Chèques-service

Freiwillige Selbstkontrolle

d'Lëtzebuerger Land du 19.02.2009

Der Protest formiert sich. Nachdem zunächst die Liberalen in der Hauptstadt vor einer Überforderung der Gemeinden durch die für den 1. März geplante Einführung der Chèques services gewarnt hat, stellen sich nun auch Déi Gréng quer. Sie fordern die zuständige Familienministerin Marie-Josée Jacobs (CSV) auf, die Einführung auf den nächsten Schulanfang, den 15. September zu verschieben. Das sei schließlich die Zeit, in der sich Eltern üblicherweise über die Betreuung ihrer Kinder Gedanken machten. Auch neues erzieherisches Personal – zumal im erforderlichen Umfang – stünde kaum vor Juni, Juli zur Verfügung, so der grüne Abgeordnete Camille Gira auf einer Pressekonferenz am Dienstag. In Luxemburg be­finden sich rund 75 000 Kinder im betreuungswürdigen Alter, dem stehen lediglich rund 25 000 Betreuungsplätze gegenüber.

Noch mehr Sorgen als das gefürchtete Organisationschaos macht den Grünen aber die (mangelnde) Qualität des Betreuungsangebots. Nicht nur, dass das Maisons relais-Gesetz eine niedrigere Qualifikation des Betreuungspersonals erlaubt (d’Land, 06.02.09): Um die Engpässe zu überbrücken, haben verschiedene Gemeinden damit begonnen, vorübergehend auf Kulturzentren oder Sportanlagen auszuweichen. „Diese sind für die Betreuung von Kinder nicht geeignet, denn sie wurden für einen anderen Zweck gebaut“, warnt Vivianne Loschetter, die zudem juristische Probleme für den Fall sieht, wenn einem Kind in den provisorischen Einrich-tungen etwas zustöße. Der grünen Abgeordneten, die zugleich hauptstädtische Schulschöffin ist, liegen Briefe verunsicherter Einrichtungen vor, die zuvor die Haftungsfrage geklärt haben wollen. Man habe die Anfragen an das Familienministe-rium weitergeleitet. Dass sich nicht Schall gedämmte Hallen für die Betreuung von Kindern schlecht eignen, davon konnten sich die Journalisten vor Ort ein Bild machen: Déi Gréng hatte in die Bonneweger Sporthalle geladen.

Camille Gira, Bürgermeister von Beckerich, wusste überdies von „katastrophalen Zuständen“ in manchen Gemeinden zu berichten, deren Betreuungs­strukturen unter dem Ansturm schon jetzt zusammenbrächen. In einem Fall seien statt der zugelassenen 200 nahezu 300 Kinder in einer Maison relais untergebracht, so Gira. Krankes Personal würde nicht systematisch ersetzt. In Wasserbillig hatten die politisch Verantwortlichen gar erwogen, den Merterter Festsaal in einen Mittagstisch für rund 200 Kinder umzufunktionieren. Gespannt darf man in diesem Zusammenhang auf eine vom Familienministerium kofinanzierte Publikation über die Maisons relais sein, in der sich Experten zum Thema äußern werden. Vielleicht wird dann in Sachen pädagogischer Qualität Farbe bekannt.

Um den durch die Dienstleistungsschecks entstandenen Druck zu minimieren, will die Hauptstadt nun in einer ersten Phase Eltern abweisen, die das Gratisangebot nutzen und ihre Kinder nur für die Dauer von drei Stunden zum Essen schicken wollen. „Ernsthafte pädagogische Arbeit ist unter den Bedingungen nicht möglich“, ärgert sich Loschetter. Allerdings soll kein Kind vor der Tür stehen gelassen werden. Vor allem von Armut bedrohte Kinder würden bevorzugt aufgenommen, so Loschetter, die schon das nächste Durcheinander fürchtet: Weil es keine einheitlichen Kriterien gibt, um das Armutsrisiko zu bestimmen und kleinere Gemeinden kaum über diesbezüglich qualifiziertes Personal verfügten. Dass im reichen Luxemburg Nachholbedarf besteht, bestätigt eine aktuelle Untersuchung über Kinderbetreuung des europäischen Bildungsinstituts Eurydice, wonach rund 20 Prozent der unter Fünfjährigen in Luxemburg unterhalb der Armutsgrenze leben. Armut im Kindesalter aber, das haben Studien zur Genüge bewiesen, sind oftmals der Beginn eines Teufelskreis aus geringer Bildung, niedrigem Einkommen oder Arbeitslosigkeit und weiterer Armut. 

Ines Kurschat
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