Schule und Integration

Wirtschaftsfreundlich

d'Lëtzebuerger Land vom 24.10.2014

Wenn sie nicht eh schon Zweifel daran hatten, spätestens jetzt dürften sich die portugiesischen Mitbürger ein paar Fragen über den Integrationswillen der Luxemburger Mehrheitsgesellschaft stellen. Seit Jahren müssen sie erleben, wie ihre Kinder in den Schulen des Landes abgehängt werden. Portugiesische Kinder stellen relativ zu ihrem Bevölkerungsanteil überproportional viele Schulabbrecher, es gibt überproportional viele portugiesische Schüler im Régime préparatoire und Technique – aber nur wenigen Portugiesen gelingt der Sprung ins Classique.

Die Erklärungen hierfür sind allseits bekannt, sie liegen im mehrsprachigen Schulsystem, das mit seiner deutschen Alphabetisierung für viele lusophone Kinder unnötig Hürden aufbaut; aber auch in der sozialen Herkunft mancher Eltern, die selbst keine umfassende Schulbildung haben und ihre Kinder kaum im komplizierten Luxemburger Schulsystem unterstützen können. Das wissen alle Beteiligten – und erst recht wissen das die Vertreter der portugiesischen Gemeinschaft. Deshalb forderten sie vor gut fünf Jahren eine – öffentlich bezuschusste – Privatschule, in der lusophone Kinder zunächst ihre Erstsprache Portugiesisch festigen, um besser zu lernen. Das komme nicht in Frage, wehrten damals Regierung und Abgeordnete unisono das Ansinnen ab. Eine private Schule für Portugiesen würde die Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden, so die damalige Schulministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP) und viele pflichteten ihr bei.

Das Argument der Integration ist freilich kein echtes, oder aber es wird flexibel gehandhabt – und von der Mehrheitsgesellschaft auch mal bereitwillig vergessen, wenn es zur eigenen Überzeugung passt: Denn für frankophone Kinder gibt es seit Jahrzehnten ein Privatschulen-Angebot, egal ob sie ihre gesamte Bildungskarriere in Luxemburg absolvieren oder ihr Aufenthalt auf einige Jahre begrenzt bleibt, weil ihre Eltern aus beruflichen Gründen Luxemburg wieder verlassen. Und nun schlägt der liberale Premierminister Xavier Bettel eine öffentliche Schule vor, die Kindern der IT-Spezialisten, die nach Luxemburg kommen und einige Jahre hier arbeiten, einen englischsprachigen Unterricht bieten soll.

Die Idee ist nicht verkehrt. Luxemburg ist ein internationaler Standort und wenn die Regierung es ernst damit meint, mehr Fachkräfte aus Übersee gewinnen zu wollen, muss sie mehr und vielfältige Bildungsangebote für Kinder von Zuwanderern schaffen. Einige Angebote gibt es bereits, die Privatschulen International School, Europaschule oder St. George International School. Sogar die öffentliche Schule hat sich auf die Zuwanderer zubewegt: mit Klassen des Bac international auf Englisch im Collège. Doch sie platzen der großen Nachfrage wegen aus allen Nähten. Englisch führt die Liste der Weltsprachen an, Portugiesisch steht an achter Stelle, aber den Verfechtern einer portugiesischen Schule ging es eher darum, die Erstsprache zu festigen – bevor weitere Sprachen gelernt werden.

Dass nun der Staat für die englischsprachigen Arbeitnehmer aus dem IT-Sektor eine Schule finanzieren soll, dasselbe aber den (oft geringer verdienenden) portugiesischen Arbeitnehmern verweigert, zeigt indes, wie sehr die Regierung auf einflussreiche Wirtschaftslobbys hört – und wie wenig sie auf eine portugiesische Gemeinschaft zugeht, obwohl es wahrscheinlich mehr Portugiesen im Land gibt als IT-Spezialisten und ihr Anliegen mindestens ebenso berechtigt ist. Es beweist aber auch, wie wackelig das Argument der Integration von Anfang an war und ist: Viele der englisch-, dänisch-, deutsch- oder französischsprachigen Europaschüler sind nach der Schulzeit in Luxemburg geblieben, haben sich hier dauerhaft niedergelassen. Sorgen um ihre Integration hat sich nie eine Regierung gemacht.

Ines Kurschat
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