Alle Jahre unter dem Weihnachtsbaum

d'Lëtzebuerger Land du 15.12.2017

Bald ist Weihnachten. Ein Fest des Friedens, der Liebe, des Miteinanders. So vermitteln das auf jeden Fall die Werbespots von Kaufhausketten und Möbelhäusern. Perfekt genormte Familien – Vater, Mutter, Junge, Mädchen, Hund – eingetaucht in warmes Kerzenlicht, kochen und backen in völliger Eintracht zusammen, schauen, in gemütliche Decken eingehüllt, ein Weihnachtsmärchen im Fernsehen, lesen vielleicht sogar gemeinsam ein Buch, während der Weihnachtsmann mit roten Wangen unter dem Kaminsims hervorlugt und es draußen in dicken Flocken schneit.

Die Wirklichkeit könnte vom Werbeideal nicht weiter entfernt sein, und das nicht nur, weil der Klimawandel dafür sorgt, dass im Dauerregen die Bäume im Dezember erneut ausschießen und die Frühlingsblumen blühen.

Vorbereitung und Ablauf des Weihnachtsessens verlaufen in den meisten Fällen nach einem vorgezeichneten Muster. Nach wochenlangen, dem Nahostquartett würdigen Friedenverhandlungen darüber, an welchem Tag welcher Teil der erweiterten Familie im welcher Wohnung zu welchem Essen zusammentrifft, stehen dann die Gastgeber stunden-, wenn nicht tagelang in der Küche, um ein Fünf-Gänge-Menü mit hausgemachter Gänsestopfleberpastete als Vor- und selbstgebackene Biskuitrolle als Nachspeise zusammenzustellen. Oft genug bekommen sie sich dabei wegen anspruchsvoller Rezepte und mangels Platz und Küchenutensilien in die Haare. Dann kommen die Gäste, essen binnen kürzester Zeit ratzfatz auf, packen ihre Geschenke ein und entschuldigen sich sodann schleunigst, weil ihnen vom vielen Essen unwohl ist. Der gemeinsame Groll gegen die undankbaren Verwandten bietet den Gastgebern während des Abwaschs und der Chaosbewältigung, auf denen sie sitzen bleiben, aber eine gute Grundlage zur Versöhnung.

Im Gegensatz zu den in der Werbung dargestellten harmonischen Verhältnissen spitzen sich die Konflikte innerhalb der Familie an Weihnachten ganz offensichtlich zu, weil dann auch diejenigen Zeit miteinander verbringen müssen, die sich den Rest des Jahres wohlweislich aus dem Weg gehen. Denn bei jedem Familientreffen gibt es einen Onkel, eine Schwägerin oder einen Bruder, die vom vielen Apéritif beflügelt, beschließt, alle sozialen Konventionen fahren zu lassen, auf die politische Korrektheit zu pfeifen, „um doch mal ehrlich sagen zu können“, was er oder sie von Flüchtlingen, Homosexuellen und (je nachdem) von faulen Beamten und Lehrern oder Managern der Privatwirtschaft halten. Während der- oder diejenige erklärt, dass Marine Le Pen und Donald Trump nicht mit allem Unrecht hätten und die Frauen doch meistens selbst Schuld seien, wenn sie sexuell belästigt werden, rutschen die anderen unruhig auf ihren Stühlen herum oder suchen Blickkontakt mit der Weihnachtsgans.

Daran, dass der Stressfaktor in und um die Weihnachtstage steigt und von Idylle wenig zu spüren ist, sind auch die moderne Technik und das Internet Schuld; und das gleich auf mehreren Ebenen. Da ist beispielsweise der wochenlange Schlafentzug durch die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn, von denen die CIA sich noch neue Methoden für ihre geheimen Foltergefängnisse abkucken könnte. Wie nächtelang andauernde Projektionen von Schneestürmen mittels Beamer auf die Fassade neben dem Schlafzimmerfenster.

Waren Weihnachtskarten früher von Hand geschrieben und mit einer individuellen Botschaft versehen, daher mit einigem Zeitaufwand verbunden, also etwas, das man deshalb nicht in großen Mengen verschickte, sind heutzutage sowohl Arbeits- als private Mailbox voll von elektronischen Weihnachts- und Neujahrsgrüßen, die allzu oft schlecht belichtete Fotos des Absenders in zu niedriger Auflösung und generische Grüße enthalten. Das spart eindeutig Zeit, ist aber für die Absender nicht ganz risikofrei. Manchmal sorgen sie für unerwartete Momente der Heiterkeit, wenn ihnen der Grinch im elektronischen Adressbuch einen Streich spielt und das Foto der Familie mit den Rentiergeweihen an die Geschäftspartner statt an die Freunde schickt.

Der technologische Fortschritt bringt in der Vorweihnachtszeit ganz erhebliche Vorteile für diejenigen, die lieber bequem von der Couch aus Weihnachtsgeschenke bestellen, als sich mit tausenden Fremden durch die Geschäfte zu drängeln. Aber hat, wer sich regelmäßig von Amazon Pakete zustellen lässt, nicht eigentlich das ganze Jahr über Bescherung? Im Briefkasten statt unter dem Weihnachtsbaum.

Michèle Sinner
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