Ujet montiert in Foetz Elektroroller

Rifkin auf dem Roller

d'Lëtzebuerger Land vom 15.12.2017

Wenn Albane Siramy erzählt, wo man künftig ein Ujet kaufen kann, einen der elektrischen Roller, die bald in Foetz gebaut werden, muss man unweigerlich an den Computerhersteller Apple denken. Kurzfristig will Ujet Vertriebsverträge mit Autohändlern aus dem Premiumsegment abschließen und seinen Roller über die eigene Webseite anbieten, wo Kunden jetzt schon Reservierungen aufgeben können. Mittelfristig aber hat die Firma mit Sitz in Leudelingen andere Pläne. „Wir sind dabei eine starke Marke zu entwickeln, und darauf wollen wir aufbauen. Ein eigenes Vertriebsnetz wird uns die Möglichkeit geben, dies auszureizen und die Aufmerksamkeit bei den Kunden zu wecken“, so Siramy. Ein bisschen klingt das so, als ob es auf den Einkaufsmeilen der Weltmetropolen neben dem Apple-Shop einen Ujet-Shop geben könnte.

Das würde passen, denn das Ujet ist erstens auf die urbane Bevölkerung ausgerichtet und setzt zweitens auf mobile Konnektivität: Regulär gestartet wird das Ujet über das Smartphone des Nutzers, das über Bluetooth verbunden ist und auf dem innerhalb der Ujet-eigenen App alle Nutzerdaten abgerufen werden können. Für den Fall, dass das Telefon verloren geht, gibt es einen Plan B. Zielkundschaft von Ujet ist die Gruppe der 30-jährigen bis Mittvierzigern, die „die das Stadtleben liebt und nach neuen Lösungen für die Mobilität innerhalb der Stadt sucht“. Wenn angesichts eines stetig steigenden Verkehrsaufkommens und der damit verbundenen Abgas- und Feinpartikelproblematik von Elektromobilität die Rede ist, gehe es oft nur um E-Autos, bedauert Siramy. Ujet wolle eine Diskussion über die ganze Bandbreite der Elektromobilität anstoßen und dazu gehörten auch Elektroroller.

Als die Firma 2015 gegründet wurde, mussten Aussagen wie diese Musik in den Ohren der politischen Verantwortlichen sein, die zeitgleich versuchten, mit Jeremy Rifkin in Luxemburg die dritte industrielle Revolution in Gang zu bringen. Von den Behörden und von Luxinnovation wurde das Start-Up mit Hinweis auf den Rifkin-Prozess gut empfangen und beraten, berichtet Siramy. Das ist der Hauptgrund dafür, dass die Serienproduk­tion der Elektroroller um die Jahreswende in Foetz gestartet wird und nicht in der Gegend von Ulm, wo die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Gruppe angesiedelt ist. Das Wirtschaftsministerium half bei der Suche nach einer Produktionshalle, führte die Ujet-Manager durch den Neubau in der Foetzer Industriezone. Angesichts der Stärke des Industriesektors, erklärt Siramy vorsichtig, sei der Empfang für ein weiteres neues Start-Up in Deutschland nicht ganz so herzlich.

Dass die Firma ihren Hauptsitz in Luxemburg hat, liegt an ihren Investoren. Muttergesellschaft von Ujet ist die von russischen Ingenieuren gegründete Firma Ocsial, die bis 2020 in Differdingen die weltweit größte kommerzielle Produktion einwandiger Kohlenstoff-Nanoröhren aufziehen will, einer Art Zauberstoff, der, auch schon in geringen Dosen untergemischt, wegen der hohen Dichte und Zugfestigkeit, die Eigenschaften anderer Materialien verstärkt. Weil die Nanoröhren darüber hinaus äußerst leitfähig sind, wird ihnen eine goldene Zukunft in industriellen Anwendungen unter anderem in der Elektronikbranche vorausgesagt. Ocsial, erklärt Siramy, der derzeit immer noch 32 Prozent an Ujet gehören, habe Luxemburg als zentralen Standort zwischen den potenziellen Kunden in Deutschland, Frankreich und Belgien ausgesucht.

So kommt es, dass der Elektroroller, der Anfang Januar bei der Consumer Electronics Show in der Casino- und Showbiz-Metropole Las Vegas vorgestellt wird und auf dem künftig urbane Eliten zum nächsten Geschäftstreffen flitzen sollen, in einer diskreten Halle in Foetz zusammengebaut wird. Eliten sind ein gutes Stichwort, denn finanzkräftig müssen die Ujet-Fahrer sein. Der Roller soll kein Konkurrent zu Elektrorollern aus China oder Indien sein. Ujet positioniert sich eindeutig im hochwertigen Produktsegment. Die Farben, in denen er erhältlich ist, heißen „Concorde White“, „Picadilly Blue“, „Barbican Taupe“ oder „Soho Grey“. Mit der kleineren von zwei Batterievarianten hat das Ujet eine Reichweite von 70 Kilometern und kostet 8 690 Euro.

Das Design ist sauber, der Look futuristisch, um sich von anderen Herstellern abzugrenzen, die auf einen Retro-Look à la Vespa setzen. Die Batterie inklusive Sitz lässt sich in einem Handgriff abmontieren und kann dann wie Rollkoffer für das Handgepäck im Flugzeug in die Wohnung gezogen werden, wo sie an einer normalen Steckdose geladen werden kann. Der Roller selbst lässt sich zusammenfalten und hat dann noch etwa die Größe eines großen Kinderwagens, zu groß, um ihn in öffentliche Verkehrsmittel zu schieben, aber klein genug, um ihn in einem Mehrfamilienhaus zu verstauen. Die Steuerungssäule des Ujet besteht aus Kohlenstofffaser, die weiteren Bestandteile sind aus Magnesium und Aluminium. Dadurch soll das Ujet besonders leicht und stabil sein. Der Motor ist ins Hinterrad integriert, insgesamt hat die Firma über 25 Patente angemeldet. „Sehr viel Geld“ wurde in Forschung und Entwicklung investiert. Wie viel genau, will Siramy nicht sagen. Laut Firmenbilanz war Ujet S.A. bis Ende 2016 von den Aktio­nären mit 18 Millionen Euro Kapital ausgestattet worden und verzeichnete – für ein Start-Up in der Entwicklungsphase nicht außergewöhnlich – vergangenes Jahr rund vier Millionen Euro Verlust. Die Ausgaben zur Entwicklung immaterieller Anlagewerte wie Patente und Lizenzen beliefen sich auf rund zehn Millionen Euro.

Wenn die Serienproduktion startet, gibt Siramy zu bedenken, muss weiter investiert werden, in die Produktionsanlagen und in Personal. Während Arbeitgeberverbände in den vergangenen Jahren immer wieder beklagt haben, dass gut ausgebildetes Personal schwer zu finden sei, können die Verantwortlichen von Ujet dies so nicht bestätigen. Luxemburg sehen sie bislang als ideale Ausgangsbasis zur Rekrutierung von Fachpersonal, auch aus den Nachbarländern. Über hohe Lohnkosten macht sich Siramy keine Sorgen. „Der Produk­tionsprozess ist nicht besonders arbeitskraftintensiv, deshalb spielen die Lohnkosten keine große Rolle.“ Denn zur Produktion in Foetz werden die Komponenten von den Subunternehmern angeliefert, wo sie von den Ujet-Mitarbeitern montiert werden. In einer Schicht könnten bis zu 10 000 E-Roller jährlich zusammengebaut werden. Ob in einer, in zwei oder drei Schichten gearbeitet wird, sei noch nicht entschieden und hänge davon ab, wie die Verbraucher nach der Markteinführung reagieren.

Derzeit arbeitet Ujet noch an der Homologation, ein Prozess, der mehrere Monate in Anspruch nimmt und den die Firma in Zusammenarbeit mit dem Tüv Süd durchführt, zu dem die Ingenieure, die in Ulm in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Ujet arbeiten, bereits in Kontakt standen.

Albane Siramy ist von den Vorzügen des Ujets überzeugt. „Wir wollten ein Produkt schaffen, das das bestehende Angebot ergänzt“, sagt sie. Das Ujet-Fahren werde von der Erfahrung her dem Fahrradfahren nicht unähnlich sein. „Es gibt wenig Vibrationen und es ist leise.“ Aber anders als beim Fahrrad und bei E-Fahrrädern, die dem Ujet oftmals gar nicht so weit hinterherhinken, müssen die Nutzer niemals in die Pedale treten. „Für die Gesundheit ist das Fahrrad natürlich besser, aber wenn man nicht verschwitzt beim Geschäftstreffen ankommen will, eignet sich ein Ujet besser.“

Das Ujet soll in den kommenden Monaten in mehreren Phasen auf den Markt gebracht werden. Zur ersten Welle gehören Mailand, Paris, Barcelona, Monaco und Luxemburg. Die folgenden Wellen sind so genau noch nicht definiert, aber die Chancen stehen gut, dass zur zweiten Welle Städte wie Madrid, Rom und Amsterdam gehören. „Wir sehen da viel Potenzial für uns“, sagt Siramy. „In den USA ist der Markt für Scooter ziemlich begrenzt, wir denken da an Städte wie San Francisco oder an der Ostküste Miami“, fügt sie hinzu. Und obwohl in Asien E-Roller hergestellt werden, die für ein paar hundert Euro zu haben sind, will Ujet auch dahin exportieren. In Städte, deren Einwohner über eine hohe Kaufkraft verfügen. „Manche Viertel von Tokio kommen da in Frage, Hongkong oder beispielsweise Shanghai.“

Michèle Sinner
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