Sotel-Anbindung an Frankreich

Atomstrom nur zur Not?

d'Lëtzebuerger Land vom 13.11.2008

Französischer Strom für Luxemburg – diese Option konkretisiertsich immer mehr. Noch während der Amtszeit der vorigenRegierung hatte Arcelor – damals noch ohne Mittal Steel – beimWirtschaftsministerium den Bau einer Hochspannungsleitungprinzipiell beantragt. Im Mai 2005 machte Arcelor die Pläne publik:Das Netz der Sotel Réseau, über die vorwiegend die LuxemburgerWerke des Stahlkonzerns, aber auch Teile der CFL mit Strom versorgt werden, der bislang von Belgien her eingespeist wird, solltebei Moulaine mit dem französischen Netz verbunden werden.

Nicht wegen des über zwanzigjährigen Anti-Cattenom-Konsenses,sondern aufgrund ökologischer Bedenken, verweigerte Umweltminister Lucien Lux (LSAP) im Sommer 2005 dem Projekt die Zustimmung. Am 25. August dieses Jahres erteilte Lux sie schließlich: ArcelorMittal und Sotel haben die Pläne für den Bau der 16 Kilometer langen 225-Kilovolt-Trasse zwischen Belval und Moulaine derart überarbeitet, dass im 6,5 Kilometer langen Luxemburger Abschnitt noch das letzte Stück empfindlicher Landschaft und schützenswerter Habitate unterirdisch unterquert wird.

Was noch zu Ende geführt werden muss, ist die energiepolitischeDiskussion des Vorhabens. Am Mittwoch hat Wirtschafts- undEnergieminister Jeannot Krecké (LSAP) ArcelorMittal und Sotelper Brief gebeten, die Modalitäten eines Anschlusses der Leitungans öffentliche Stromnetz zu besprechen. Für das Wirtschaftsministerium kommen zwei Varianten in Frage: Entweder man richtet eine ständige Verbindung mit dem Netz der Cegedel beziehungsweise der geplanten Netzgesellschaft LuxNet ein. Oder man schafft alle Voraussetzungen dafür, dass diese Verbindungim Falle einer Strompanne, wie sie im September 2004 auftrat, ganz kurzfristig hergestellt werden kann. Eine Präferenz für eine der beiden Varianten gibt es im Ministerium bisher nicht. Priorität hat auf jeden Fall die allgemeine Versorgungssicherheit.

Bei dieser Diskussion steht aber einiges auf dem Spiel. Einigt man sich, einen Frankreich-Anschluss des öffentlichen Stromnetzesnur im Notfall herzustellen, könnte die Sotel-Leitung einePunkt-zu-Punkt-Verbindung bleiben. Andernfalls entstünde einedeutsch-französische Transitverbindung, denn das Cegedel-Netzist Bestandteil der „Regelzone” des RWE-Netzes. Diese Frage istnicht nur eine technische: Laut EU-Recht müssen Transitverbindungen offen sein für jeden Stromhändler. Gibt es Kapazitätsengpässe, werden Restkapazitäten versteigert. Schlimmstenfalls müssten die ArcelorMittal-Werke ebenfalls mitbieten. So, wie sie es schon heute ab und an tun, wenn sie französischen Strom über das Netz des belgischen Netzbetreibers Elia beziehen, zu dessen Regelzone das Netz der Sotel gehört. Weil das so ist, könnte mit der neuen Leitung sogar ein Stromtransit Deutschland-Belgien-Frankreich via Luxemburg entstehen, der sicherlich interessant für andere Transporteure würde. Ab 2012 zumal: Bis dahin will Elia eine Verbindung von Belgien zum Cegedel-Netz herstellen und eine deutsch-belgische Stromautobahn schaffen, ganz unabhängig von der ArcelorMittal-Leitung nach Frankreich.

Ob ArcelorMittal viel daran liegen könnte, aus eigener Tasche denBau einer Hochspannungsleitung zu bezahlen, deren Benutzunganschließend über eine Auktion führt, ist natürlich ein wenig zweifelhaft. Weshalb man sich am Ende ja womöglich auf das Notfall-Szenario einigt. Ohnehin ist die mehrheitlich ArcelorMittal gehörende Sotel laut Stromgesetz eine „Industriestomnetz-Betreiberin“ und keine „Übertragungsnetz-Betreiberin“, die grenzüberschreitendeFlüsse für Dritte verwaltet.

Für Jeannot Krecké hätte die Notfall-Option den Vorteil, den politisch noch immer viel Symbolkraft enthaltenen Anti-Cattenom-Konsens nur zum Teil und nur zur Strompannen-Prophylaxe aufzugeben. Aber falls man noch ein paar Monate lang intern darüber diskutiert, braucht man an das Thema vor den Wahlen vielleicht gar nichtmehr zu rühren. 

Peter Feist
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