühne. In ihrem Herangehen waren die Autoren frei. Einzige Vorgabe: Sie sollten sich von den Figuren der griechischen Mythologie inspiriere lassen.

„Die Stücke haben thematisch alle ein Echo in der Gesellschaft“, so Regisseur Thierry Mousset. „Sie arbeiten alle mit den Referenzen unserer Welt.“ Wie Lëtzebuergesch sind die vier Stücke, wie universell ihre Aussagen? „Wenn es nicht Luxemburg ist, befinden wir uns trotzdem noch in Westeuropa“, ist sich Dramaturgin Claire Wagener sicher. Bei Medea etwa stelle sich die Frage, ob und wie man dazu gehören kann – das passe sehr gut zu Luxemburg. „Ich glaube, das Wichtigste war, dass wir diese Geschichten einmal in unserer Sprache erzählen. Dadurch entstehen wieder neue Bezüge“, meint Wagener.

Thierry Mousset, 1992 in Luxemburg geboren, lebt in Berlin und hat dort in den vergangenen Jahren vor allem mit Thorsten Lensing1 zusammengearbeitet. In der Saison 2017/2018 verlieh der Fonds culturel national (Focuna) Mousset, der unter anderem Sciences Po in Paris und Cambridge studiert hat, für seine Partnerschaft mit Lensing in Berlin und für seine neue Kreation, eine Ko-Produktion mit den Théâtres de la Ville de Luxembourg, das Stipendium für aufstrebende Regisseure. Mit erst 21 Jahren hat Mousset bereits Wedekinds Frühlingserwachen im Palais de l’Europe in Menton inszeniert. Sein nächster großer Plan? David Foster Wallaces’ Infini Jest, ebenfalls in Zusammenarbeit mit Lensing, das 2018 in den Sofiensälen in Berlin Premiere feiern wird und dann auf Tour geht. Ein großes Vorhaben! Doch zunächst bringt er den der Antike entliehenen Stoff auf die Bühne des Kasemattentheaters. Es sind vier Luxemburger Schauspieler, die die kleine Bühne mit ihrem Schauspiel ausfüllen werden – auf ihre Art und ohne eine stark lenkende Regie.

Ein dadaistisches Selbsterfahrungsexperiment, wie Mousset es 2014 mit Die Torte erprobte, ist nicht dabei herausgekommen. Trotzdem beharrt Mousset auf seiner Vorstellung von einer freien Regie. Sein Credo: Jeder Schauspieler soll sein Schauspiel entfalten, die Figur weiterentwickeln und ein eigenes Textverständnis einbringen. „Es geht für mich im Grunde darum, mich selbst abzuschaffen, das heißt, die Regieautorität“, erklärt Mousset. „Es ist eher eine begleitende Regie. Irgendwann übernehmen die Schauspieler selbst“, unterstreicht auch Claire Wagener, die bereits 2015 im Rahmen von Totentänze mit Mousset zusammengearbeitet hat. „Mein Job als Dramaturgin ist ein bisschen wie der einer Verlegerin. Man schaut, ob es rhythmisch funktioniert.“

Die Initiative für Oh, du do uewen, deem seng Hand kam vom Kasemattentheater selbst. Nach Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes (2015) bestand die Idee fort, Situationen zu dramatisieren, in denen ein Konflikt im Zentrum steht. Die Ursprungsidee, mit Autoren vor Ort in Luxemburgisch und im heutigen Kontext zu arbeiten, ist jedoch geblieben.

Wie Schaustellergruppen vergangener Zeiten bauen die Schauspieler für das Stück ihre eigene Bühne. „Im festen Bühnenbild, das an ein Triptychon erinnert, spielen alle Situationen – und wenn’s fertig ist, wird es zugeklappt und das Stück kann woanders gespielt werden“, erzählt Mousset. – So sei es leicht, auf Tournee zu gehen. Die Schauspieler sorgen selbst für Belichtung und Musik. Es brauche vier Leute, sonst nichts.

Theater sei eine Erfahrungs- und Erkenntnismöglichkeit für sich selbst. „Erst durch das Spielen kann man Dinge verstehen. Ich glaube, es ist wichtig, dass Theater aus sich selbst entstehen kann“, beharrt Mousset. So hat das Schauspiel Aricia von Nico Helminger fast etwas Puristisches. Der Geschäftsmann Ted Heuss führt ein gelangweiltes Leben in Wohlstand mit der Schauspielerin Fee Dragman, hinter deren Fassade sich die mythische Figur „Phedra“ verbirgt, die sich – unglücklich verliebt in ihren Stiefsohn Hippolytus – irgendwann in den Tod stürzen wird. In Nico Helmingers sprachlich derbem Text ist „Hippo“ (gespielt von Pitt Simon) ein cooler DJ, der lieber mit dem Dienstmädchen Aricia (Eugénie Anselin) rummacht, indes Fee Dragman (Nora König) sich von ihrem Ehemann (Raoul Schlechter) verhöhnen lässt: „Heiansdo hunn ech den Androck, du liefs net an der Welt, mee an engem Cocktailglas.“ Nora König, geübt in der Verkörperung griechischer Göttinen (etwa 2015 die Pentesilea im TNL), spuckt verachtungsvoll ihren Hass auf die Welt heraus: „Léift, e ranzegt Gefill!“, während Pitt Simon über Eugénie Anselin herfällt und die beiden vor der Kamera ihr Liebesglück zelebrieren.

In Medea von Ian De Toffoli inszeniert Mousset Nora König und Eugénie Anselin als lesbisches Ehepaar, das kurz vor der Trennung steht. – Ein starker Text, den die beiden Schauspielerinnen mit Verve verkörpern. Gebannt folgt man dem Schauspiel der beiden, die sich einst geliebt haben und nun entzweien. Medea, die ewig Fremde, ist nach Jahren noch immer nicht heimisch in Luxemburg. „Jaye“ aka Jason wird sie verlassen. Der Dialog von De Toffoli skizziert eine klassische Paarbeziehung. Der Wunsch, der Einsamkeit durch Zugehörigkeit zu entkommen, bestimmt seinen Einakter: „Medea, ech wëll net anescht liewen, ech wëll net spuersam sinn, kuck wéi d’Leit et hunn, an dësem Land, ech sinn hei doheem, ech hunn och e Recht do drop, ech wëll dozougehéieren.”

Wie politisch ist das Ganze? „Theater ist nie subversiv. Der Drang, Theater krampfhaft politisieren zu wollen, bringt nichts“, erläutert Mousset seine Haltung, allerdings dürfe es auch nicht in „Privatismen“ enden. Wie das geht? „Das Theater muss neue Regeln für sich erfinden“, beharrt er und ertappt sich dabei, wie er wie Olivier Garofalo in seiner Rede vom Theater klingt. Doch während für Garofalo Theater ein „moralischer Kompass“ ist und ein Ort, an dem das politische und soziale Selbstverständnis einer Gesellschaft überprüft wird, weist Mousset diese Art der Politisierung weit von sich. Ihn interessiert das pure Schauspiel, die Bühne als Selbsterfahrungsort. Dem stimmt Wagener zu: Es ginge darum, „sich einen Raum zu geben, in dem es auf das ankommt, was uns als Menschen angeht!“

„Der größte Feind des Theaters ist doch das Theater selbst! Man darf auf keinen Fall zu sehr in diesen Theaterbetrieb geraten“, grenzt Mousset sich von den Altvorderen ab. Wichtig sei, dass man nicht in einem zu kleinen Kreis arbeite. Deshalb hat Mousset gemeinsam mit Kollegen 2015 das Bonobo Kollektiv gegründet. „Erst im Gespräch mit anderen bekommt man doch unterschiedliche Perspektiven“, betont auch Claire Wagener.

Ob Oh du do uewen, deem seng Hand neue, aber dennoch beständige Perspektiven aus dem Rekurs auf Ausgangsmythen des europäischen Theaters bietet? Der dezent avantgardistische Anspruch hat mit der Auswahl der alles andere als unbekannten Autoren und Schauspieler beste Ausgangsbedingungen.

1 Thorsten Lensings’ Inszenierungen entstehen seit 1994 als freie Produktionen in Ko-Produktion u. a. mit Sophiensäle BerlinForum Freies Theater (FFT) DüsseldorfKampnagel Hamburg oder dem Grand Théâtre de Luxembourg.

Oh du do uewen... wird gespielt am 3.6.9.11.14. und 17. März 2017 um 20h im Kasemattentheater; www.kasemattentheater.lu. Weitere Vorstellungen im Januar 2018 im Escher Theater sowie im Februar 2018 im Kinneksbond in Mamer.

Anina Valle Thiele
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