Nach zwölf Jahren als Chefdramaturg der Philharmonie verlässt Bernhard Günther nächstes Jahr Luxemburg in Richtung Wien. Seine unersättliche Neugier wird fehlen. Ein Porträt

Über das Neue

d'Lëtzebuerger Land vom 13.11.2015

Dienstag halb elf in der Philharmonie. Kaffeepause des Orchesters. Bernhard Günther, Mobiltelefon am Ohr, winkt: „Gleich, gleich, muss noch kurz was erledigen...“ Heute ist Redaktionsschluss des Programmheftes der Rainy Days, des Festivals für zeitgenössische Musik, das vom 24. bis 29. November stattfindet. Also eigentlich war der Redaktionsschluss schon gestern, aber alles ist in Verzug – die Philharmonie war Kundin der Imprimerie Faber, die vor zwei Wochen Konkurs anmeldete. In letzter Minute musste eine Notlösung für den Druck des Buches gefunden werden. Das Programm der Rainy Days ist jedes Jahr ein fast zweihundertseitiger Schmöker, aneinandergereiht ergeben die Jahrgänge eine wahre Enzyklopädie der neuen Musik. Bernhard Günther grinst: „Ja, da steckt auch echt viel Arbeit drin. Aber wenn die Leute bei einem unserer Konzerte sagen: ‚Ich glaube, die wollen uns verarschen...’, dann sagt dieses Programmbuch: ‚Nein, wir meinen es Ernst!’“

Zeit für einen Kaffee muss sein. Bernhard Günther holt seine Jacke, ein schwarzes Polyplüschwuseldings, einen feuerroten Schal und streicht sich die Haare, die aus dem lose gebundenen Pferdeschwanz purzeln, wieder hinters Ohr. Der Anlass unseres Gesprächs: nicht nur die Rainy Days, die er seit zehn Jahren programmiert, dieses Jahr zum Thema Suspense. Sondern auch seine Arbeit als Chefdramaturg des Hauses überhaupt – und sein Abgang, nächstes Jahr, zum Festival Wien Modern. 2015/2016 ist Bernhard Günthers letzte Saison in Luxemburg.

Es ist eine Geschichte, die mit Matthias Naske anfing und mit Matthias Naske aufhört: Naske hatte dem jungen Günther in Wien von seinen Plänen in Luxemburg erzählt, bevor er 2003 Direktor des sich noch im Bau befindenden Hauses wurde – und machte ihn damit so neugierig, dass er sich für den Posten bewarb. Naske, der seit Sommer 2013 Intendant des Wiener Konzerthauses ist, ist auch Präsident von Wien Modern. Als Bernhard Günthers Bestellung zum künstlerischen Leiter des Festivals im November 2014 angekündigt wurde, lobte ihn Matthias Naske als „eine[n] der profiliertesten und innovativsten Persönlichkeiten des Fachs als Motor und Ideengeber.“ Und weiter: „Die dem Neuen besonders zugewandte Offenheit Bernhard Günthers fußt auf einer profunden Kenntnis der Musik weit über die Moderne hinaus.“

Ach, die klassische Musikausbildung. Bernhard Günther kennt es, „dieses Etüdenwesen, mit dem man geprügelt wurde“. Hat Cello gelernt, Klassik und Romantik rauf und runter. „Morton Feldmann hat das Elend des Musikstudiums sehr gut auf den Punkt gebracht mit dem wunderbaren Satz: ‚Die Tragödie der Musik ist, dass sie mit der Perfektion beginnt’“, Während seiner Jugend in Norddeutschland entdeckt Bernhard Günther die Neue Musik, hört, dass es noch ganz andere als die ihm bis dahin bekannten Klänge gibt, fährt manchmal nächtliche 20 bis 30 Kilometer mit dem Fahrrad um Aloys Kontarsky Schostakowitsch spielen zu hören. „Neue Musik hatte damals etwas von einer Geheimwissenschaft. Das ist heute vorbei, in einer Zeit, wo Musik aller Genres quasi in zehn Minuten auf Knopfdruck abrufbar ist. Und das ist gut so“, findet Bernhard Günther.

Es war die „Neugier für das Neue“, das ihn damals antrieb, erinnert er sich. „Die Ausrufung des Neuen ist in der Moderne ideologisch meistens mit der Hoffnung verbunden, den Wandel der Zeit, der sinnlos und alleszerstörend zu sein scheint, zu stoppen oder ihm zumindest eine bestimmte Richtung zu geben, um ihn damit als Progreß darzustellen“, schreibt dazu Boris Groys (in: Über das Neue, Fischer, 1999). Der Zukunftsglaube in Gestalt neuer Töne treibt Bernhard Günther (Jahrgang 1970) und seine Generation damals um, je schwieriger die Musik zu finden ist, umso interessanter erscheint sie ihm. In Luxemburg beginnen Leute wie Claude Lenners oder Alexander Mullenbach, das Publikum langsam zur neuen Musik zu führen; bei Konzerten im Conservatoire oder im Cercle municipal werden ihre Werke vor einer Handvoll Menschen gespielt.

Immer noch von der Neugier getrieben, stürzt sich Bernhard Günther ins Studium, das ihn nach Wien führt: Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft, Musiktheaterdramaturgie, Sprachwissenschaft, Psychologie, Soziologie... „Ach ja, und Ethnologie“, fügt er hinzu und lacht – die Österreicher nennen das „Fächerbündelstudium“. „Ich wollte bunt lernen, so wie das Leben ist“, erklärt er. Und: „Die wichtigsten Sachen habe ich sowieso nicht an der Uni gelernt.“ Sondern besonders während eines ersten Halbjahresjobs bei einem Verlag. „Dann war ich angefixt für die Publikationswelt, ich hab’ noch Büchermachen gelernt. Das hat mir später das Handwerk für den Chefdramaturgiejob einfach gemacht.“

Aber vor Luxemburg kamen noch zehn Jahre beim Mica (Music Information Center Austria) in Wien, wo er als Kurator für neue Musik, Urheberrecht oder Internet Musiker und Veranstalter beriet und miteinander in Verbindung brachte. Dort fand auch die erste Begegnung mit Matthias Naske statt. Als Naske 2004 in Luxemburg Claude Lenners vorschlug, zusammen das Festival Rainy Days zu organisieren, und dieser ihm anbot, die Philharmonie solle es doch ganz übernehmen, bestand die Bewerbungsaufgabe für den zukünftigen Dramaturgen darin, ein Konzept für diese erste Ausgabe auf Kirchberg zu schreiben. Bernhard Günthers Ideen und Vorschläge überzeugten Matthias Naske dermaßen, dass er nicht nur den Job kriegte, sondern auch noch gleich sein Konzept zum Thema „musiques spectrales“ umsetzen durfte. Binnen zehn Jahren hat er es fertiggebracht, mit einem „popaffinen“ Programm, wie Bernhard Günther es bezeichnet, das Publikum zu verzehnfachen, auf 4 000 bis 5 000 Besucher pro Jahr. Musik im Schwimmbad, Musik in den Zwischenräumen, Musik auch mal im Tunnel – alles Ideen, die sich immer am Thema orientieren. Wie dieses Jahr, da Hitchcock, der Meister des Suspense, in der Cinémathèque und in der Philharmonie jeweils neu vertont wird (einmal von Maja S.K. Ratkje und einmal von Tatsiana Zelianko).

Zwölf Jahre in Luxemburg haben Bernhard Günther auch zum Kenner der hiesigen Musikszene gemacht, die er sich stets bemühte, nicht nur ins Programm einzubeziehen, sondern auch zusammenzubringen. „In Luxemburg“, stellt er fest, „schafft es die Szene tatsächlich, gleichzeitig klein und zersplittert zu sein, und ich verstehe nicht warum.“ Jahrelang galt das kulturpolitische Motto: jedem Komponisten sein Ensemble, jedem Ensemble seine (großzügige) Finanzierung. „Luxemburg hat aufgrund seiner Größe, nicht die Komplexität in der ästhetischen Diskussion, die man anderswo kennt“, meint Bernhard Günther. Was nicht nur negative Seiten haben müsse, gibt er zu bedenken, da man hier nicht die „jahrelangen Grabenkämpfe von Leuten, die behaupten, sich auszukennen“ ertragen müsse, sondern das Publikum eine gewisse Offenheit habe. „Das Schlimmste, das einem hier passieren kann, ist Desinteresse“, weiß Bernhard Günther.

„Und dann kam plötzlich Catherine Kontz, mit völlig anderen Tönen“, nachdem sie in London studiert hat, ohne durch die Ausbildung bei Claude Lenners oder Alexander Mullenbach im Conservatoire geschleust worden zu sein. „Sie hat eine neue Farbe ins Spiel gebracht“, freut sich Bernhard Günther, der findet, die interessantesten Sachen, die er in Luxemburg gehört habe, seien sowieso immer die Mavericks gewesen. Denn sonst spüre man schon zu sehr den eigenen Saft, in dem alle hier badeten. „Wenn in Luxemburg ein Komponist gespielt werden will – und damit können Sie mich unbedingt zitieren! – dann geht er ins Ministerium und beklagt sich, dass er nicht gespielt wird. Das ist eine absolute Sackgasse“, entrüstet sich Bernhard Günther, in dessen Augen die einzige Lösung für die Entwicklung der Karriere eines Musikers nur sein kann, dass er die Sprache des internationalen Kunstmarktes kennt und versteht.

Und diese Sprache versteht er sehr wohl, programmiert er doch nicht nur Stockhausen, sondern auch Mouse on Mars oder André Mergenthaler. Die Grenzbereiche sind sein Ding, zwischen Pop und Klassik, zwischen E- und U-Musik, zwischen den Jahrhunderten und Generationen. Auch privat. Im Sportfechten muss er strategisch denken und präzise ausführen, sonst ist er touché. Seine Frau, Elisabeth Flunger, ist Improvisationskünstlerin am Schlagzeug, macht aus alles Musik, mit einer speziellen Vorliebe für Schrott und Steine. International spielt sie auf höchstem Niveau, in Luxemburg versucht sie schon seit zehn Jahren, eine Szene für experimentelle Musik quasi aus dem Nichts zu erschaffen. Steve Kaspar ist da ungefähr der Einzige, der von Anfang an mithalten konnte. Nach ihren Galeriekonzerten mit Lucilin beschloss sie kurzerhand mit Bernhard, die Improsessions zu sich nach Hause zu verlegen, auf den Bauernhof in Trintange.

Soup & Session nennt sich das Ganze, aber es fand schon länger kein solches Konzert mehr statt, da Bernhard Günther in seinen Sommerferien im September mal kurz ein neues Festival in Basel mitgegründet hat. Zeiträume Basel, eine „Biennale für Musik und Architektur“, die 20 000 Menschen und 1 200 Mitwirkende an 20 verschiedenen Spielstätten zusammenbrachte. Bernhard Günther lacht laut auf – und streicht sich wieder eine Strähne hinter das rechte Ohr. „Es reizt mich derzeit total, das Festivalformat auszuloten und auszubauen“, erklärt er. Dass er es schade findet, dass die alten, traditionsreichen Festivals wie Salzburg oder das Holland Festival derzeit wieder als „Schlachtschiffe“ oder Hochburgen der „bürgerlichen Repräsentationskunst“ beschimpft werden, wo es doch kaum ein anderes, so großes kollektives Erlebnis wie ein Festival gibt. Deshalb erscheint ihm auch die Möglichkeit, das erhabene Wien Modern zu übernehmen, so reizvoll.

Es wurde, gibt er zu, schon oft versucht, ihn abzuwerben, aber „bis jetzt fand ich, meine Arbeit hier war noch nicht getan. Doch Chefdramaturg der Philharmonie zu sein, ist ein Leistungssport, das fordert ständig den ganzen Menschen.“ Nach zwölf Jahren findet er nun doch, dass sein Job gemacht ist. „Ich habe jetzt Lust, mich aufs Thema Festival zu stürzen.“ Aber bis dahin bleibt noch fast ein Jahr, Benhard Günther geht erst im Sommer 2016 nach Wien. Beim Rainy Days 2015 ist er noch anzutreffen, stets beschäftigt und vernetzt. Aber wenn die Konzerte beginnen, wird er da sein und zuhören, sich völlig unprätentiös mitten unter die Leute setzen, vielleicht auch am Boden, wenn’s sein muss.

„Das Besondere an der in der Neuzeit verbreiteten Auffassung des Neuen“, schreibt Boris Groys, „besteht ja gerade in der Erwartung, es werde schließlich etwas so endgültig Neues in Erscheinung treten, dass es nach ihm nichts noch Neueres mehr geben könne, sondern nur noch die uneingeschränkte Herrschaft dieses allerletzten Neuen über die Zukunft.“

josée hansen
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