Der Behindertensport führt ein Nischendasein. Das ändern auch die Paralympics nicht

Mitleid? Nein, danke!

d'Lëtzebuerger Land du 07.09.2012

Der Grand-Duc war da, die Grande-Duchesse, die Kinder sowieso. Von Fotografen begleitet, die jeden Jubelruf im Bild festhielten, folgte die großherzogliche Familie den Wettkämpfen der Luxemburger Sportler bei den Olympischen Spielen in London.

Bei den Paralympics war dann Schluss mit Fotos. Nicht weil die adelige Familie keine Lust mehr hatte. Es gab nichts zu knipsen. (Britische) Zeitungen loben sie als „the best Paralympics ever!“, mit 4 000 Sportlern und 2,5 Millionen verkauften Tickets wurde gleich zu Beginn ein neuer Rekord geknackt. Aber trotz imposanter Kulisse ist 2012 kein Luxemburger Sportler dabei.

Das liegt nicht am mangelnden Willen der Verantwortlichen beim Luxemburger Olympischen Komitee. „Wir haben dieses Jahr keinen Athleten gehabt, der das Niveau annähernd aufbieten konnte”, erklärt Daniel Theisen, Sportmediziner und Präsident von Paralympics, dem Verband der Behindertensportler.

Was einige verkennen: die Paralympics ist Hochleistungssport. Wer sich hier qualifizieren will, muss jahrelang auf höchstem Niveau trainieren. „Vor 20 Jahren hat vielleicht ein wenig Talent und Vorbereitung gereicht, das ist aber längst nicht mehr so. Heute hat sich das professionalisiert”, betont Theisen. Als mit Peter Lorkoswki der einzige luxemburgische Paralympike vom aktiven Hochleistungssport zurücktrat, war die letzte Hoffnung von einer Luxemburger Teilnahme an der Londoner Behinderten-Olympiade geplatzt. Dabei soll die Großherzogin persönlich zur Teilnahme ermuntert haben. Eine Wildcard beantragen, wollte das Olympische Komitee nicht. „Da hätten wir uns nur blamiert“, sagt Theisen frei heraus. Dann lieber die Zeit nutzen und in Ruhe neue Athleten aufbauen, um für die 15. Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 fit zu sein.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn der Behinderten-Hochleistungssport steckt in Luxemburg noch in den Kinderschuhen. Es fehlt der Nachwuchs. In sämtlichen Olympischen Sportarten, sei es beispielsweise Schwimmen, Judo, Laufen oder Weitsprung, fehlen talentierte Sportler. „Es ist schwer, in einem kleinen Land Athleten zu finden, die noch dazu bereit sind, so viel Zeit und Energie für ihren Sport aufzubringen“, weiß Daniel Theisen. Immerhin: Fürs Handbiking gibt es mit Joël Wagener, Serge Weyrich und Luciano Fratini drei viel versprechende Talente und mit John Back einen erfahrenen Nationaltrainer. Für den 6./7. Oktober ist ein Handbiking-Stage im Institut national des sports geplant. Trainer, drei neue Handbikes wollen aber bezahlt sein. Die Œuvre nationale de secours grande-duchesse Charlotte hat kurzfristig 30 000 Euro gespendet. „So konnten wir zügig mit dem Profi-Training beginnen“, freut sich Daniel Theisen. Um ein Paralympike zu werden, muss aber nicht nur die Sportausrüstung bezahlt werden, sondern auch Trainingslager, Reisen, Unterkunft, Trainer. Da geht die Rechnung schnell in die Tausende.

Geld und generell fehlende Anerkennung und Unterstützung von außen ist der Dauerbrenner beim Behindertensport. Im Jahresbericht des Sportministeriums von 2011 stehen unter der Rubrik Service Sport & Handicap ganze zwei Zeilen. Die erste informiert darüber, dass bei dem Dienst zwei Personen arbeiten, die zweite, dass „un grand nombre d’entraînements et de compétitions ont lieu dans les locaux performants et appropriés du Rehazenter grâce à une convention de coopération“, die Zentrum, Sport- und Gesundheitsministerium unterzeichnet hätten. Warum es nicht möglich war, mehr Informationen zu liefern und wenigstens das Budget für den Behindertensport nach Breiten- und Leistungssport aufzuschlüsseln, wissen nur die Verantwortlichen. Auf Land-Nachfrage gibt das Sportministerium an, man habe die drei derzeit existierenden Behindertensportvereine mit 36 000 Euro im Jahr 2009, 51 000 Euro im Jahr 2010 und 31 000 Euro im Jahr 2011 subventioniert. Vom Congé sportif, über den sich Elite-Sportler und Trainer vom Beruf freistellen lassen können, profitierten auch Freizeitsportler von Special Olympics mit rund 30 000 Euro.

„Das sieht nicht nach viel aus, aber die Unterstützung durch den Staat drückt sich nicht nur in nackten Euro-Zahlen aus“, betont Hubert Eschette vom Sportministerium. So unterstütze der Staat Gemeinden bei der Finanzierung, wenn diese behindertengerechte Sportinfrastrukturen baut. Auch Sportföderationen werden bezuschusst, bei den Special Olympics, die auch international auftreten, etwa übernimmt der Staat 45 Prozent der anfallenden Personalkosten. Will ein Verein auf Reisen gehen oder einen Wettkampf veranstalten, kann er wie jeder andere Sportsverein, finanzielle Hilfe beantragen. „Es gilt das Prinzip der Subsi-diarität. Es ist uns egal, ob es behinderte oder nicht-behinderte Sportler sind“, erklärt Eschette.

Allerdings wird nicht viel Geld für Behinderten-Sportinitivativen angefragt – und wenn, dann von spezialisierten Vereinen. „In den letzten Jahren ist viel passiert“, lobt Basketball-Trainerin Francine Muller von Zesummen aktiv (Zak), einem Verein, der sich vor rund vier Jahren nach einem Streit von Special Olympics abgespaltet hat und in dem Geistig Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen trainieren. Die Zak-Sportler trainieren in Mersch, im Rehazentrum, auf dem Geeseknäppchen. In diesem Sommer fuhr die Gruppe ins Ferienlager nach Bremerhaven. 400 Mitglieder zählt der Verein, rund 90 sind aktiv. Rechnet man die rund 900 Mitglieder von Special Olympics und deren 100 Aktive hinzu, kommt man auf rund 200 geistig behinderte Vereinssportler. Die meistens trainieren nicht unter Wettkampfsbedingungen. Anders als die Luxrollers, die Basketball-Bikers, die in der Zweiten Bundesliga mitspielen.

Doch auch deren Erfolge können nicht darüber hinweg täuschen, dass das Gros des Luxemburger Behindertensport in der Nische geschieht. Als die Familienministerin Marie-Josée Jacbs (CSV) im Frühjahr im Rahmen der UN-Behindertenskonvention den nationalen Aktionsplan Handicap vorstellte, gab es Kritik: Behindertenorganisationen hatten ein klares Bekenntnis der Politik zum gemischten Sport erwartet. Enttäuscht schrieben Nëmme mat eis und Zak in einem gemeinsamen Kommunikee: „Leider sollen laut Aktionsplan in Luxemburg behinderte Sportler weiterhin mit staatlicher Unterstützung in spezielle Vereine abgeschoben werden, wo sie ‘unter sich’ bleiben, die ‘normalen’ Sportler nicht stören und nur zu Alibizwecken bei besonderen Gelegenheiten in Erscheinung treten dürfen.“

Dass Behinderte und Gesunde zusammentrainieren, ist in Luxemburg noch die absolute Ausnahme. Dabei gilt laut Experten für den Sport, was für die Schule gilt: Das höhere Niveau der anderen zieht Jugendliche mit körperlichen und geistigen Einschränkungen mit. Andererseits lernen Gesunde mit unterschiedlichen Voraussetzungen umgehen. Eine Win-Win-Situation für beide. In anderen Ländern sind gemeinsame Trainings längst an der Tagesordnung, schon allein um teure Sportinfrastrukturen besser auszulasten.

„Die Londoner Paralympics können dazu beitragen, dass sich das Bild vom Behindertensport in der Öffentlichkeit ändert“, hofft Daniel Theisen. Von falschem Mitleid hält er nichts. Seine Organisation will deshalb nachhelfen und hat sich einen Profi in Sachen Kommunikation an die Seite geholt. Er soll die Internetseite www.paralympics.lu und auch die Newsletter überarbeiten.

Die Paralympics richten sich jedoch in erster Linie an körperlich Behinderte, die Sport auf hohem Niveau treiben wollen. „Es gibt aber Unterschiede. Nicht jeder Behinderte kann oder will unter Wettkampfsbedingungen trainieren“, sagt Fran-cine Muller von Zak. Sie sieht den Leistungsdruck kritisch und mag an ihrem Verein, dass „wir hier Bewegung und Spaß ohne Druck haben.“

Der klassische Unterschied zwischen Freizeitsport und Hochleistungssport. Manch ein behinderter Sportler hat sein Glück in einem regulären Verein versucht – und ist frustriert zurückgekehrt: Ein Mutter berichtet von einem talentierten Basketballer mit Autismus. Nachdem ihn seine Eltern auf seinen Wunsch hin beim regulären Sportverein angemeldet hatten, fand er sich nur noch auf der Ersatzbank wieder. Dass es anders geht, zeigen Fahrten ins Ausland. Dieselbe Mutter schwärmt: „Wie die sich da um ihre behinderten Sportler kümmern, da können sich unsere Vereine eine Scheibe abschneiden.“

Daniel Theisen plädiert als nächsten Schritt für eine engere Zusammenarbeit zwischen den im Behindertensport aktiven Vereinen: „Am besten wäre, wenn dort, wo Talente erkannt werden, diese früh gemeldet und gefördert würde. Egal, was sie für körperliche oder intellektuelle Einschränkungen haben“, sagt Theisen und fügt hinzu. „Ich weiß aber, das ist der Idealfall.“

 

Unbeholfen und befangen

So viel Aufmerksamkeit ist selten. Seitdem dem Startschuss für die Paralympics 2012 in London laufen, tauchen in Zeitung, Funk und Fernsehen mehr Berichte über behinderte Sportler auf. Vor allem britische Zeitungen sind voll von Geschichten über Sportler mit Handicap, die über eine Medaille jubeln.

Die Medien in Kontinentaleuropa tun sich schwerer. Nicht nur, weil sie seltener Medaillenerfolge zu melden haben. In deutschen und französischen Medien landen Nachrichten über die Paralympics eher auf den hinteren Seiten statt wie in Großbritannien auf der Eins.

Die „Arkwardness“, das Unwohlsein vieler Nicht-Behinderter im Umgang mit Behinderten, spiegelt sich in den Medien wider. Journalisten  ringen, das richtige Wort zu finden: „Schadensklasse“ schrieb Spiegel-Online kürzlich in einem Bericht und meinte damit nicht verunfallte Autos, sondern die Klassifizierung der Paralympiker nach dem Grad ihrer körperlichen Einschränkung.

Besonders gerne erzählen Journalisten Heldengeschichten: vom Sportler, der nach schwerem Unfall keine Lebenshoffnung mehr sah, sich dann doch aufrappelt und zum Medaillenträger wird. Behinderte Sportler wollen aber kein Mitleid, sondern Anerkennung für ihre Leistungen.

Wo bleibt bei uns die Berichterstattung über die Paralympics? fragte eine Luxemburger Leserin kürzlich auf Facebook. Luxemburg ist bei den Paralympics dieses Jahr nicht dabei. Auch sonst wird das Thema Behinderung eher selten aufgegriffen, meistens, wenn es eine Pressekonferenz zum Thema gibt. Reportagen über das Leben von Menschen mit Einschränkungen gibt es kaum, geschweige denn Debatten darüber, wie sich der Sport stärker für Behinderte öffnen könnte. Allen voran der Schulsport und die Vereine. Der Presserat will demnächst eine Weiterbildung organisieren, wie Minoritäten in der Öffentlichkeit dargestellt werden und wie Journalisten zu diesem Bild beitragen. Und was tun die anderen?

Ines Kurschat
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