Online-Spiele-Firmen zieht es nach Luxemburg, aus unterschiedlichen Ursachen. Wegen der zuvorkommenden Behandlungen, der Infrastruktur. Und trotz allem auch immer noch wegen der Steuern

Virtual Reality

d'Lëtzebuerger Land du 08.07.2011

Eine Milliarde Dollar will Zynga beim Börsengang sammeln, den die Firma Anfang Juli bei der amerikanischen Börsenaufsicht beantragt hat. Analysten meinen, es könnten auch zwei Milliarden werden. Die Firma wurde erst vor vier jahren gegründet, hat sich schnell zur Nummer Eins der Anbieter von Online-Spielen auf Sozialnetzwerken wie Facebook entwickelt. Rund 283 Millionen Nutzer monatlich spielen ein Zynga-Spiel, ob Poker, Mafia Wars oder City Ville. Wer wurde nicht schon mal von einer Facebook-Bekanntschaft aufgefordert, eine virtuelle Kuh bei Farm Ville zu streicheln? Den Publikumserfolg kann Zynga auch finanziell nutzen. Zwar ist die Teilnahme an Zynga-Spielen kostenlos. Doch wer den Aufbau des Bauernhofs im Netz beschleunigen will, kann dafür zahlen. Dazu sind einige Nutzer bereit; die Firma soll nach ihrer erst kurzen Existenz bereits dieses Jahr einen Gewinn ausweisen.

Zynga ist eines der Internetspiele-Unternehmen, die sich im vergangenen Jahr in Luxemburg niedergelassen haben. Doch über Zynga reden Wirtschaftsminister Jeannot Krecké (LSAP) und Komunikationsminister François Biltgen (CSV) nicht ganz so gerne wie über die drei Unternehmen, deren Ankunft sie vergangene Woche im Rahmen der Informations- und Telekommunikationsmesse ICT Spring bekannt gaben: Kabam, On Live und Nexon. Denn die Entwicklung Zyngas in Luxemburg verläuft wohl nicht ganz so dynamisch, wie erhofft.

Anders bei  Kabam. Die kalifornische Firma entwickelt wie Zynga Online-Spiele, die auf sozialen Netzwerken gespielt werden. Doch ihre Klientel ist eine völlig andere. Zynga-Spiele sind so ausgelegt, dass auch bei langer Abwesenheit in der virtuellen Welt nicht viel passiert. Sie sind deswegen vor allem auch bei Gelegenheitsspielern beliebt, die wenig Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Etwa bei Müttern im Alter von 30 bis 40 Jahren, die, während die Kinder auf dem Sportplatz alles geben, am Spielfeldrand, ihre Mais-Äcker bewirtschaften.

Die Strategie-Spiele von Kabam wie Kingdoms of Camelot richten sich, wie Mike Hawkins von Kabam Luxembourg sagt, eher „an den 25-jährigen alleinstehenden Mann. Diese Nutzer spielen bis zu zwei Stunden täglich“, eklärt Hawkins, „formen dabei Allianzen mit anderen Mitspielern.“ Mit 10,1 Millionen Nutzern (Quelle: Appdata) ist der Kundenstamm Kabams nicht so groß wie der von Zynga. Dafür spielen die Nutzer umso intensiver, sind so genannte Hardcore social gamers. Die Teilnahme an den Spielen ist umsonst. Doch wer zwei Stunden täglich vor dem Schirm sitzt und seine Festung schneller ausbauen möchte, kann das gegen kleine Geldbeträge machen.

Über die Bilanz der Muttergesellschaft schweigt sich Hawkins mit Verweis auf die Privatinvestoren aus. Allein dieses Jahr hat die Firma in zwei Finanzierungsrunden 115 Millionen Dollar Wagniskapital gesammelt. Unter den Geldgebern, die an Kabam glauben, ist beispielsweise auch der Investitionsarm von Google.

Nach den Erfolgen in den USA will Kabam auch die Sozialnetzwerknutzer in Europa für sich gewinnen. Ausgangspunkt für die Expansion in Europa ist Luxemburg, wo Anfang Juni das Europa-Hauptquartier gegründet wurde. Für Luxemburg hat sich Kabam unter anderem wegen der mehrsprachigen Erwerbsbevölkerung entschieden. Um die Nutzer besser zu erreichen, fertigt Kabam für den europäischen Markt verschiedene Sprachversionen der Spiele an, nutzt dafür Luxemburger Übersetzungsdienstleister.

Von ihrem Büro in Strassen aus betreuen Kabam-Mitarbeiter an Bildschirm und Telefon die Kunden – in deren jeweiliger Muttersprache. „Auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Schwedisch“, zählt Hawkins auf. „Auch die Mitarbeiter müssen Muttersprachler sein, damit sie die Probleme der Nutzer, ihren Slang auch verstehen.“ 25 Mitarbeiter arbeiten für Kabam in Strassen, 15 davon hat die Firma über das Arbeitsamt rekrutiert. Bis Oktober sollen es 50 sein. Über den Sommer werden deswegen weitere Büroflächen angemietet.

Für Luxemburg sprach auch die „extrem hilfreiche“ Einstellung der Luxemburger Behörden bei der Erledigung der Papierarbeit, sagt der PR-Beauftragte. Und die Arbeitssitzungen mit den Ministern: In keinem anderen europäischen Land habe man seine Anliegen direkt mit den Entscheidungsträgern besprechen können, sagt Hawkins. Dann lacht er und fügt scherzend hinzu: „Außerdem gibt es in Luxemburg ein Ultimate-Frisbee-Mannschaft.“ Ultimate Frisbee ist sein Sport. „Das macht unheimlich Spaß“, versichert er.

Spaß ist bei Kabam auch im Büro quasi Pflicht. Überlebensgroße Figuren aus den Spielen kleben an den Wänden, schauen den Angestellten beim Arbeiten über die Schulter. Der Süßigkeitenbestand an der Kaffeemaschine reicht aus, um eine Armee in einem schweren Einsatz zu verpflegen. Und zum Stressabbau nach einem harten Arbeitstag formiert sich die Büroguerilla zum Kampf mit Spielwaffen, ziehen die Mitarbeiter – Management inklusive – mit Schaumstoffgeschossen bewaffnet gegeneinander in die Schlacht.

Neue Spiele entwickelt Kabam derzeit nicht in Europa, sondern ausschließlich in Studios in den USA und China. Ob man auch in Luxemburg ein Entwickler-Studio einrichte, werde derzeit untersucht. Dann würden auch andere Standortfaktoren wichtiger: die Infrastruktur, die Anbindung an die Datenautobahnen und leistungsfähige Datenzentren.

Mit diesen Argumenten konnte Luxemburg als Europastandort bei der amerikanischen Firma On Live punkten, deren Geschäftsmodell sich grundlegend von dem von Zynga oder Kabam unterscheidet. Zu den Gründern von On Live gehört Steve Perlman, Mitentwickler des Media-Players Quick Time, unter dessen Namen mehr als hundert Patente eingetragen sind und an dessen Technologie niemand vorbei kommt, der einen Computer oder ein Smartphone benutzt.

On Live ist gelungen, woran andere lange erfolglos arbeiteten: Das Spielen im Cloud, also im Netz, zu ermöglichen, über jede Art von Geräten, ohne dass die Spiele-Software heruntergeladen wird. Die Nutzer kaufen sich entweder über ein Abo für rund zehn Dollar monatlich das Recht, auf die netzbasierte Mediathek zugreifen zu können, in der On Live die Spiele anderer Entwickler anbietet, oder können bestimmte Spiele je nach Wunsch anmieten. Spielkonsolen wie Xbox oder Wii müssen sie nicht kaufen, wie auch die Spiele selbst nicht mehr. Was sie brauchen, ist ein HD-Bildschirm und eine gute Internetverbindung.

Damit das klappt, braucht On Live selbst eine schnelle, stabile Anbindung und performante Server, auf die beim Spielen zugegriffen wird. Denn der Spaßfaktor beim virtuellen Autorennen sinkt deutlich, wenn das Gefährt aus der Kurve fliegt, weil es nicht schnell genug auf die Steuerungsimpulse reagiert. Oder wenn man beim Kriegsspielen siegesgewiss glaubt, den Gegner ausgeschaltet zu haben, um dann festzustellen, dass der einem selbst ein paar Millisekunden vorher eins übergebraten hat, ohne dass man es wegen des zähen Spielflusses bemerkt hat.

Dass Krecké und Biltgen die Niederlassung von On Live deshalb als Bestätigung der staatlichen Investitionspolitik feiern, verwundert nicht. Schließlich macht der Umzug aus dem Wunschtraum, ein IT-Standort zu werden – zumindest in Bezug auf die Infrastruktur und die Anbindung an die Datenautobahnen – eine Realität. On Live, das sein Angebot noch in diesem Jahr für Kunden in Europa und Großbritannien lancieren wird, lässt sich im Datenzentrum von Luxconnect in Bettemburg nieder. „Luxemburg liegt ideal im Zentrum Europas, was uns erlaubt, Westeuropa und Großbritannien mit geringen Verzögerungsraten zu bedienen“, schreibt Charles Jablonski von On Live auf Nachfrage des Land. Dabei kommt es tatsächlich auf jeden Kilometer Glasfaserkabel an; je kürzer das Kabel, je schneller die Verbindung. Und Luxconnect sei es gelungen, bekräftigt Firmenleiter Edouard Wangen, die Verbindungen an die Knotenpunkte im Ausland in möglichst geraden, und demnach kurzen, Linien zu verlegen. Die schönen Graphiken, die während des Spielens vom Server in Luxemburg gesendet werden, erreichen einen Spieler in Amsterdam über das Glasfasernetz von Luxconnect nach nur 2,65 Millisekunden. Nutzer in Brüssel erreichen die Informationen nach 1,4 Millisekunden, in Paris nach 2,25 und in Frankfurt nach 1,75 Millisekunden.

Damit ein Computerspiel in Echtzeit über einen externen Server gespielt werden kann, muss aber auch die Energieleistung im Datenzentrum stimmen. „Ein Gamer“, sagt Wangen, „zieht 3000 bis 4000 Watt pro Quadratmeter Datenzentrumsfläche.“ Das kann er bieten. Wie Jablonski bestätigt, zu attraktiven Preisen, auch das ist ein Standortfaktor. Für On Live war laut Jablonski aber auch das steuerliche Umfeld ausschlaggebend und, zu guter Letzt, der „stromlinienförmige“ Genehmigungs- und Regulierungsprozess, die „Effizienz“ im Vergleich zu anderen möglichen Standorten.

Letzteres dürfte auch für die südkoreanische Firma Nexon eine große Rolle gespielt haben. Dass Wirtschafts- und Kommunikationsministerium die Firmen Schritt für Schritt durch die Zulassungsprozeduren führen, dürfte für die Asiaten von noch größerer Bedeutung gewesen sein als für amerikanische Firmen, die sich dabei noch von anglophonen Unternehmensberatern helfen lassen können. Nexon gehört in Asien zu den Giganten der Online-Massenspiele. Für den Nexon-Hit Maple Story sind Firmenangaben zufolge weltweit 95 Millionen Nutzer registriert. Während auch bei Nexon jeder kostenlos spielen kann, zahlen die wahren Enthusiasten Mikrobeträge, um ihre Figuren für das Leben in der Spielwelt auszustatten. Der Luxemburger Mehrwertsteuersatz auf Internetdienstleistungen, mit 15 Prozent der niedrigste in der EU, dürfte dazu beitragen, dass die Mikrobeträge auch mikroskopisch klein, und dadurch für die Nutzer attraktiv, bleiben.

Kabam, On Live, Nexon haben alle bereits die kritische „Start“-Phase der klassischen Start-Ups überwunden. Sie haben, mehr oder weniger rasant, auf ihren jeweiligen Heimatmärkten eine gewisse Reife erreicht und stehen davor, ihr Europageschäft auszubauen. Das ist kein Zufall, denn hinter der Auswahl steckt System: Kabam kam mit Luxemburg erstmals über Georges Schmit, Generalkonsul Luxemburgs in San Francisco, in Kontakt. Dass die Firmen die ersten Bewährungsproben hinter sich haben, soll eine gewisse Garantie für künftige Entwicklung geben. Zwar wurde Kabam, On Live und Nexon die Ankunft in Luxemburg nicht mit staatlichen Zuschüssen versüßt, doch über die Promotionsagentur Luxembourg for Business (LFB) wirbt die Regierung offensiv mit Fördergeldern für Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten und den Finanzierungsmöglichkeiten, welche die staatliche Förderbank SNCI bieten kann. Weil es sich dabei in der Regel nicht um Wagniskapital handelt, ist die Aussicht auf eine absehbare stabile Entwicklung willkommen. Zumal, wenn durch den Ausbau der staatlich geförderten Aktivitäten Arbeitsplätze geschaffen werden sollen, wie Biltgen und Krecké argumentieren. Im kollektiven Gedächtins ist die Erinnerung an den Arbeitsplatzabbau bei AOL noch frisch, als der ICT-Standort Luxemburg zusammenzubrechen drohte, noch ehe es ihn wirklich gab. Insgesamt 3 661 Beschäftigte arbeiteten Statec-Daten zufolge 2010 in den Bereichen der Computerspiel- und Software-Entwicklung, als Programmierer, in der Datenverarbeitung und dem Hosting, sowie im Web-Portal-Betrieb.

Auch die Firmen, welche die Stiftung Europe for Start-Ups ansprechen will, sollen aus dem Gröbsten schon raus sein. Bis zu zwölf Firmen jährlich, sagt Gary Kneip, Gründer und Leiter von Secure IT, kann die Stiftung über eine Art Stipendium Server-, Netzwerk- und Cloud-Kapazitäten sowie Büros gratis zur Verfügung stellen. Das Angebot gilt nicht nur für Gaming-Firmen, sondern für die ganze ICT-Branche. „Wenn drei bis vier davon nach einem Jahr in Luxemburg bleiben würden, wäre das ein Erfolg“, sagt Kneip. Im Gegenzug dafür sollen die Stifter eine Chance auf eine weiterführende Zusammenarbeit auch nach Ablauf der Jahresfrist erhalten. Der Internettelefonanbieter Skype, Paradebeispiel der Luxemburger IT-Branche, habe ebenfalls „mit ein paar Servern“ in Luxemburg angefangen. Für ihr Angebot wirbt die Stiftung über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter.

Die Gaming-Firmen, sagen Krecké und Biltgen, kämen nicht mehr wegen der Mehrwertsteuer nach Luxemburg, weil in vier Jahren, ab 2015, ohnehin der Mehrwertsteuersatz des Bestimmungslandes zählen werde. Das sei zu kurz, als dass sich mit dem Steuerargument noch neue Firmen anlocken ließen. Doch im Gaming-Universum – siehe Zynga – sind vier Jahre eine Ewigkeit.

Dass das Steuerargument als Standortfaktor nicht mehr zählt, wie die Minister beteuern, ist auch deshalb nicht ganz glaubwürdig, weil die Regierung als LFB mit den günstigen Steuerbedingungen wirbt, die auf den Einnahmen aus geistigem Eigentum – Patenten, Lizenzen, Marken – erhoben werden. Einnahmen, die in Luxemburg zu 80 Prozent steuerfrei sind. Damit diese Regelung nicht auf die Liste der schädlichen Steuerpraktiken gerät, haben die zuständigen Minister lange in Brüssel gekämpft. Dass es dennoch mit den Nachbarländern Stunk geben dürfte, liegt nahe.

In Frankreich beispielsweise haben Regierungs- und Parlamentsmitglieder den durch die niedrige Luxemburger Mehrwertsteuer ausgelösten Schock noch immer nicht verkraftet. Vielleicht deshalb behandelt der französische Spieleentwickler Ubisoft, seit den Zeiten des Atari in den Achtzigern im Geschäft, seine Präsenz in Luxemburg so diskret, dass nicht einmal die Mitarbeiter in der Konzernzentrale davon wissen. Zweck der von Ubisoft-Mitbegründer und CEO Yves Guillemot selbst geleiteten und mit 50 Millionen Euro Eigenkapital ausgestatteten Ubisoft Entertainment S. à r.l. ist an erster Stelle der Handel und die Verwertung geistigen Eigentums. Unterdessen sorgen sich französische Politiker bereits darum, dass auch E-Buch-Anbieter in großer Zahl nach Luxemburg ziehen könnten.

Michèle Sinner
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