Bauchdanz

Sommerloch-Fantasien mit Gregory Peck

d'Lëtzebuerger Land du 24.07.2008

Das Stengeforter Theaterfestival ist seit nunmehr 17 Jahren ein hybrides, unklar definiertes Produktionsding, das das Luxemburger Sommer-Kulturloch heimsucht. Es nennt sich großspurig „Festival“, obwohl sich sein Programm auf maxi­mal zwei Inszenierungen beschränkt. Alleinige Auswahlkriterien für die Stücke schienen die Luxemburger Nationalität der Werke und der un­au-gesprochene Anspruch zu sein, sich qualitativ vom heimischen Dorftheater abzuheben. In Steinfort kamen manches Mal die Ladenhüter aus der unteren Schublade der Luxemburger Au­toren zur Aufführung. Die schauspielerischen Leistungen variierten stark, innerhalb der Möglichkeiten der etwas gehobenen Kategorie des Laienschauspiels. Wäre nicht besag­tes Sommerloch, hätte der Kulturinteressierte die Autobahnausfahrt Steinfort wohl nicht gefunden, so wenig empfehlenswert waren manche Aufführungen der letzten Jahre.

Die Ankündigung der diesjährigen Inszenierung ließ Schlimmes ahnen: Von Bauchtanz praktizierenden Fünfzigjährigen war die Rede, vom ewigen Studenten, von einer unter Hitzewallungen leidenden Reiseagenturchefin. Oder so ähnlich. Jedenfalls schienen alle Zutaten des süffigen Dorftheaters vereint: Verwirrspielchen, Eifersuchtszenen, hysterische Weiber, peinliche gestandene Mannsbilder, schlechte Musikeinlagen, Suff und Stehsex.

Genau so war es auch. ABER, das große Aber: mit Jules Werner, Germain Wagner und Tom Leick standen ungewohnte Namen gewiefter Profis auf dem Plakat. Und mit Nico Helminger als Autor konnte man zumindest wohl gefeilte Dialoge und den ironisch entlarvenden Blick auf die Luxemburger Gesellschaft erwarten. Schon 2001 war Helminger mit Leschten Enns kee Liewen in Steinfort zur Aufführung gekommen. Allerdings machte die schwüle Sommerhitze in der alten Schmelz die Schwere des Themas (es ging um Inzest) ziemlich unerträglich. 

Aber, wie gesagt, diesmal ist alles anders. Plötzlich war diese Komödie in Luxemburger Sprache nicht nur schrill und laut, sondern auch spritzig inszeniert, witzig und ungemein unterhaltsam. Diesmal passt alles zusammen! Bauchdanz von Nico Helminger passt zu Steinfort, die Regie von Eva Paulin ist stimmig zum Stück und jede Rolle passt zum jeweiligen Schauspieler. Die Flachheiten der seichten Geschichte werden durch den Witz der Darbietung wettgemacht, manch schauspielerische Fehlleistung verliert sich im abwechslungsreichen Reigen der Regie-Einfälle. Und so wird sogar das Peinlichste was Theater zu bieten hat, nämlich eine stark alkoholisierte Kneipentour von zwei erbärmlichen Mittfünfzigern, zu einer der besten Szenen überhaupt. Jean-Paul Maes und Germain Wagner ziehen von der ehemaligen Stammkneipe Beach – die heute nicht mehr so heißt –, ins Daylight, zum Stagecoach, ins Casablanca, ins Bleach und letzten Endes vom Moby Dick zur Ausnüchterung ins Ex-Beach. Eine kurze verzweifelte Nostalgie-Reise in die Vergangenheit, in der Hoffnung auf Freundschaft und Verständnis, zutiefst human und mitunter urkomisch.

Überhaupt sind die besten Szenen in Bauchdanz jene mit dem vermeintlich höchsten Peinlichkeitsgrad. Jules Werner spielt eine wahrlich schwierige Rolle, als philosophierender Dauerschwätzer ist er eine ziemliche Nervensäge – doch mimt Werner diesen Atticus noch ungemein glaubwürdig und anrührend. Was zur Erkenntnis führen kann, dass gutes Schauspiel die halbe Miete dieser Komödie sein dürfte. Etwa als Mady Dürrer (alias Marine Marin!), vom Suff und Sex der letzten Nacht gezeichnet, vom pyrotechnikversessenen Ehemann mit Knall und Böller aus dem Bett getrieben wird. So sitzen sie verkatert am Frühstückstisch und Weltstar Gregory Peck hält Einzug ins Steinforter Dorftheater: als vermeintlicher Erzeuger besagter Marine. Es könnte ja sein, dass Marines Mutter eine Affäre mit dem großen Peck hatte: dann wäre die Welt plötzlich ganz klein und L.A. läge direkt neben Steinfort. Genau so wahrscheinlich wie ein Tour-de-France-Gewinner aus Luxem­burg. Sommerloch- Fantasien 2008. 

Bauchdanz von Nico Helminger, Regie: Eva Paulin, mit Jean-Paul Maes, Mady Durrer, Jules Werner, Germain Wagner, Fabienne Hollwege, Tom Leick, Nathalie Ronvaux und Andy Züst. Weitere Vorstellungen im Kulturzentrum Al Schmelz in Steinfort am heutigen 25., 26., 28., 29. und 31. Juli jeweils um 20.30 Uhr. Reservierungen telefonisch: 621 719 090 (Montag bis Freitag von 14 bis 19 Uhr) oder per E-Mail: theater@steinfort.lu

Anne Schroeder
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