Punschwiderstand

Es muss nicht „Stille Nacht“ sein

d'Lëtzebuerger Land vom 06.01.2017

Nie war es so wichtig, besoffen zu sein. Sich zwischen Klunker und Geflunker an ein karmesinrotes Stiefelchen zu klammern, daran zu nippen, es zu kippen. Nie war Saufen so sinnstiftend wie auf einem Weihnachtsmarkt, wie das christliche Disneyland nostalgisch geheißen wird. Natürlich, seit Menschenkindgedenken wird dies praktiziert, wie sollte Menschenkind so einen funkelnden Furunkel sonst aushalten? Dieses den Planeten überziehende schillernde Hüttl-Ekzem, das Jesus wahrscheinlich zu einer biblisch-cholerischen Aufräumaktion veranlasst hätte. Aber jetzt hat das alles eine andere Dringlichkeit bekommen, man muss es quasi tun. Es hat mit Leitkultur zu tun und mit Identität. Eine Christinnenpflicht, auch Atheisten schaffen das. Aufgeklärte und Verklärte können es Seite an Seite betreiben, Rechte und Linke, sogar die in solchen Momenten ziemlich laute schweigende Mehrheit. Eine Bürgerinnenpflicht.

Saufkompanien marschieren auf. Abendlandwiderstand. Jetzt erst rechts heißt es dort, wo die Abendlandaura glüht. Für links, das Gute im Menschen, die Selbstbestimmung, prostet sich das Nachbarinnengrüppchen zu. Gegen die Gottesgangs, aber auch gegen die Abendländlichen, man muss die Harmonie nicht übertreiben. Wofür haben wir gekämpft? Wofür haben wir gekifft, gesoffen, gevögelt, die Lebenszeit in im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbaren

Sitzungen abgesessen, um das Projekt Mensch voranzutreiben? Für die Freiheit, unter anderem auch die, sich die Birne vollzukiffen oder vollzusaufen, Koma zu saufen. Falls Amok, dann bitte gottlos.

Nie war man so im Widerstand beim sich Zuprosten und sich Anprusten, beim Stolpern und Stammeln und sich engagiert am Punschwiderstandstand versammeln. Alkoholaktivisten und Punschpastorinnen heben die Gläser und saufen einander Mut zu.

Man muss ein Zeichen setzen gegen die Leichen, die ihren Weg pflastern. Wenn sie anrücken auf Lastern, um unsern Lastern zu Leibe zu rücken. Die lassen wir uns nicht nehmen! Wir stehen zu ihnen, wir stehen drauf, wir bestehen darauf, sie sind ein Teil von uns, ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur. Abendland, Vaterland, Bier und Bauch und Brauch. En terrasse! Hinaus auf die öffentlichen Plätze, wer schwafelt von Hinrichtungsplätzen? Um dort laut im Dunkeln zu singen, es muss nicht „Stille Nacht“ sein. Wir werden es ihnen zeigen, indem wir uns zeigen, Angst zeigen wir nicht. Indem wir Schießbudenfiguren Platz nehmen vor den Cocktails der Saison.

So sollen wir dem Terror begegnen und ihm etwas entgegensetzen, das sehen die meisten Politiker_innen so. Ihm uns entgegen oder vorsetzen?, bibbern Angsthäschen, die tief in die Sofamulde rutschen und mal wieder ein paar Tage nicht öffentlich verkehren.

Es gibt doch einige, nicht so wenige, die sich dem Silvesterterror nicht mit aller Entschlossenheit entgegen saufen. Sie möchten noch ein wenig in dieser Dimen-sion verweilen, der todesmutbürgerliche Demodrang verlockt sie nicht. Eher machen sie ein Ründchen mit dem Hündchen in für Terroristen unattraktiven Territo-rien. Gut, dass sie nicht zwischen Barrikaden neben bis unter die Zähne bewaffneten Kontrollorganen turbosaufen müssen, irgendwo, wo es ordentlich ballert. Mit dem dumpf eingehämmerten Mantra im Hinterkopf, ausgelassen zu feiern. Wegen der Werte. Dabei aber keinesfalls die Kontrolle zu verlieren. Gut, dass sie nicht neben jedem Knall zusammenzucken müssen, es könnte ja eine sie abknallen. So sind sie drauf. So … instinktiv. Statt vernünftig und staatsbürgerlich gelassen.

Sie schauen lieber fern. Sie schauen sich in aller Ruhe den Terroranschlag an. Gut, dass sie auf dem Sofa an etwas knabbern und nicht in dieser extramegageilenabgefahrenen Location am Bosporus ... Ja, gut, danke, lieber Gott, also natürlich nicht Allah, der andere. Oder so, oder so was, etwas Höheres. Danke, lieber Zufall, liebes Weder-Kohle-noch-Sexappeal-haben, wie man das früher nannte. Danke, dass man alt und abgefuckt wie das Jahr durch die Hundekackazone humpelt und sich in keinerlei sexy Risikogebiet begeben hat.

Wobei es jede Menge unsexy Risikogebiete gibt, wie sie sich erinnern, während sie in die Pantoffeln schlüpfen.

Was ihren Mutpegel auch nicht erhöht.

ephemera d’Armand Quetsch a été réalisé grâce à la Bourse CNA- Aide à la création et à la diffusion photographique, il est publié chez www.peperoni-books.de. L’exposition Extraits sans titres sera ouverte jusqu’au 31 octobre au centre d’art Nei Liicht à Dudelange ; www.centredart-dudelange.lu.
Michèle Thoma
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