Naturgas Kielen

Rohstoff Biomüll

d'Lëtzebuerger Land vom 12.11.2009

Noch fahren auf dem Gelände der Biogasanlage von Naturgas Kielen die Bagger. Riesige Erdhaufen säumen den Weg bis zur Anlage. Große Traktoren ziehen schwere Anhänger durch den vom Regen der vergangenen Wochen aufgeweichten Boden. Um die Reaktoren stehen Baugerüste. Darauf klettern Bauarbeiter, die die riesigen Zylinder mit Isoliermaterial einkleiden. Eine Wasserpumpe surrt im Hintergrund, sie pumpt gerade Wasser aus dem einen in den anderen Reaktor, um die Dichte zu testen. Dahinter klaffen drei große kreisrunde Becken im Boden. Dort werden später die flüssigen Gärreste gelagert. 

Im April 2010 soll die Anlage den Betrieb aufnehmen, erklärt Nico Godart, Leiter von Naturgas Kielen. Das ist später als geplant. Doch den Anlagenbauern machte nicht nur das kalte Wetter im vergangenen Winter einen Strich durch die Rechnung. Sie hatten auch mit krisenbedingten Lieferschwierigkeiten zu kämpfen, die Baukomponenten ließen auf sich warten. 

Trotz Verspätung wird die Inbetriebnahme der Kehlener Anlage in vielen Hinsichten eine Premiere in Luxemburg sein. Anders als bereits bestehende Anlagen wird sie keinen Strom erzeugen, sondern ihr Gas direkt ins öffentliche Netz einspeisen. Somit soll ein höherer Wirkungsgrad erreicht werden. Das Gas wird dort verbrannt, wo es gebraucht wird: in den Heizungskellern der Verbraucher. Es ist die Art von Anlage und in einer Größenordnung, wie sie sich das für die Energiepolitik zuständige Wirtschaftsministerium – durch EU-Kohlenstoffreduktionsziele und Kioto-Abkommen verpflichtet – seit der Vorlage der Studie über das Potenzial der erneuerbaren Energiege­winnung im März 2007 ausdrücklich wünscht. Dabei ist Naturgas Kielen eine private Initiative, eine bereits 2004 gegründete Kooperative von Landwirten aus den umliegenden Gemeinden. Einen zweistelligen Millionenbetrag – der Kehlener Bürgemeister Aloyse Paulus sprach laut Journal bei der Zeremonie zum ersten Spatenstich von 15 Millionen Euro – hat die Kooperative investiert, finanziert durch Bankkredite. Investitionsbeihilfen haben die geschäftstüchtigen Bauern bislang keine erhalten, und es ist weiterhin offen, ob sie Zuschüsse erhalten und in welcher Höhe, denn für die landwirtschaftliche Kooperative gelten andere Bezuschussungsregeln als für Unternehmen und Privatpersonen. 

Dass die Kehlener Anlage nicht erst Strom herstellt, bevor sie die erzeugte Energie weitergibt, ist allerdings nicht ihre einzige Besonderheit. In Kehlen wird erstmals in Luxemburg Biomüll als Rohstoff für die Gasproduktion verwertet. Dafür hat Naturgas Kielen viel Geld in ein Verarbeitungssystem investiert, das den angelieferten Müll häckselt und vollautomatisch Metall, Kunststoff, Papier und größere Holzstücke aussondert und trennt. Danach werden die mit Wasser vermischten Abfälle während mindestens einer Stunde bei 70 Grad gekocht. „Hygenisieren“ nennen das die Experten, und das ist Vorschrift vom Umweltministerium, ohne Hygenisierung keine Zulassung zur Verwendung von Bioabfällen. 

Bevor der Müll in die Vergärungsanlage gefüllt werden kann, muss er abkühlen, erklärt Godart. Die Vergärungstemperatur der Kehlener Anlage liegt zwischen 40 und 45 Grad. Das ist eine mittlere Prozesstemperatur, ein Kompromiss. Denn ist die Vergärungstemperatur niedrig, ist der Prozess stabil, die Bakterien, die im Reaktor die Materie zersetzen, relativ unempfindlich. Dafür zersetzen sie die Materie aber nur langsam. Ist die Temperatur hoch, ist die Gasherstellung schnell, der Gärungsprozess dafür aber anfälliger.

Den Kehlener Verantwortlichen und ihren Beratern kam die Idee, die Hitze des gekochten Biomülls zu nutzen, um die anderen Rohstoffe, die in die Reaktoren gefüllt werden, auf Prozesstemperatur zu bringen. Sie investierten abermals gutes Geld in einen Wärmeaustauscher. Nun läuft kaltes Material an dem heißen vorbei, danach hat beides die richtige Temperatur für den Vergärungsprozess. Dadurch, und weil sich die Kehlener Anlagenbauer für zylindrische anstatt halbsphärische Reaktoren entschieden haben, sparen sie sich dort die Heizung. „Das ist wie beim Kaffeetrinken“, erklärt Experte Godart dem Laien das Prinzip. „Wenn Sie den in eine hohe, schmale Tasse füllen, bleibt er auch länger warm, als wenn Sie ihn in eine flache, breite Tasse gießen.“ 

Das leuchtet ein, allerdings bringt die Form der Reaktoren, der Vergärungsbehälter, weitere Probleme mit sich. Nicht umsonst haben ja andere Anlagen halbsphärische Behälter. Das erleichtert den Ladeprozess; man kann problemlos die neuen Rohstoffe nachkippen, muss nach dem Füllen dafür aber auch die Vergärungsmasse kräftig umrühren, damit sich neues mit bereits angegärtem Material vermischt. Weil sie aber schlankere Behälter wollte, musste sich die Kehlener Kooperative, beziehungsweise ihr Ingenieur, etwas einfallen lassen. Denn Sinn und Zweck der Anlage war es auch, Mist und Gülle ihrer Mitglieder, sowie anderes organisches Material aus der landwirtschaftlichen Produktion zu verwerten. Mist, Silage und Grasabfälle sind aber fest, nicht flüssig und lassen sich deswegen nicht so gut in schlanke Behälter füllen. Deswegen wurde für die Kehlener Anlage, das ist ein weiteres Novum, eine Art Mist- und Güllemixer konzipiert und gebaut. Darin wird das festeMaterial pumpfähig gemacht. Weil die Kehlener Vergärungsanlage somit quasi nur eine Art vorgekaute Suppe zu sich nimmt, anstatt große Stücke fester Nahrung, wird sie beständig nachgefüllt. „24 Stunden auf 24“, sagt Godart stolz, das ganze Jahr über. Sie muss deswegen zwar beständig, dafür aber nicht so heftig durchgerührt werden. 

„Das ist aber noch nicht alles“, unterstreicht Godart, und meint damit die technischen Neuerungen, die in Kehlen Landespremiere feiern. Obwohl die Anlage außerhalb des Dorfes liegt, wurde eine Luftreinigungsanlage installiert, die sicherstellen soll, dass kein Biomüllgestank die Einwohner der Gemeinde belästigt. Die Halle, in der Biomüll, Mist und Gülle für die Vergärung vorbereitet werden, und außerdem der zu verarbeitende Biomüll gelagert wird, ist mit großen Rohren bestückt, welche die Luft absaugen. „Es herrscht ständig Unterdruck“, so Godart. Die Luft wird gefiltert und entweicht erst, wenn sie geruchlos ist. Gefiltert, oder besser gesagt zentrifugiert – auch das ist eine neue Idee – wird auch ein Teil der Gärreste, um das Wasser zu gewinnen, das beispielsweise bei der Biomüllverarbeitung eingesetzt wird. „Wir wollen kein Trinkwasser verbrauchen“, lautet Godarts Erklärung. 

„Das ist mit Abstand der teuerste Teil der Anlage“, sagt der Leiter von Naturgas Kielen und zeigt erneut auf die Biomüllaufbereitungsanlage. Nicht umsonst hat man hier viel Zeit und Geld investiert. Es ist wesentlich, dass die Anlage so konzipiert ist, dass sie einen variablen und möglichst hohen Anteil Biomüll verarbeiten kann. Denn diese Variable hat großen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der Anlage. Mit Biomüll lässt sich Geld verdienen. Nicht nur durch das entstehende Gas, das verkauft werden kann. Sondern weil Naturgas Kielen sich für die Abnahme bezahlen lässt. Das Gemeindesyndikat Sica, dem die Gemeinden Kehlen, Mamer, Koerich, Kopstal, Steinfort, Bartringen, Simmer und Garnich angehören, will seinen Biomüll dort loswerden. Und auch private Unternehmen, die beispielsweise Lebensmittelreste entsorgen müssen, könnten dort anliefern. „Wir haben viele Anfragen“, bestätigt ein zuversichtlicher Godart, an Material fehlt es demnach nicht. 

Das wird den Mitgliedern der Kooperative erlauben, ihren Mist kostenlos anzuliefern. Die Gülle holt ein Lastwagen von Naturgas bei den Höfen ab. Der bringt auf der gleichen Fahrt die Gärreste mit, mit denen die Anbauflächen gedüngt werden. „Zusätzlich zu den Gärrestlagern auf dem Gelände der Anlage werden wir dezentrale Lager bauen, die näher an den Anbauflächen sind“, erzählt Godart. Insgesamt kann so Düngematerial für 13 Monate eingelagert werden. „Das werten wir auch als Dienstleistung an unsere Mitglieder. Sie müssen dann weniger in ihre Güllelager auf dem Hof investieren.“Für Godart, der früher bei der Landwirtschaftskammer gearbeitet hat, ergeben sich aus dem Projekt weitere Vorteile für Landwirte und Gemeinden. Die 2 800 Hektar Land, die von den Kooperativemitgliedern bewirtschaftet werden, liegen zum Teil in Wasserschutzgebieten. Dadurch, dass nun die Düngung der Anbauflächen zentral gesteuert und überwacht wird, ist die Kontrolle über das, was im Wasserschutzgebiet passiert, größer als zuvor. Außerdem teste man mit den Mitgliedern der Kooperative den Anbau von Zwischenernten. Dadurch soll einerseits über die Dauer des Jahres hinweg der richtige Mix in der Rohstoffzufuhr (Biomüll, Gülle, Mist, Silage) der Anlage gewährleistet werden. „Das ist aber auch gut fürs Grundwasser, weil die Zwischenernten die Stickoxyde im Boden binden, die dadurch nicht ins Wasser gelangen“, so Godart. 

Die Anlage wird später fast wie ein Hochsicherheitstrakt gesichert sein. Niemand wird unangemeldet Material abliefern können. Nur mit Zufahrtskarte und im Voraus angemeldet erhalten Lastwagen Zutritt zum Gelände. Zur Anmeldung gehört auch, dass man angekündigt, welche Art von Material geliefert wird. Denn damit nichts in die falschen Behälter gerät, öffnet sich jeweils nur das Hallentor, das Zugang zum richtigen Container verschafft. Das ist wichtig, weil den Auflagen des Umweltministeriums zufolge immer nachvollziehbar sein muss, woher welcher Abfall, welches Material stammt. Vor und nach dem Kippen geht es für die angemeldeten Laster also ab auf die Wage, danach zum Desinfizieren. 

Wegen der strengen Auflagen verfügt die Anlage über ihr eigenes Labor, das auch die Qualität der Gärreste analysiert. Geprüft werden muss aber auch die Qualität des eigentlichen Produktes der Anlage, des Gases. Durch die Vergärung, werden die festen Bestandteile zersetzt, das Gärgut wird immer flüssiger. Darüber entsteht ein Gemisch aus Methan und Kohlendioxyd, das so allerdings nicht ins Gasnetz eingespeist werden kann. „Das Gas muss gewaschen werden“, erläutert Godart. Durch den Gastank lässt man mit geringer Geschwindigkeit Wasser tropfen. Wenn die Druckverhältnisse stimmen, löst sich der Kohlenstoff vom Methan, macht sich stattdessen an den Wassermolekülen fest. Übrig bleibt einerseits 98-prozentiges Methan, das nun zur Einspeisung ins Netz bereit ist – und „Sprudelwasser“, aus dem das CO2 wie beim Öffnen einer Mineralwasserflasche entfahren kann. 

Aus 50 000 Tonnen Material kann Naturgas Kielen jährlich 2,5 Millionen Kubikmeter reines Methan produzieren. Das deckt den Jahresverbrauch von 1 000 Haushalten. Die Anlage könne zudem ohne weitere Großinvestitionen die Produktion verdoppeln, sagt Godart. Wie sie ihr Gas am besten absetzen soll, daran feilt die Kooperative derzeit noch. 

Vergangenen Mai stimmte der Regierungsrat einer großherzoglichen Verordnung zu, der zufolge die garantierte Einspeisevergütung für Biomethan bei 7,5 Eurocent pro Kilowattstunde liegen soll (bis 2020, wenn die erste Einspeisung vor Januar 2011 erfolgt). Damit Brüssel nicht die rote Karte wegen unzulässiger Staatsbeihilfen zeigt, soll das System in Zukunft wie folgt funktionieren: Der Staat kauft sozusagen das Gas für 7,5 Eurocent die Kilowattstunde ab und verkauft es zum Markttarif – also mit Verlust – an den Gaslieferanten weiter, in dessen Netz das Gas eingespeist wurde. Die Teilnahme am geplanten System – das Gutachten des Staatsrates steht noch aus – ist aber freiwillig: Wer also glaubt, auf andere Art einen besseren Preis für sein Biomethan herauszuschlagen, muss nicht mitmachen. „DieLieferung an Endkunden haben wir verworfen. Die Buchhaltung würde zu kompliziert, und wir müssten nicht nur Creos Netzgebühren zahlen, sondern auch noch Luxgas, der die Netze innerhalb der Dörfer gehören“, so Godart. Aber das Einrichten einer Tankstelle für gasbetriebene Autos, diese Möglichkeit schließt er nicht aus. „Hier in der Gegend gibt es noch keine“, stellt er fest. „Mal sehen.“ 

Innerhalb von 15 bis 20 Jahren sollen die Anlagen, Investitionszuschüsse hin oder her, amortisiert sein. Die Vorraussetzungen dafür scheinen gegeben. Konkurrenz mit der Idee, aus Biomüll Biogas herzustellen, gibt es zwar bereits. 2011 will Minettkompost mit einer Anlage ans Netz gehen. Die soll Tageblatt-Angaben zufolge 23,4 Millionen Euro kosten – wovon mindestens 15,8 Millionen Euro bezuschusst werden – dafür aber nur 1,6 Millionen Kubikmeter Gas jährlich produzieren. 

Michèle Sinner
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