Nathan der Weise, Der Herzerlfresser, Terror

Man kocht halt mit Wasser

Nathan der Weise
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d'Lëtzebuerger Land vom 17.03.2017

Zur alljährlichen Tradition gehören die Gastspiele des Deutschen Theaters Berlin im Grand Théâtre de Luxembourg am Winterende. Aus dem Repertoire der vergangenen Monate bietet das Ensemble 2017 mit Lessings Nathan der Weise einen Klassiker der Aufklärung, mit Ferdinand Schmalz’ Herzerlfresser ein mittlerweile etabliertes Enfant terrible österreichischer Literatur und schließlich die Inszenierung von Ferdinand von Schirachs Terror, einem Erfolg dank Konzeption und Aktualität. Zwischen diesen Produktionen einen roten Faden zu spinnen, etwa im Sinne der Gewalt als Antwort auf interkulturell unterschiedliche Wertvorstellungen, erweist sich als obsolet und wenig zielführend. Unabhängige Betrachtungen bieten sich demnach an.

Andreas Kriegenburg nähert sich Lessings Nathan der Weise auf überaus eigensinnige Art. Wer sich mit den Grundlagen des Regietheaters wenig anfreunden kann, mag angesichts rumorender Informationen über epische 160 Minuten mitsamt einer vorangestellten Menschheitsgeschichte und bewusstem Fokus auf das Komische gestöhnt haben. Doch erweisen sich die künstlerischen Abweichungen vom Urtext als stringente Handgriffe. Sie würdigen die hochaktuelle Kernbotschaft (erwartungsgemäß sehnt ein ganzes Publikum die glaubensliberale Ringparabel herbei) und begegnen Lessings unzeitgemäß und konstruiert verkündeter Enthüllung mit gerechtfertigtem Augenzwinkern.

Die Vorstellung von einer einzig wahren Religion muss als fataler Treppenwitz der Menschheitsgeschichte verstanden werden. Muslime, Christen und Juden sind doch nichts weiter als gleiche Menschen, geformt aus dem Lehm von Mutter Erde. Und so lässt Kriegenburg sein Ensemble um Elias Arens und Nina Gummich mit der Liebkosung zwischen Adam und Eva in einem urzeitlichen Raum und in Lehmschlamm eingeschmiert zu den Darstellern von Lessings eigentlichem Text mutieren.

Comic-Figuren ähnlich, ja nahezu wie die überdrehten Charaktere eines Stummfilms, trippeln und hüpfen die Protagonisten um einen überdimensionalen Holzkubus, von Kirmesmusik untermalt. Ganz so, als verstecke sich dahinter die Metapher einer höheren Macht, einer göttlichen Instanz, bewegen sich die Figuren wie von Wahnsinn getrieben um diesen an Kubricks 2001: A Space Odyssey angelehnten Kulissenkniff. Im Inneren offenbart sich dann ein zweiter Bühnenbereich, flexibel einsetzbar. Darin zeigt sich etwa der katholische Patriarch, der in lächerlicher Fettleibigkeit auf dem Klo verweilt, sich keuchend erleichtert und im Anschluss das hineingefallene Kruzifix aus den eigenen Exkrementen zu fischen sucht.

Eigentlich wirkt Lessings dem Genre einer Verwechslungskomödie ähnliche Handlung doch recht altbacken. Weshalb das Komödiantische in Kriegenburgs Inszenierung als erfrischendes Augenzwinkern gedeutet werden kann. Folgerichtig wirkt lediglich der Vortrag der hochaktuellen Ringparabel ernsthaft. Als Nathan der Weise in diesen Versen die Unmöglichkeit eines einzig wahren Glaubens zur Sprache bringt, wirkt die Berliner Inszenierung plötzlich klassisch, ursprünglich. Für wenige Momente möchte hier kein Regisseur seine eigenen Spuren hinterlassen. Der prominenteste und zentrale Moment in Lessings Text wird auch aus einer Position über dem Kubus vorgetragen, als sei nicht eine Göttlichkeit, sondern der Respekt aller gegenüber allen die einzig mögliche Wahrheit. Die Vernunft thront über Gott.

Der Glaube an eine völlig andere Religion, den schnöden Mammon und die organische Dekonstruktion jener, die sich gegen diesen Götzen richten, finden ihr Forum in Ronny Jakubaschks Inszenierung von Ferdinand Schmalz’ Herzerlfresser. Ein gigantisches Einkaufszentrum, Herzstück des Bürgermeisters Rudi, soll auf ausgetrocknetem Sumpfgebiet errichtet, dazu von gigantischen Stützpfeilern gesichert werden. Investitionen in die Region erhofft sich der tobsüchtige und bigotte Politiker (herrlich: Harald Baumgartner). Da passt es gar nicht ins Bild, dass in den Tagen vor der feierlichen Eröffnung die sprichwörtlich herzlosen Leichen von zwei Frauen auf dem Areal entdeckt werden: Der Herzerlfresser treibt sein Unwesen. Nun mag das neue Werk des Grazer Jungdramatikers Ferdinand Schmalz, wie angekündigt, vordergründig als Kriminalgeschichte fungieren, im Subtext auch die linguistische Auseinandersetzung mit organischen Redewendungen stecken. Ja, das passt durchaus. Schmalz zerlegt die Bilder seiner Lexik und Idiomatik, indem er sie von der Bildhaftigkeit des übertragenen Sinnes zu Boden reißt und sie wortwörtlich nimmt. Ein Reiz ist diesem Text österreichischer Diktion in diesem Sinne abzugewinnen. Und doch darf nicht vergessen werden, dass die Perversion kapitalistischer Bedingungslosigkeit und die verunmenschlichte Atmosphäre, wie in vielen anderen Werken Schmalz’, hier ebenfalls von größter Bedeutung ist. Der industrielle Größenwahn des Stadtoberhauptes frisst die Bürger seelisch in skurril surrealer Manier, die Konstruktion bekommt bereits am Tag der Eröffnung Risse. Die Darsteller bewegen sich folgerichtig zwischen Metallpfeilern, die „unter der Last der Kauftempel einzusinken drohen“. Die Seelenlosigkeit des so genannten Westens und dessen Flucht in Gewaltorgien wirkt wie ein zentraler Punkt in den Werken von Ferdinand Schmalz. Doch fanden dieselben Abgründe 2016 in Anne Simons Dosenfleisch-Inszenierung eine erdrückendere Sprache.

An den beiden letzten Abenden des Berliner Theaters am Freitag und am Samstag ernannte dann Hasko Weber die Zuschauer von Ferdinand von Schirachs Terror zu Richtern im Strafprozess gegen Lars Koch, jenem Kampfpiloten, der eigenmächtig und gegen den Befehl seiner Vorgesetzten entscheidet, ein entführtes Passagierflugzeug mit 164 Insassen an Bord abzuschießen, um damit 70 000 Menschen in der von den Entführern angesteuerten Münchner Allianz-Arena zu retten. Mit Timo Weisschnur und Almut Zilcher in den Hauptrollen offenbart sich dem Publikum durch Zeugenaussagen und durch die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger ein Gesamtbild, das die Zuschauer am Ende dazu befähigen soll, den Piloten des Mordes schuldig oder unschuldig zu befinden.

Webers Inszenierung erlaubt sich jedoch so manche Regieentscheidungen, die an der nötigen Sachlichkeit des Verfahrens rütteln. So wird das Militär recht tölpelhaft (Christian Lauterbach) karikiert und Koch gar als auf dem Boden Gekreuzigter dargestellt. Auch der wiederholte Hang zu einer Reinwaschung der Hände lenkt das Publikum wertend.

Wertneutral gesellt sich die futuristische Videoprojektion dazu, an die graue Betonkulisse geworfen. Sie deutet Unfall, Gerichtsbarkeit und die Zerrissenheit des Kampfpiloten in surrealen Mustern an. Diese Ebenen wirken ein in die eher dokumentarische Prägung der eigentlichen Handlung. Terror ist Theater, das dem Zuschauer moralische Abwägungen abverlangt und um Antworten ringt, die derzeit so aktuell wie hysterisch gesucht werden.

Die DTB-Woche entpuppt sich letztlich als Theaterreihe ohne einen klaren Höhepunkt, ohne einen wirklichen Star. Auch hier wird nur mit Wasser gekocht. Über weite Strecken jedoch erweist sie sich als Publikumserfolg mit manch originellen Ideen und einer soliden Darstellerleistung samt Abstrichen.

Nathan der Weise von G. E. Lessing; eine Produktion des Deutschen Theaters Berlin; Regie von Andreas Kriegenburg; Bühne von Harald Thor; Kostüme von Andrea Schraad; Licht von Cornelia Groth; Ton von Wolfgang Ritter und Martin Person; Dramaturgie von Juliane Koepp; mit Elias ArensNina GummichBernd MossJulia NachtmannJörg PoseNatali Seelig.

Der Herzerlfresser von Ferdinand Schmalz; eine Produktion des DTB; Regie von Ronny Jakubaschk; Bühne und Kostüme von Matthias Koch; Musik von Bastian Bandt; Licht von Peter GrahnDramaturgie von Hannes Oppermann; mit u. a. Thorsten HierseLorna IshemaHarald BaumgartnerElias ArensIsabel Schosnig.

Terror von Ferdinand von Schirach; eine Produktion des DTB; Regie von Hasko Weber; Bühne von Thilo Reuther; Video von Daniel Hengst; Licht von Heimhart von Bültzingslöwen; Dramaturgie von Ulrich Beck; mit u.a. Almut ZilcherTimo WeisschnurAylin EsenerFranziska MachensHelmut MooshammerLisa Hrdina.

Claude Reiles
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