Energieversorgung im ländlichen Raum

Heizen wie beim Camille?

d'Lëtzebuerger Land vom 02.04.2009

Lokaltermin am Freitag vergangener Woche in Beckerich: Bürgermeister Camille Gira hat ein gutes Dutzend Chefs von Handwerksbetrieben zu Gast. Sie sind spezialisiert auf den Bau energiesparender Häuser, die Wärmedämmung von Altbauten, die Installation von Heizungen oder den Einbau von Systemen zur Nutzung von Solarenergie. Weil immer mehr Firmen das tun und die Handwerkskammer hofft, die jüngste Erhöhung der staatlichen Beihilfen für energieeffizientes Bauen könne in Krisenzeiten die Konjunktur beleben, hofft der Beckericher Bürgermeister wiederum auf noch mehr Anklang für seine Ideen zur Energieversorgung im ländlichen Raum. Ein wenig Wahlkampf macht der grüne député-maire dabei vielleicht auch. 

Dass Beckerich nicht weniger als „Energie-Autarkie“ anstrebt, noch dazu bei geringem CO2-Ausstoß, war vergangenen Sommer, als der Preis für ein Fass Rohöl um 150 US-Dollar betrug, sogar Le Monde eine Reportage auf Seite 3 über die 2 200-Seelen-Gemeinde im Luxemburger Westen wert. Anfragen und Besuche aus dem Ausland folgten, und gegen Ende 2008 gab es von der Alternativ-Energievereinigung Eurosolar einen Preis für das „Beckericher Modell“.

Dabei scheint es auf den ersten Blick gar nicht so spektakulär. Seine Herzstücke sind eine Biogasanlage, die 600 Kilowatt Strom und 750 Kilowatt Wärme erzeugt, sowie eine Zwei-Megawatt-Holzhackschnitzelanlage, die ausschließlich zur Wärmeerzeugung dient. 2004 und 2006 gingen beide nacheinander in Betrieb; ebenfalls 2004 wurde der erste Abschnitt eines Nahwärmenetzes eingeweiht. Es wird kontinuierlich ausgebaut und ist gegenwärtig 14 Kilometer lang. Zurzeit erreicht der Wärme-Selbstversorgungsgrad Beckerichs 40 Prozent. Mit dem Ausbau des Wärmenetzes und der schon geplanten Inbetriebnahme einer zweiten Holzhackschnitzelanlage wird er weiter steigen.Der Bedarf an Strom wird innerhalb der Gemeinde bereits zu 90 Prozent abgedeckt – im Niederspannungsbereich. Industriekunden, wie die Mineralwasserfabrik im Ort, kann man noch nicht beliefern, und für Elektrizität gilt auch keine regelrechte Autarkie: Sämtliche lokalen Stromerzeuger speisen ins Cegedel-Netz ein; an erster Stelle die Biogasanlage, aber auch die Solarstrom-Panels an öffentlichen Gebäuden und Privathäusern. Damit auch Fotovoltaik-Betreiber werden kann, wer über kein eigenes Dach verfügt, stellt die Gemeinde Dächer öffentlicher Gebäude kostenlos für solche Klein-Solarstrominteressenten zur Verfügung.

Ein nachahmenswertes Modell für Gemeinden im ländlichen Raum? Hinter dem Beckericher Biogasprojekt steht eine Genossenschaft aus 19 Bauernbetrieben. Sie verwerten Bioabfälle und Energiepflanzen aus der Region, aber auch aus Belgien importierte Lebensmittelabfälle. Dass die Gemeinde sich mit einem 15-Jahres-Vertrag an die Genossenschaft als Lieferantin gebunden hat, sichert deren Mitgliedern längerfristig ein Auskommen als „Energiewirte“. Die Holzhackschnitzelanlage wiederum wird mit Bruchholz aus den Wäldern um Beckerich gefüttert. 700 Hektar davon gibt es; 400 Hektar sind in Privatbesitz. Dass die Gemeinde auch dort Holz sammeln lassen darf, geht auf eine Vereinbarung mit den Privatbesitzern zurück, die froh seien, wenn in ihren Forsten mal jemand aufräumt, sagt der Bürgermeister. Was nach einer Lösung klingt, die alle möglichen Beteiligten zufrieden stellt. 

Ginge es nach dem grünen Landespolitiker Camille Gira oder seinen in der Energiepolitik tätigen Partei- und Abgeordnetenkollegen Claude Turmes und Henri Kox, dann müsste in Luxem­burg ganz dringend eine Strategie für die kommunale Energieversorgung auf­gestellt werden, die die Nutzung lokaler erneuerbarer Ressourcen einschließt. Gira verweist darauf, dass die Klimabündnis-Gemeinde Beckerich die Verpflichtung, bis 2010 ihren lokalen CO2-Ausstoß um 50 Prozent  gegenüber 1990 zu sen­ken, bereits jetzt erfülle. Hatte nicht auch die Potenzialstudie für erneuerbare Quellen, die sich das Wirtschafts­ministerium 2006 hatte anfertigen lassen, Biogas, Biomasse und Holzenergie als be­son­ders zukunftsträchtig eingeschätzt? Und hatte nicht um 2002/2003 der da­ma­lige Umweltminister Charles Goe­rens (DP) gehofft, es mögen viele Bauern sich zusammenschließen zur Biogasnutzung im größeren Stil, der die Technologie erst richtig rentabel macht?

Die künftige Rolle der Gemeinden im Mosaik der Energieversorger will das Wirtschaftsministerium im Rahmen einer „Energiestrategie für Luxem­burg“ klären. Zum Entwurf eines Strategie-Weißbuchs, den Wirt­schafts­­minister Jeannot Krecké (LSAP) Anfang März vorstellte, findet kommenden Montag ein weiterer Workshop statt. Im Expertenbericht zum Weißbuch steht: Der Energieverbrauch des Landes ist hoch. Das liegt vor allem am Verkehr, selbst ohne Tanktourismus. Die Eigenstrom-Produktion hat sich durch das Twinerg-Gasturbinenkraftwerk zwar erhöht, aber nichts an der fast hundertprozentigen Abhängigkeit der Stromversorgung von fossilen Quellen geändert. Und seit der Jahrtausendwende wuchs allein der Stromverbrauch im Jahresschnitt langsamer als das BIP, der Verbrauch an Primärenergieträgern wie Öl und Gas nahm schneller als die Wirtschaftsleistung zu. Was ebenfalls die hohe Abhängigkeit von fossilen Trägern zeigt.

Fragt sich nur, wie weit man den Gemeinden erlauben will, zu gehen. Kommunale Initiativen, vor allem zum Bau von Bioenergie-Anlagen, gibt es einige. Gemeindeübergreifende Energiekonzepte gibt es ebenfalls, etwa zwischen Contern, Niederanven und Sandweiler oder Kayl und Bettemburg, und im Remicher Kanton finden die Gemeinden nach zweijähriger Vorarbeit  zu einer Energie-Kooperation zusammen, wie es sie im Kanton Redingen schon gibt.

Grundsätzlich ist der Aktionsradius der Gemeinden groß; die staatlichen Beihilfen für die Nutzung erneuerbarer Energien wurden auf die Kommunen ausgeweitet. Vom Umweltschutzfonds werden obendrein Großprojekte auf kommunaler Basis, wie Holzhackschnitzelanlagen oder Wärmenetze, zu 30 Prozent bezuschusst. Und wenn etwa der Expertenbericht zum Energieweißbuch schätzt, dass 17 Prozent des im Jahre 2020 zu erwartenden Energieverbrauchs der Haushalte eingespart werden könn­ten, dann sind Gemeinden zumindest bei der Sensibilisierung ihrer Bürger gefragt.

Aber sollten Gemeinden auch Energieversorger sein können; mehr Gemeinden als heute, und selbst kleine Landgemeinden? Für den kommunalen Energiehandel zog in den vergangenen Jahren stets das Innenministerium den Perimeter eng und gestand vor allem jenen Kommunen, die historisch Strom- und Gasversorger sind, auch eine Rolle auf den liberalisierten Märkten zu. Heute will auch das Wirtschaftsministerium da­rüber diskutieren lassen, inwiefern eine kommunale Wärmeversorgung künftig womöglich systematisch wünschenswert ist. Das Beckericher Projekt wird als Pionierleistung durchaus geschätzt. Bedenken gibt es zum einen, dass Autarkie-Versprechen die Bürger davon abhalten könnten, in die energetische Sanierung ihrer Häuser zu investieren oder energiesparend neu zu bauen. Auch Camille Gira muss einräumen, dass die derzeit niedrigen Brennstroffpreise vermutlich keinen großen Anreiz für Niedrigenergie- und Passivhäuser schaffen. In Beckerich aber würden Bürger, die neu bauen möchten, systematisch ermuntert, es energiesparend zu tun, damit das Wärmenetz für den Altbaubestand vorbehalten bleiben kann.

Zum anderen könnten Gemeinden von der Regierung als Marktakteure nicht unbedingt gewollt sein: In Beckerich, wo es keine Erdgasanschlüsse gibt, wird für die Anbindung ans Nahwärmenetz als Ersatz für in die Jahre gekommene Ölheizungen mit dem Argument geworben, die Wärme komme „von hier“ und die Preise ebenfalls. Die Vorstellung, dass eines Tages viele Gemeinden das tun könn­ten, wird im Wirtschaftsministerium auf Verträglichkeit mit dem Brennstoffaußenhandel ebenso hinterfragt, wie man eigentlich lieber einen landesweiten Holzmarkt für Heizzwecke entstehen sähe als lauter kommunale Einzellösungen für „Holzlogistik“. 

Welche Richtung die scheidende Regierung vorgeben will, dürfte sich in ein paar Wochen konkretisieren, wenn Umwelt- und Wirtschaftsminister die landesweite Beratungsstruktur MyEnergy vorstellen werden: Mit lokalen „Antennen“ soll sie den Bürgern, aber auch den Gemeinden Energieberatung anbieten. Aber in welche Richtung? Schon sind alle zehn Mitgliedsgemeinden des Syndikats Réidener Kanton an einem EU-Projekt beteiligt, in dem die Potenziale für eine lokale Energieversorgung untersucht werden und gefragt wird, wie „Autarkie“ erreichbar wäre. Aber ob eine Regierung, die soeben einen regionalen Energiekonzern aus Cegedel, Soteg und SaarFerngas gestrickt hat, diesen strategisch zusammenbringen könnte mit einem ganzen Kanton, der sich selbst versorgt, scheint eine große Frage zu sein. 

Peter Feist
© 2019 d’Lëtzebuerger Land