Die Ergebnisse der Bankenstresstests liegen vor. Alle „Luxemburger“ haben es geschafft. Aber auch sie mussten viele Unternehmensdarlehen als „notleidend“ einstufen

Was für ein Stress!

d'Lëtzebuerger Land vom 31.10.2014

Na endlich. Vergangenen Sonntag um 12 Uhr mittags war es so weit: Die Ergebnisse der Bilanzchecks und Stresstests, welche die Europäische Zentralbank (EZB) bei 130 europäischen Banken, darunter sechs Luxemburger Kreditinstitute, hatte durchführen lassen, wurden in Frankfurt vorgestellt. Eine halbe Milliarde Euro sollen allein die Bilanzchecks gekostet haben. Für Beratungsunternehmen wie Oliver Wyman, die die neue gemeinsame Bankenaufsicht unter EZB-Führung beraten hatten, und Buchprüfer war es allemal ein lukratives Geschäft. Wochenlang durchkämmte eine ganze Armee von ihnen abertausende Kreditakten, prüften Wertpapierportfolien der Banken, um zu kontrollieren, ob die Banken mögliche Ausfälle mit entsprechenden Rücklagen abgesichert hätten, und festzustellen, ob die Kapitaldecke ausreichend hoch sei. Dann führte die EZB mit der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) einen Stresstest durch, simulierte ein makroökonomisches Schreckensszenario, um zu testen, ob die Kapitaldecke auch dann noch reichen würde, um Verluste zu decken. Ihr Szenario war gar gruselig. Bei den 130 Banken würden insgesamt 236 Milliarden Euro Kapital vernichtet. Von den 130 „großen“ Banken schafften es danach 25 nicht mehr, die Kapitalanforderungen einzuhalten. Sie müssen in den kommenden Monaten 25 Milliarden Euro neues Kapital aufnehmen, dafür gewährt ihnen die neue Aufsicht Zeit.

Während alle Luxemburger Institute die Prüfung bestanden haben – getestet wurden die BCEE, die Bil und die KBL über ihre Holdinggesellschaft Precision Capital, Clearstream, RBC Investor Services Bank, State Street Bank und UBS – hat es die Italiener hart erwischt. Von den 25 durchgefallenen Banken sind neun italienische, darunter die älteste Bank der Welt: Banca Monte dei Paschi di Siena. Italien ist ein gutes Beispiel dafür, was sich in den vergangenen Monaten und Jahren in der europäischen Bankbranche getan hat oder auch nicht. Dass besonders viele italienische Kandidaten durchfallen, kann man durchaus als Illustration genau des Problems sehen, das überhaupt zur Gründung der Bankenunion mit Aufsicht unter EZB-Führung geführt hat: unterschiedliche Aufsichtsstandards. Gegen eine direkte Rekapitalisierung der spanischen Banken hatte sich vor allem Deutschland mit dem Argument gewehrt, wenn zwecks Bankenrettung Geld aus dem gemeinsamen Rettungsfonds fließen solle, müssten auch alle Banken den gleichen Aufsichtsregeln unterliegen. Was sie im Prinzip auch damals schon aufgrund der gemeinsamen europäischen Kapitalrichtlinien taten. Dass es bei deren Auslegung und Anwendung nationale Nuancen gab, zeigt sich nun in den Testergebnissen.

Da es keine wirklich harmonisierte Regel zur Klassifizierung von notleidenden Darlehen innerhalb von Europa gab – wie lange, nachdem der Kreditnehmer seine Raten nicht mehr zahlt, ist sein Kredit in den Bankbüchern „schlecht“? –, stellte die EZB für die Bilanzchecks neue Regeln auf. Daran messen sich die während der Übung gefundenen „Löcher“ und deshalb sind besagte Löcher kein Beleg dafür, dass sich die Banken nicht an die für sie geltenden Buchhaltungs- und Kapitalregeln gehalten hätten. Obwohl alle Luxemburger Banken bestanden haben, hat sich die Anwendung dieser neuen Klassifizierungsvorgaben auch auf ihre Bilanzchecks ausgewirkt.

Sogar bei der BCEE. Dort hat die Buchprüferarmee zwischen 60 bis 80 Prozent der laufenden Kredite über 8,288 Milliarden Euro einzeln geprüft, davon fast alle Firmenkredite im Wert von 4,12 Milliarden Euro. Galten der BCEE vor dem Bilanzcheck 6,82 Prozent ihrer Kredite als notleidend, sind es nach der neuen, harmonisierten Definition 14 Prozent – fast das Doppelte. An der Bewertung ihrer Hypothekenkunden, der Institutionen oder KMU, die bei ihr Kredite haben, hat sich kaum etwas geändert. Mit dieser Neubewertung der Firmenkredite liegt die BCEE im europäischen Trend – auch andere Banken haben viele Unternehmensdarlehen neu bewerten müssen. Doch wie sich in den Testergebnissen herausstellt, ist die Spuerkeess nicht umsonst die neuntsicherste Bank der Welt. Anders als die Banken, die deswegen neues Kapital anschaffen müssen, zeigt sich bei der BCEE, dass sie das Ausfallrisiko auf ihrem gesamten Kreditportfolio quer durch fast alle Kundenklassen mit viel zu hohen Rücklagen abgesichert hat. Der Buchprüferarmee zufolge – darüber dürfte sich der Aktionär freuen – könnte sie diese sogar senken.

Bei Precision Capital, also in den Bilanzen von Bil und KBL, präsentiert sich die Situation ein wenig anders. Auch hier hat es vor allem bei den Unternehmensdarlehen eine größere Reklassifizierungswelle gegeben. Die Buchprüfer haben vom gemeinsamen Kreditportfolio von 6,844 Milliarden Euro zwischen 60 und 80 Prozent der Unternehmensdarlehen über 3,329 Milliarden Euro getestet. Sie kommen zum Ergebnis, dass davon nicht nur 4,72, sondern 9,45 Prozent gefährdet sind. Anders als die BCEE müssten die Bankhäuser von Precision Capital deshalb ihrer Ansicht nach zusätzliche Provisionen über 40 Millionen Euro anlegen. Weil sie auch die Bewertung einer Immobilie innerhalb des Portfolios der bankeigenen Aktiva neu berechnet hat, schlägt der Bilanzcheck bei Precision Capital insgesamt mit 74 Millionen Euro auf das Firmenkapital nieder, was 0,74 Prozent bei der Kapitaldeckungsrate ausmacht. Die liegt danach immer noch weit über dem Mindestsatz und im Vergleich zum Milliardenvolumen an Krediten und Investitionen, die kontrolliert wurden, ist der Fehlbetrag nicht besonders hoch. Doch wo vom buchhalterischen Standpunkt her zusätzliche Rückstellungen notwendig waren, teilt Precision Capital auf Nachfrage mit, seien diese schon 2014 durchgeführt worden. „Wie bei den meisten Teilnehmern der eingehenden Prüfung wurden während des Bilanzchecks einige Bereiche identifiziert, in denen die Bewertung und Rückstellungen angepasst werden sollten (...). Im Fall von Precision Capital wurde der Großteil dieser Anpassungen (...) bereits in der ersten Hälfte 2014 durchgeführt.“

Auch die Stresstests haben BCEE und Precision Capital, die geprüften Luxemburger Institute, die in Luxemburg über eine breite Schalterkundschaft verfügen, bestanden. Soweit die guten Nachrichten. Denn es ist nicht so, als ob die Kapitaldeckungsrate beider Banken im Stresstest nicht leiden würde. Die der BCEE fällt von 17,1 Prozent Ende 2013 nach den Stresstests auf 12,85 Prozent, die von Precision Capital von 14,76 auf 8,29 Prozent. Das reicht noch – als Grenzwert gelten am Ende der Übung 5,5 Prozent. Doch wie andere Banken auch hat Precision Capital vorgesorgt. Bereits im April wurde das autorisierte Firmenkapital der Bil von 250 auf 350 Millionen Euro angehoben. Am 30. Juni dann gab sie eine zeitlich unbegrenzte Wandelanleihe über 150 Millionen Euro aus, die dann in Aktien umgewandelt wird, wenn die Kapitaldeckungsrate unter den Grenzwert von 5,5 Prozent fällt.

Die neue Anleihe muss nicht in direktem Zusammenhang mit Bilanzchecks und Stresstests stehen. Sie illustriert dennoch, was sich seit dem Bankencrash im Herbst 2008 getan hat. Eines der großen Probleme der Bankenretter war damals, dass sie die Besitzer von Bankanleihen nicht zwingen konnten, ihre Anleihen in Aktien umzuwandeln, in Kapital, das zur Deckung der Verluste herangezogen werden könnte. Seither gibt es für die Banken in Europa nicht nur strengere Kapitalregeln, die neue Ins­trumente wie diese Anleihe als zulässiges „Kapital“ definiert. Sondern über die Abwicklungsrichtlinie auch eine Hierarchie derjenigen, die dafür geradestehen müssen, wenn einer Bank die Insolvenz droht: Aktionäre, Besitzer von Anleihen, Kontoinhaber. Über die vergangenen Monate hat die Bil alte Anleihen aufgekauft, die nicht mehr in der Berechnung der Kapitaldeckungsrate anerkannt werden und so den neuen Regeln vorgesorgt.

Dass die Ergebnisse der Stresstests mit Vorsicht zu genießen sind, zeigt auch deren Wirkung auf die Gewinn- und Verlustrechnung von BCEE und Precision Capital. Demnach würden ihre Ergebnisse, ihr Nettogewinn auch ohne „Stress“, dieses Jahr dramatisch einbrechen, wenn sich die Konjunktur in Europa so entwickelt wie von der EU-Kommission vorhergesagt: bei Precision Capital von 135 Millionen Euro 2013 auf 11 Millionen Euro 2014. Bei der BCEE von 201 auf 92 Millionen Euro binnen eines Jahres. Dieser Verlusteinbruch findet so nicht statt. Die BCEE vermeldete vergangenen September einen Halbjahresgewinn, der in etwa dem von 2013 entspricht.

Dass 2014 laut Stresstest dennoch ein Katastrophenjahr für BCEE und Precision Capital sein soll, hat zweierlei technische Ursachen: Als Grundlage für die Tests wurden die Jahresergebnisse von 2013 benutzt, in der Simulation für die folgenden Jahre so getan, als ob sie gar keine neuen Geschäfte machen würden. Hinzu kommt, dass BCEE, Bil und KBL im Vergleich zu den Giganten der europäischen Bankbranche vergleichsweise kleine Institute sind. Während die großen mit der hausinternen Schar von Analysten bis ins Detail kalibrierte Risikomodelle aufbauen, die im Stresstest eine nuanciertere Sicht der Dinge erlaubt, nutzen kleinere Banken sehr konservative Standardmodelle. Modelle, die im Schreckensszenario des Stresstests davon ausgehen, dass alles schiefgeht, was schiefgehen kann.

Zwar haben die Bilanzchecks dazu geführt, dass sich die europäische Bankenbranche insgesamt seit Mitte 2013 mit rund 200 Milliarden Euro frischem Kapital versorgt hat, was sie robuster macht. Doch nicht nur wegen solcher offensichtlicher Abweichungen von der Realität wie bei der BCEE sind die Ergebnisse des Stresstestes mit Vorsicht zu genießen. Ob sie Wirkung zeigen, bleibt abzuwarten. „25 Banken durchgefallen. Die anderen könnten ja dann wieder Kredite an die Unternehmen vergeben“, twitterte der Direktor des Handwerkerverbandes Romain Schmit am Sonntag nach der Veröffentlichung der Ergebnisse. Er ist nicht der einzige, der sich fragt, ob die Tests dazu beitragen, das Vertrauen in die europäische Bankbranche zu stärken, damit sich die Banken auch wieder gegenseitig Geld leihen, um Firmen und Konsumenten mit Kredit zu versorgen und so die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen. Doch seit Sonntag fragen sich in großen europäi­schen Medien Spezialisten, ob die schwache Kreditvergabeaktivität ein Problem des Angebots oder der Nachfrage ist – eine Frage, die in Luxemburg seit Ausbruch der Krise unter dem Titel „die Banken geben keinen Kredit“ mit Leidenschaft von den Arbeitgeberverbänden diskutiert wird. Der Gouverneur der Luxemburger Zentralbank BCL, Gaston Reinesch, hatte vor mehreren Monaten angeboten, falls dies erwünscht sei, genauer untersuchen zu lassen, wo es hapert. Ob die Firmen keine Kredite beantragen, oder die Banken tatsächlich keine geben wollen. Bisher ist niemand auf sein Angebot eingegangen.

Michèle Sinner
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