Enovos

Strategische Interessen

d'Lëtzebuerger Land vom 17.09.2009

Das sei „schon fast ein Skandal“, erregte sich der grüne Abgeordnete Henri Kox gegenüber dem Land im Anschluss an die Sitzung des parlamentarischen Wirtschaftsausschusses gestern Vormittag. Wirtschaftsminister Jeannot Krecké (LSAP) sollte dort über den Stand der Dinge bei Enovos informieren, nachdem vergangene Woche bekannt geworden war, dass ArcelorMittal sich aus seiner 25-Prozent-Beteiligung zurückziehen will (d'Land, 11.09.2009). Der Minister sei jedoch „extrem zugeknöpft“ gewesen. So eine Haltung eines Regierungsmitglieds hätte Krecké als Oppositionsabgeordneter nie und nimmer akzeptiert, glaubt Kox.

Was vor allem die grüne Opposition dem Minister vorwirft, ist, dass er bei der Anbahnung der Fusion von Cegedel, Soteg und der mehrheitlich ArcelorMittal gehörenden SaarFerngas zu einem regionalen Energieunternehmen versprochen hatte, neben dem Staat werde ArcelorMittal die nationalen Interessen zu wahren helfen. Heute zieht Krecké sich darauf zurück, es liefen derzeit in der Aktiengesellschaft Enovos Verhandlungen über eine Übernahme der Anteile eines Aktionärs durch andere, und als Minister müsse ihn das nicht interessieren. 

Ginge es nach den Grünen, würde der öffentliche Anteil an dem Unternehmen erhöht – so hoch wie irgend möglich, da der Enovos-Aktionärsvertrag anscheinend den Anteil des Luxemburger Staates auf 50 Prozent beschränkt. Davon abgesehen wirbt der Europaabgenordnete Claude Turmes seit vergangener Woche schon hinter den politischen Kulissen für eine Idee, die er dem Wirtschaftsminister schon 2006 unterbreitete, als er in dessen Auftrag gemeinsam mit dem deutschen Energiewirtschaftsprofessor Uwe Leprich eine Studie über eine mögliche Luxemburger Energiestrategie verfasste: Vor allem die strategisch wichtigen Netze gehörten weitestgehend in öffentliche Hand. Hätte der Staat nicht die Mittel zum Aufkauf von Netzanteilen, könne der Kompensationsfonds der Pensionskassen mit seinen Milliardenreserven einspringen. Eine solche Investition sei erstens ohne großes Risiko und zweitens einträglich: Rechnet die Pensionskasse in der neuen Investitionsstrategie für ihren Sicav mit einem durchschnittlichen jährlichen Erlös von fünf bis sechs Prozent, würden ihr 8,26 Prozent winken, falls sie Mitbesitzerin von Energienetzen würde – so hoch ist derzeit die Eigenkapitalverzinsung eines Netzes, die das Institut luxembourgeois de régulation bestimmt.

Jeannot Krecké entgegnete all diese Ideen bisher, die Struktur der Netzgesellschaft Creos auf keinen Fall wieder aufschnüren zu wollen – es sei denn, es gehe um einen Beitritt zu Creos, wie den der Gemeinden Luxemburg und Esch/Alzette mit ihren Netzen. Ungeachtet all der Zurückhaltung des Wirtschaftsministers finden dem Vernehmen nach jedoch zurzeit nicht wenige informelle Gespräche um Enovos und Creos statt. Zumal auch manch Industriebetrieb große Hoffnungen an ArcelorMittal im Kapital der Enovos geknüpft hatte. Nicht nur die Aussicht, dass Cegedel und Soteg, die früher um Industriekunden konkurrierten, fusionieren würden, hatte Besorgnis ausgelöst. Sondern nicht minder die Perspektive, dass die wichtigsten Lieferanten aus dem näheren Ausland im Aktionariat des neuen regionalen Anbieters Platz nehmen würden und so auch das Hinterland Luxemburgs als alternative Bezugsmöglichkeit viel weniger in Frage käme. Neue Energie-Anbieter aus dem Ausland sind derweil noch kaum aktiv hierzulande. ArcelorMittal werde, um der eigenen Elektrostahlwerke willen, schon für allgemein gute Preise für gewerbliche Kunden in Luxemburg zu sorgen verstehen, hatte die Hoffnung gelautet. Spätestens vergangene Woche zerschlug sie sich. 

Peter Feist
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