Wir sind noch einmal davongekommen

"Mitten im Leben sind wir mitten im Tod"

d'Lëtzebuerger Land du 15.05.2003

Vielleicht ist es vor allem ein Stück über die Utopie des menschlichen Zusammenlebens, mit Kain, dem ewigen Mörder, mitten im Herzen der Familie. Thornton Wilder schrieb Wir sind noch einmal davon gekommen unter dem englischen Titel The Skin of our Teeth 1942, kurz vor dem Eintritt seines Heimatlandes Amerika in den zweiten Weltkrieg; 61 Jahre später scheint es genauso aktuell - und genauso anachronistisch -, wenn auch etwas weniger provokativ, als es wohl damals empfunden wurde.

Als "Geschichte der Menschheit in drei Katastrophen" (Eiszeit, Sintflut, Krieg) bezeichnete Wilder selbst sein Stück, das, als große Broadway-Show angelegt, 5000 Jahre Menschheitsgeschichte dank der vorbildhaften und unzerstörbaren Familie Antrobus erzählt. Für das Escher Theater hat Regisseurin Eva Paulin das Stück aufs Wesentliche reduziert, von den knapp 30 Figuren im Original fünf Haupt- und drei Nebenrollen zurückbehalten und anstatt einer großen Show eine chaotische Fernsehaufnahme im studioartig aufgebauten Bühnenraum hinter dem eisernen Vorhang angelegt. Das Publikum wird mit einbezogen, kann Häppchen essen oder dem neugewählten Präsidenten Antrobus (Jean-Paul Maes als stolzer Patriarch) zuwinken. Der permanente Einsatz des Camcorders mit Live-Übertragung auf die Videoleinwand scheint, außer dem visuellen Effekt und dem "modernen" Touch, den er dem Stück verleiht, keinen wirklichen Grund zu haben, aber bei dem durchgeknallten Stück muss wahrscheinlich sowieso nicht alles einen Sinn ergeben.

 

Wer sich manchmal einen amerikanischen Film ansieht, der weiß es mit absoluter Sicherheit: die amerikanische Familie gewinnt immer. So auch beim gläubigen Christ Wilder. Seine (Ur)Familie, bestehend aus dem Vater, der ins Büro fährt, um das Alphabet, das Rad oder das Einmaleins zu erfinden, der Mutter (Christine Reinhold, perfekt als biedere und strenge Henne), die sich um die Kinder und den Hausdinosaurier kümmert, der unschuldigen und strebsamen Tochter Gladys (Julia Dillmann, zum Brüllen komisch) und dem aufmüpfigen Sohn Henry, der seine "K"- wie Kain-Tätowierung auf der Stirn nicht wirklich verstecken kann (Marc Sascha Migge, wird immer besser). Mitten unter ihnen lebt das Dienstmädchen Lily Sabina, die ewige Verführerin - die schrille Ingrid Müller-Farny ist ohne Zweifel die Entdeckung dieser Produktion -, der mal der Vater, mal ein Gast nicht widerstehen kann. Doch alle finden immer wieder zueinander, überstehen alle Katastrophen gemeinsam, und fangen immer wieder von neuem an, die Welt aufzubauen.

"Verbrenne alles außer Shakespeare", telegrafiert der Vater nach Hause, als die Eiszeit naht, er jedoch länger im Büro bleiben muss, um noch schnell die Zahl 100 zu erfinden. Später will er fast schon den Ofen ausgehen lassen, weil sein Sohn wieder scheinbar grundlos jemanden getötet hat, doch es sind der Fleiß und das Wissen der artigen Tochter, die im wieder Mut geben. Wilders Stück ist eine Hymne auf die Bildung, seine Figuren sagen wirklich schöne Sachen (siehe Titel), doch weil sie sich nicht zu ernst nehmen, hat man nie das Gefühl, in einem Philosophiekurs für Anfänger zu sitzen. Wilder, dem es darum ging, die "Würde des Trivialen" zu verteidigen, schrieb ein vielschichtiges Stück, das alle Genres beinhaltet, vom Mysterium über die Tragödie bis hin zur komplett abgedrehten Farce, bei der alles bloß noch Grotesk ist. Seine Figuren steigen immer wieder aus ihren Rollen, vermischen einige Ebenen des Textes und steigen dann wieder ein. Auch wenn der Schluss etwas durchhängt - besonders auch, weil Wilder dann doch immer moralischer wird - hat das Publikum an dem ganzen, lustig-skurrilen Durcheinander seine helle Freude.

josée hansen
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