Das Nachhaltigkeitsministerium lässt noch testen, ob sich Ökosysteme geldwert ausdrücken lassen könnten. Aber die Entscheidung dafür ist an höherer Stelle schon gefallen

Der Preis der Umwelt

d'Lëtzebuerger Land du 21.09.2012

Hätte es auf der Oekofoire am vergangenen Wochenende einen Preis für den Messestand mit dem sparsamsten Design gegeben, wäre der des Nachhaltigkeitsministeriums ein aussichtsreicher Kandidat dafür gewesen: Neben einem großen kreisrunden Tresen bot er nur vielleicht zwanzig Informationstafeln, die an dünnen Seilen von der Hallendecke herabhingen. Abstrakter geht es kaum.
Allerdings war auf den Tafeln auch von einem abstrakten Konzept die Rede: von „Ökosystemdienstleistungen“. Das seien „Dienstleistungen, die von der Natur unentgeltlich erbracht werden und vom Menschen genutzt werden können, um sein Wohlergehen zu gewährleisten“. Zum Beispiel von den Wäldern. Denn Bäume produzieren Sauerstoff und binden CO2 in der Luft, während der Waldboden Wasser filtert und speichert. Gleichzeitig ist der Wald Lebensraum für Tiere und Pflanzen, die dem Menschen Holz, Waldfrüchte und Wildfleisch liefern. Nicht zu vergessen, dass der Wald auch ein Erholungsraum ist.
Andere Tafeln lieferten weitere Beispiele, wie der Mensch „unentgeltlich“ von „Serviceleistungen“ der Ökosysteme profitiere: Die Hälfte aller weltweit zugelassenen Medikamente seien pflanzlichen Ursprungs. In der Schweiz seien Grundstücke mit Seeblick 20 Prozent teurer als die ohne eine solche Aussicht, und die Bestäubungsleistung von Insekten für die Landwirtschaft der Welt mache mit 153 Milliarden Dollar pro Jahr mehr aus als die 108 Milliarden Dollar Umsatz von Apple 2011.
Aber lassen sich solche Leistungen von Ökosystemen tatsächlich in Preisen ausdrücken? Das Nachhaltigkeitsministerium scheint darauf nicht nur mit Ja zu antworten, weil es diesen Messestand einrichten ließ. Sondern auch, könnte man meinen, weil die geplante Reform des Naturschutzgesetzes, deren Entwurf der delegierte Minister Marco Schank (CSV) am Dienstag vorstellte, als vielleicht wichtigste Neuerung ein „Ökopunktesystem“ enthält, bei dem die Punktezahl von eins bis 64 Preisen in Euro entsprechen soll.
Solche Punkte erhielte ein Biotop zuerkannt, falls es durch einen baulichen Eingriff verändert werden soll. Ermittelt würde sein Zustand vor und simuliert würde der nach der Bebauung. Die Differenz an „verlorenen Naturwerten“ müsste vom Bauherrn andernorts kompensiert werden. Wobei ins Ökopunkte-Äquivalent aber nicht nur die ersten Kompensationsmaßnahmen einfließen, sondern auch deren Erhalt über 25 Jahre, alle Planungskosten für die Kompensation sowie der eigentliche Grundstückspreis. Weshalb auch vorgesehen ist, dass das Projekt erst genehmigt wird, nachdem genügend Ökopunkte gekauft wurden. Groß-Promoteure erhalten allerdings die Möglichkeit zur Vorab-Investition in den Naturschutz: Was dabei an Ökopunkten erworben wird, könnten sie sich auf ein „Ökokonto“ für später gutschreiben lassen.
Aber wenngleich über die Ökopunkte noch viel diskutiert werden dürfte, weil Luxemburg damit zum ersten Mal ein System zum Ausgleich von Eingriffen in Biotope erhielte und vielleicht sogar eines Tages der Bau der Nordstrooss kompensiert werden könnte: Mit Ökosystemsdienstleistungen in Euro haben Ökopunkte in Euro nichts zu tun.  Die Kosten für eine Wiederaufforstung nach einem Straßenbau etwa lassen sich ziemlich genau beziffern. Mit dem „Service“ eines Stücks Wald – vom Beitrag zur Luftreinigung bis zu seiner Rolle als Erholungsort – verhält sich das anders. Und während das Ökopunktesystem auf einer detaillierten Biotop-Kartografie beruhen soll, an der jahrelang gearbeitet wurde, ist die Basis für eine Dienstleistungsbetrachtung noch unklar. So eindeutig Ja dazu scheint das Nachhaltigkeitsministerium doch nicht zu sagen. Vom CRTE, der Abteilung für Umweltforschung am Centre de recherche public Henri Tudor, lässt es erst einmal „testen“, ob sie in Luxemburg „machbar“ wäre, sagt der darauf angesprochene Minister. „Im Moment wissen wir darüber einfach noch nichts; ganz zu schweigen davon, was dabei für Preise entstehen.“ Aber den Ansatz an sich hält Marco Schank für „interessant“. Vor zwei Jahren hatte er auf der Welt-Artenschutzkonferenz im japanischen Nagoya der Präsentation von The Economics of Ecosystems and Biodiversity beigewohnt.
Diese TEEB-Studie (www.teebweb.org), die im Auftrag des UN-Umweltprogramms Unep entstand, aber von der G8-Staatengruppe angeregt worden war, war es gewesen, die die weltweite Bestäubungsleistung von Insekten hochgerechnet hatte. Aber zum Beispiel auch die Leistungen, die ein Korallenriff für den Tourismus und den Schutz vor Sturmschäden erbringt, oder den Beitrag von Flüssen und Seen zur Wasserversorgung (siehe Kasten). Eine der Tafeln auf der Oekofoire zitierte TEEB-Projektleiter Pavan Sukhdev: Es gebe von der Natur „so viel umsonst für uns. Wir nutzen die Natur, weil sie wertvoll ist. Aber wir verlieren sie, weil sie umsonst ist“. Das Zitat suggeriert, die Lösung liege in einer möglichst intelligenten Anwendung des Kostendeckungsprinzips.
Solchen Schlussfolgerungen wird sofort wider-sprochen: Auf der Tafel auf der Oekofoire, wo erklärt wurde, es gehe nicht darum, „Ökosystemen ein Preisschild umzuhängen“. Von Sukhdev selber, der über die TEEB-Studie in Presseinterviews immer wieder gesagt hatte, die Umwelt werde durch die Wertfeststellung ihrer Dienstleistungen nicht „handelbar“; das sei eine „ganz andere politische Frage“ (The Guardian, 21.5.2010). Auch Marco Schank glaubt nicht, dass Ökosysteme handelbar würden, falls man ihren Service-Wert ermittelt. Vielmehr werde die umweltpolitische Debatte bereichert und ein Aha-Effekt ausgelöst, wenn endlich deutlich gezeigt werde, welcher Verlust drohen kann, wenn ein Ökosystem geschädigt wird oder gar verloren geht und sich das kaskadenartig auf andere Arten oder Biotope auswirkt. Worauf der Minister und frühere Umweltaktivist im Moment aber keinen Ausblick wagen mag, sind die Perspektiven für die Umweltpolitik an sich. Etwa für den Fall, dass der Verlust eines Biotops in Euro in all seiner Service-Komplexität gegen den Nutzen jener Aktion aufgerechnet würde, die zum Verlust des Biotops führt, und sich herausstellt, dass Letztere günstiger wäre. „Auch deshalb lassen wir diese Pilotstudie machen.“
Und die soll sich „kritisch“ mit dem TEEB-Ansatz auseinandersetzen, sagt Enrico Benetto vom CRTE. Es gehe „nicht in erster Linie um Quantifizierungen“, sondern darum, „ein brauchbares Modell“ aufzustellen. Der Pilotfall dafür ist die ökologische Umgestaltung des Alzettetals. Anhand von ihm soll ermittelt werden, wie sich etwa aus einer Flussbettverlagerung oder der Umwandlung von Uferland in ein Feuchtgebiet, inklusive veränderter Agrarbewirtschaftung, ein „Service-Effekt“ erst einmal ablesen lässt. Diesen in Euro auszudrücken, käme demnach später.
Ein wissenschaftliches Problem, den TEEB-Ansatz einfach so zu benutzen, scheinen nicht nur die CRTE-Forscher zu haben. Beim Rio+20-Gipfel im Juni hatten Wissenschaftler die mangelnde fachliche Basis von TEEB beklagt und erklärt, die Messung von „Naturkapital“ sei weitaus komplexer und schwieriger als TEEB suggeriere (New Scientist, 27.6.2012).
Doch wie die Dinge liegen, finden solche Einwände nicht unbedingt Gehör. Die EU-Kommission hat schon im Sommer letzten Jahres in einer EU-Strategie für den Artenschutz mit Horizont 2020 unter anderem vorgeschlagen, zum „Erhalt und der Wiederherstellung von Ökosystemen und deren Dienstleistungen“ sollten alle Mitgliedstaaten bis 2014 auf ihren Territorien die Ökosysteme und deren Dienstleistungen kartografieren. Bis 2020 solle der ökonomische Wert der Leistungen ermittelt und diese Werte auf nationaler und auf EU-Ebene „verbucht“ und „gemeldet“ werden. Umweltministerrat und Europaparlament haben der Strategie mittlerweile zugestimmt. Wenngleich sie nicht gesetzlich bindend ist, stellt sie doch eine politische Leitlinie dar. Und sie macht einen Ausblick auf eine „Green Economy“: Die TEEB-Studie habe geschätzt, dass sich für Investitionen in den Artenschutz weltweit bis zum Jahr 2050 ein Markt von im Wert von 2 000 bis 6 000 Milliarden US-Dollar auftun könne. Dass das nur geschehen kann, wenn vorher der Wert von Ökosystemen bestimmt wird, versteht sich. Mittlerweile gibt es auch schon mehrere Ansätze dafür, etwa von der chinesischen Regierung, der Weltbank und dem Unep. Der Markt ist demnach schon am Entstehen. Und weil die EU dort nicht nur mittun will, sondern in ihrer Artenschutz-Strategie festgehalten hat, zum „Leader“ zu werden, erscheint der geldwerte Ausdruck von Ökosystemdienstleistungen nicht mehr als Option, die von den EU-Staaten erst noch auf ihre Machbarkeit getestet werden müsste.
Bleibt natürlich die Frage, ob es schlecht wäre, falls die Wirtschaft massiv in Artenschutz investierte. Eines der wenigen Resultate des Rio+20-Gipfels war immerhin die Aussicht auf Public-private partnerships für Umweltschutz, die wiederum auf einer Analyse von Ökosystemdienstleistungen basieren.  Doch der Unterschied zwischen einem Mechanismus wie dem hierzulande geplanten Ökopunktesystem als isolierter Maßnahme zum Ausgleich von Biotopenabnutzung und einer umfassenden Service-Betrachtung von Biotopen mit Preisbildung liegt eben darin, dass Letzterer dem neoliberalen Dogma folgt, dass alles sich mit einem Preis versehen lasse. Die Frage ist, ob nicht messbare Werte von Ökosystemen am Ende nicht irgendwie doch eingepreist würden. Und ob solche Service-Analysen in der Umweltpolitik tatsächlich immer „zusätzlich“ bleiben und nur Probleme besser verdeutlichen helfen würden. Weil Zweifel daran angebracht sein müssen, birgt die Service-Betrachtung von Arten und Biotopen nicht nur die Gefahr, den Spielraum für Umweltpolitik einzuschränken, sondern sie enthält auch ein zutiefst antidemokratisches Potenzial. Aber allem Anschein nach wurde die Debatte darüber an höherer Stelle schon entschieden, noch ehe sie in Luxemburg begonnen hat.

Peter Feist
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