Sozialforschung

Neues vom Altern

d'Lëtzebuerger Land du 24.10.2014

Unter welchen Bedingungen werden die Menschen in Luxemburg alt? Wie lange bleiben sie bei guter Gesundheit und wann beginnen sie an alterstypischen Erkrankungen zu leiden? Welche Einkünfte haben sie, wie wohnen sie, wie sind ihre sozialen Beziehungen beschaffen, und in welcher Form bleiben sie wie lange gesellschaftlich aktiv?

Solche Fragen zu beantworten, wird demnächst leichter, denn Luxemburg nimmt am transeuro-päischen Forschungsprojekt Share teil. Share steht für das Survey on Health, Ageing and Retirement in Europe und wurde vor zwölf Jahren von der EU-Kommission ins Leben gerufen. 21 EU-Mitgliedstaaten sowie die Schweiz und Israel sind ihm derzeit angeschlossen. Das Besondere daran: Share ist als Langzeitstudie angelegt. In regelmäßigen Abständen werden dieselben Versuchsteilnehmer immer wieder aufgesucht und ihnen ein Katalog von über 200 Fragen vorgelegt. So sollen Lebensgeschichten der über Fünfzigjährigen entstehen.

In Luxemburg hat das Belvaler Sozialforschungszentrum Ceps-Instead die Erhebungen übernommen. Befragt werden nicht die Teilnehmer an dem schon seit langem bestehenden Ceps-Haushaltspanel. „Wir haben eine neue Bevölkerungsstichprobe aus 1 600 Personen aufgestellt“, sagt Maria Noel Pi Alperin, eine der Share-Verantwortlichen am Ceps. 70 vereidigte Befrager habe das Institut für Share unter Vertrag genommen.

Während die erste „Welle“ der Befragungen mit damals elf Teilnehmerstaaten schon 2004 ablief, dann alle zwei Jahre eine weitere Welle folgte und sich nach und nach immer mehr Staaten Share anschlossen, stieß Luxemburg erst 2013 zur fünften Welle hinzu. Ursache dafür waren Kostenerwägungen; vorher hatte das Forschungsministerium das Geld zur Teilnahme nicht bereitgestellt. Derzeit läuft Welle sechs. Zehn Wellen will die EU-Kommission durchführen lassen.

Die Ergebnisse von Share sind nicht nur sozialwissenschaftlich bedeutsam – international sogar, denn das Projekt wird von einem zentralen Konsortium koordiniert, das alle Fragen für die Erhebungen formuliert und sämtliche gelieferten Daten aufarbeitet, ehe sie in die Teilnehmerländer zurückgehen. Das soll für Vergleichbarkeit sorgen. Share wird, wie man sich leicht vorstellen kann, auch politische Entscheidungen und die Debatte vorher beeinflussen, denn die zentrale Frage hinter dem Projekt lautet, wie die Wohlfahrtsstaaten der Teilnehmerländer dazu beitragen, wie die Menschen altern. Die aus den Daten früherer Wellen entstandenen Publikationen – rund 3 500 sind es bisher – zeigen zum Beispiel schon: Wer in seinem Berufsleben von guten Arbeitsbedingungen profitieren konnte, geht seltener in Frührente. In Staaten mit höherem Mutterschaftsgeld nehmen Mütter seltener wieder eine Berufstätigkeit auf und erhalten folglich geringere Altersrenten. Altersarmut geht einher mit schlechterer Gesundheit und weniger sozialen Kontakten – und hängt stark davon ab, aus welchem „Hause“ eine Person stammt. Wobei sich dem jedoch durch eine gezielte Sozialpolitik entgegensteuern lässt.

Beim Ceps-Instaed liegen momentan die Luxemburger Resultate aus der fünften Welle vor, die das Share-Konsortium validiert hat. Sie werden, das ist eine Prämisse des Projekts, sämtlichen Forschern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das Ceps werde Anfang kommenden Jahres über die ausgewerteten Daten zu publizieren beginnen, kündigt Di Alperin an. Es werde nicht nur Veröffentlichung in Fachzeitschriften geben, sondern auch Kurzberichte für die breite Öffentlichkeit.

www.share-project.org
Peter Feist
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