Alexa Ballmann ist neue Präsidentin von „Jonk Handwierk“

„Ich habe vor nichts Angst“

d'Lëtzebuerger Land vom 19.07.2019

Ihr Make-up ist so dezent, dass nur die getuschten Wimpern überhaupt verraten, dass sie geschminkt ist. Falsches, Unnatürliches, möge sie nicht, sagt Alexa Ballmann. Ihre Hände sind gepflegt, die Maniküre unauffällig und perfekt. In diesen Händen stecke ihre Gabe, Wohlempfinden zu schaffen, sagt die 34-Jährige. Seit kurzem ist sie Präsidentin des Verbands „Jonk Handwierk“. Eine Kosmetikerin, Vorsitzende von Handwerkern wie Schreinern, Schlossern und Co – das sorgte für einiges Medieninteresse. Der Wirbel hat sie selbst überrascht. Und auch wieder nicht. Bemerkungen, was denn ihr Lebensgefährte sage, wenn sie abends Termine wahrnehme, anstatt zu Hause zu sein, findet sie ungerecht. „Einen Mann würde niemand fragen, was seine Frau davon hält, wenn er abends unterwegs ist.“ Aber solche Fragen, ob sie sich sicher sei, ob sie das schaffen werde, habe man ihr jedes Mal gestellt. Als sie sich mit 26 Jahren mit ihrem Kosmetiksalon selbstständig machte, als sie ein erstes Mal den Salon vergrößerte, als sie den zweiten Salon eröffnete und mit ihren ersten Salon erneut expandierte.

In Oetrange wird sich ihr Geschäft demnächst über drei Wohnungen erstrecken, im Niederanvener Schwimmbad betreibt sie eine Filiale. Sie bezahlt monatlich vier Mieten und beschäftigt neun bis zehn Mitarbeitern, Chefin inklusive. Bisher hat sie meistens geschafft, was sie sich vorgenommen hat. Habe mal etwas nicht geklappt, wie geplant, hätten sich daraus immer neue Chancen und Gelegenheiten ergeben. „Dann muss man umdenken und sich anpassen.“ Darin sei sie gut, sagt sie. Die Neigung vieler Frauen, sich selbst beruflich zu unterschätzen, teilt sie nicht. „Ich habe Angst vor nichts“, sagt sie ebenso deutlich wie unaufgeregt. „Als Unternehmerin muss man Risiken eingehen. Keine übertriebenen Risiken – ich will ja nachts auch noch schlafen können. Aber ohne ein gewisses Risiko geht es nicht.“

Wenn Ballmann erzählt, was sie binnen weniger Jahre aufgebaut hat, klingt es erfrischend selbstverständlich, dass sie die Lorbeeren für viel Arbeit und Einsatz kassiert, sei es im eigenen Betrieb oder in den Unternehmernetzwerken. Ihr fehlt die Härte, die sich manche erfolgreiche Frauen in von Männer dominierten Branchen antrainiert haben. Dabei ist die heute so selbstbewusste junge Frau ein Musterbeispiel für eines der großen Probleme im Luxemburger Schulwesen, mit dem auch die Handwerksbranche seit Jahrzehnten kämpft: dass ein Handwerk zu lernen nur im Ausschlussverfahren als Notlösung empfohlen wird anstatt als attraktive Berufswahl. Ballmann war immer eine gute Schülerin, wurde ins klassische Gymnasium orientiert, wechselte mit 16 ins ECG. Auf 12e, sie hatte immer noch gute Noten, schmiss sie eines Tages nach der Schule ihren Ranzen in die Ecke und erklärte ihren Eltern: „Ich gehe nicht mehr zurück in die Schule.“ Schon mit zwölf, erzählt sie, sei ihr bewusst gewesen, dass sie „esthéticienne“ werden wollte. Sie sei immer hibbelig gewesen, kreativ und im Athenäum fehl am Platz. „Ich war immer falsch orientiert.“ Die Reaktion auf ihren Berufswunsch: „‚Du bist doch intelligent. Warum machst du das?’ Anstatt, dass jemand erkannt hätte, dass ich eine Gabe habe.“ Nach ihrem Streik stimmten die Eltern der Ausbildung zu. Sie absolvierte ein kurzes Praktikum und erlebte eine Offenbarung – endlich war sie da, wo sie hinwollte. Sie suchte eine Lehrstelle, schrieb 50 Bewerbungen und bekam drei Antworten. Ihre dreijährige Ausbildung absolvierte sie schließlich im Institut Annette Weber-Krier, eines der wenigen großen Schönheitsinstitute im Land.

Dass Alexa Ballmann „falsch orientiert war“ kommt ihr im Nachhinein doch noch zugute. Für ihre Rolle als Firmenchefin ist sie dadurch wahrscheinlich besser gewappnet als andere, die eine Berufsausbildung absolviert haben. „Die Buchhaltungskurse machten mir immer Spaß.“ Das ist jetzt, da sie Personal, Material und Kunden an zwei Standorten jongliert, von Vorteil. Denn Salons dieser Größe gibt es nur wenige. Der Grund: Die meisten Kolleginnen – Männer sind im Beruf eine Rarität – arbeiteten lieber selbstständig und ohne größeres Team zu leiten, so Ballmanns Einschätzung nach vielen Gesprächen mit Kolleginnen. Die Statistiken der Handwerkerkammer (CDM) bestätigen ihr Gefühl. Vergangenes Jahr zählte die CDM 276 Niederlassungsgenehmigungen für Kosmetiksalons. Oft werden sie in Verbindung mit anderen Genehmigungen beantragt. Zum Beispiel zusammen mit einer Zulassung für Maniküre und Maskenbildnern (85 Genehmigungen), für Pediküre (74) und für Friseursalons (31). 45 Prozent der Kosmetikerinnen arbeiten allein, ohne Mitarbeiter. Und 47 Prozent der Salons beschäftigen zwischen einem und neun Mitarbeiter – im Schnitt wohl eher drei, wie Ballmann meint. Dabei ist die Branche in den vergangenen Jahren stark gewachsen, wie Statec-Daten zeigen. Mit Schönheitsanwendungen – davon sind die Friseure ausgeschlossen – wurden 2005 20 Millionen Euro Umsatz jährlich erzielt. Fünf Jahre später war der Umsatz auf 32 Millionen Euro gestiegen, und 2017 betrug er provisorischen Angaben zufolge 46 Millionen Euro.

Als sie ihren zweiten Salon eröffnete, musste Ballmann eine ganz neue Strategie entwickeln, wie sie erklärt. „Ich kann nicht gleichzeitig in dem einen und in dem anderen Salon sein und darüber hinaus in meinem Büro die Buchhaltung machen.“ Ihr erstes, funktionierendes Team musste sie deshalb spalten, zwei völlig neue Teams aufbauen. Vergangenen Herbst entschied sie, selbst keine Kundenanwendungen auszuführen. „Das ging einfach nicht mehr, wenn die Qualität in der Firma insgesamt nicht leiden sollte.“ Ballmann brennt noch immer für den Beruf. Was es an verschiedenen Anwendungen gibt, mit diesem oder jenem Apparat möglich ist, darüber kann sie ungebremst lange reden. Im Endeffekt geht es ihr darum, die Haut der Kunden gesund zu halten und das unter Einsatz neuester Technologie. Ist die Haut gesund, sei auch das Hautbild schön. Ihre Rezept dafür: Mit den eigenen Händen sorgt die Kosmetikerin durch Massagen von Gesicht und Nacken für Entspannung und Lymphdrainage. Die Technik bringt sichtbare Ergebnisse. Apparate zum Abschleifen der Haut mit Mikrokristallen, Ultraschall zur Zellanregung, ... Der Beruf der Kosmetikerin liegt nicht nur im Grenzbereich der Medizin, verlangt eine gute Kenntnis davon, wie das Organ Haut funktioniert, der Anatomie und der Blutzirkulation, wie Ballmann meint. Er ist auch kapitalintensiv. „So eine Maschine kostet so viel wie ein Kleinwagen“, rechnet Ballmann vor. „Zwischen 10 000 und 40 000 Euro – und wie beim Auto verliert sie beim ersten Einschalten 30 Prozent des Wertes. Nach vier Jahren müssen sie amortisiert und abgeschrieben sein. Da muss man schon ganz schön viele Anwendungen verkaufen.“ Dennoch hat sie immer gerne Technik eingesetzt und auch die Kunden verlangten das, je nachdem, was gerade in Mode sei. „Das geht so: die Konzerne erfinden eine Anwendung und die wird dann in den Medien groß beworben. Die Kunden wollen dann diese Anwendung und wenn du sie nicht anbieten kannst, gehen sie in einen Salon der es kann.“

Dabei haben gute Kosmetikerinnen durchaus treue Stammkundschaft. Körperhaare mit Wachs oder Zucker entfernen, lässt man sich nur von einer Person, der man vertraut. Und während längerer Gesichtsbehandlungen bleibt viel Zeit zum Austausch von Informationen und zum Kennenlernen. Auch dadurch, sagt Ballmann habe sie bereits Kunden helfen können. Zwar dürfen Kosmetiker keine medizinischen Diagnosen stellen, wie sie mehrfach unterstreicht. Doch habe sie im Laufe ihrer Karriere schon einige Kunden zum Arzt geschickt, der ihren Verdacht dann bestätigt habe. „Wir sehen die Kunden ja öfter als der Arzt.“

Trotz ihrer offensichtlichen Leidenschaft für ihren Beruf bereut Ballmann es nicht, sich aus der Kundenbetreuung zurückgezogen zu haben. „Ich sehe das als berufliche Weiterentwicklung.“ Gelegenheit, selbst Hand anzulegen, hat sie auch so noch genug. Zum Beispiel, wenn sie mit ihren Auszubildenden übt, von denen sie jedes Jahr eine neue aufnimmt. „Man kann sich nicht über den Mangel an gut ausgebildetem Personal beschweren und selbst keine Zeit investieren wollen, um auszubilden“, stellt sie trocken fest. Den Überblick übers Geschäft behält sie digital. Jeden Abend schickt ihr das Computerprogramm per Mail eine Zusammenfassung, wer welche Termine absolviert und welche Produkte verkauft hat. Nicht allen Mitarbeiterinnen hat es gefallen, dass die Chefin weniger präsent und zugänglich war.

Als Unternehmerin im Handwerk einer neuen Generation, als die sich Alexa Ballmann versteht, hatte sie keine Angst davor, sich externe Hilfe in Form eines Coaches zu holen. Der habe ihr und ihren Mitarbeiterinnen beigebracht, besser zu kommunizieren und ihr gezeigt, wo sie Fehler gemacht habe. Das zuzugeben fällt Ballmann im Gespräch nicht schwer. Die Zeiten, in denen einen „Patron“ durch Autorität alleine herrschte, sind ihrer Ansicht nach vorbei. Das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern „hat sich grundlegend verändert“: Weil die jungen Arbeitgeber anders erzogen wurden als ihre Vorgänger, die jungen Berufsanwärterinnen ebenfalls. Letzteres fordere einen völlig anderen Umgang. Und vor allem sind Fachkräfte auch im Handwerk Mangelware, was das Kräfteverhältnis umgekehrt hat. Um gute Mitarbeiter zu halten, müsse der Arbeitgeber ihnen etwas bieten. Ballmann setzt eigener Aussage zufolge auf Fairness und auf Transparenz. „Meine Mitarbeiterinnen kennen die Umsatzzahlen und die Kosten. Sie wissen deshalb, was möglich ist und was nicht. Und dass ich am Monatsende selbst auch noch etwas verdienen muss. aber keinen Porsche fahre.“ Anders als früher forderten die meisten Mitarbeiterinnen mittlerweile nicht unbedingt mehr Lohn. „Ihnen ist das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben wichtiger“ – das war eines der für die Chefin eher überraschenden Ergebnisse des Austauschs mithilfe des Coaches.

Vielleicht weil ihr eigener Weg zur Kosmetikerin nicht ganz geradlinig verlief, interessiert sich Ballmann sehr für die Ausbildung. Die besteht aus einem Diplôme d’aptitude professionelle (DAP), der Voraussetzung für die Meisterprüfung ist, die seit sieben Jahren wiederum Voraussetzung für die Niederlassungsgenehmigung ist. Doch für viele der Kandidaten und Kandidatinnen, die sich aus dem Modulaire hochgearbeitet haben, sei das Niveau im DAP zu anspruchsvoll. Und für die, die quereinsteigen würden, weil sie sich für den Beruf interessierten, sei das Ausbildungsangebot nicht fordernd genug – „dafür fehlt es dann an Allgemeinbildung und am Sprachenunterricht.“ Deshalb arbeite die Branche schon seit einiger Zeit intensiv daran, den Ausbildungsweg umzubauen. Um denjenigen, die zwar manches gut können, aber vom DAP überfordert sind, ein Certificat de capacité professionelle (CCP) und damit irgendeinen Abschluss anzubieten und gleichzeitig das Niveau für die anderen hochzuhalten. Darüber hinaus sollen die Anwärter auf den Beruf der Kosmetikerin ein Jahr länger in der Schule bleiben. „Mit 16 ist man noch nicht unbedingt bereit, um im Betrieb mit Kunden zu arbeiten. Da ist man doch noch so jung – wer weiß denn da überhaupt, was er im Leben anfangen will?“, so Ballmann. Sie wusste es.

Michèle Sinner
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