Die kleine Zeitzeugin

Das verwirrte Land

d'Lëtzebuerger Land du 12.10.2018

Luxemburg im Herbst. Die Performer, die Akteure touren – auf Wahlplakaten, durch die Lande und die Fernsehstudios, wo die Performance meist matt ist. Runden von jungen grauen Männern, eher als von alten weißen; die jungen grauen Männer sehen sich zum Verwechseln ähnlich, was sie von sich geben, wirkt etwas narkotisierend. Und ob der Teil des Wahlvolks, der sich schon beschwert, weil es so schwer ist, einen Croissant zu kaufen, imstande ist diesem Polit-Sprech, der mit seinen Sprachprothesen von eingeluxemburgischten, aus dem Französischen oder Englischen stammenden Abstraktionsklumpen so schwerfällig daher kommt, überhaupt zu folgen?

Als Sprachenparadies präsentiert sich Luxemburg auf der Frankfurter Buchmesse, klingt doch viel schöner als Steuerparadies. Als Land, in dem elegant geswitcht wird, von der Zeitung in Deutsch zur Kaffeebestellung auf Französisch, Englisch sowieso. Auf dem Flughafen werden globale Glücksritter_innen schließlich mit dem Spruch empfangen: „In Luxembourg, the gold grows on the trees.“ Und liegt das Gold nicht hier auf der Straße, und es ist ja bald überall Straße?

Auf der liegen aber auch relativ viele Menschen, wahrscheinlich sind das Kollateralschäden. Vor manchen Altmodischen taucht der alte Indianer mit dem letzten Baum und dem letzten Fisch auf – der, der einst zuverlässig von WG-Klo-Postern mahnte. Und der Indianersee taucht vor ihnen auf, in dem die Blaualgen nachhaltig blühen.

Aber wer ist so muffig, so rückwärtsgewandt, es gibt doch jetzt Fahrrad und Straßenbahn und die Stadt ist so cool geworden, so voll toll und so toll voll! Nach dem Studium kommen die Kids doch zurück nach Kosmopolis, die ganze Welt ist schließlich auch hier. Und die Festung aber auch, cool, und die Luxemburger Gehälter. Eine neue Welt mit der alten Deko, passend aufgepeppt, Kultur, Style, Gourmet, die jungen Luxemburger_innen sind vermutlich die globalsten Menschen Europas. Ein Teil von ihnen.

In Esch sieht es schon anders aus. Esch, zwanzig Autominuten von der Stadt entfernt, wirkt nach Premium City wie Dritte Welt, oder eher Vierte – wobei, es ist nicht mehr in, die Welten zu zählen –, mit seinen lädierten, schäbigen Schaufenstern und der Ärmlichkeit auf Schritt und Tritt. Und ins Umland frisst sich der Beton. Land, vom Straßennetz umschlungen und verschlungen, wird zu Umland, zur Peripherie, boomend natürlich, zur Nonstop-Cité mit Nonstop-Einkaufsmöglichkeiten.

In immer noch existierende Dorfenklaven ist dagegen die Idylle eingezogen: pastellfarbene Häuser, blühende Laternenmasten, und selbst im einst extraherben Ettelbrück grüßen grün Bäume. Nur Belegschaft wird in den Dörfern kaum je gesichtet, warum auch? Der Delhaize ist bestimmt nicht in der Mitte des Ortes, die Kirchen haben den Geist aufgegeben, die Kneipen gleich mit. Die Atmosphäre, in denen die Protagonisten der zeitgenössischen Luxemburger Literatur, meist von Männern beschriebene Männer, leere Kühlschränke anschreien oder aus Fenstern schauen, aus denen sie nichts sehen.

Draußen Sprachenparadies, im Inland jetzt vor den Wahlen Kuschel-Zukunft auf Luxemburgisch. Streicheleinheiten für die Eingeborenen, Identitäts-Sedativ für jene, denen das Wachstum über den Kopf wächst, denen es ungemütlich wird inmitten der Komfort-Boxen, in denen eine wachsende Bevölkerung für Wachstum sorgen soll. Während ihre Kinder nicht ganz so global jenseits einer Grenze ziehen. Zukunft auf Luxemburgisch, um last minute noch jene ënnert eis anzusprechen, denen eine rechte Partei aus dem Bauch spricht, in der Sprache, die aus dem Bauch kommt.

Etwas Neues erblickt das Licht einer neuen Welt. Verhext wie eine Pubertierende, die gebannt auf ihre Gliedmaßen starrt und nicht weiß was ihr geschieht, wächst diese neue Welt, dieses neue Land. Es wächst so schnell, dass es kaum noch mit sich mitkommt.

Luxemburg im Herbst. Das Land als work in project, als Entwurf, verwirrt, verwirrend, wahrscheinlich das spannendste Land Europas.

Wobei das Bedürfnis nach Spannung nicht das primäre Bedürfnis der meisten Menschen ist.

Michèle Thoma
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