Kino

Der König weint nicht mehr

d'Lëtzebuerger Land vom 26.07.2019

Löwenjunge Simba wächst als Sohn von Mufasa heran und soll eines Tages der König des geweihten Landes werden. Doch sein böser Onkel Scar hat eigene Pläne ... Disneys Zeichentrick-Klassiker The Lion King von 1994, unter der Regie von Roger Allers und Rob Minkoff, sprach damals noch – weil als archetypische Heldenreise inszeniert, mit den einzelnen Stationen der Selbstfindung, der älteren, weisen Figur des Mentors und so weiter – einen großen Publikumskreis an und löste Mitte der Neunziger einen regelrechten Afrika-Hype aus. Für die Neuverfilmung übernahm nun John Favreau die Regie, der sich zuvor schon durch das sehr erfolgreiche Remake von The Jungle Book (2016) ausgezeichnet hatte. Atemberaubend ist dort wie hier die Computeranimation – sie generiert Bilder des afrikanischen Wildlebens, die täuschend echt sind. Sie wirken derart real, dass man zuweilen den Eindruck bekommt, sie könnten einer Dokumentation wie der BBC-Reihe Planet Earth entnommen sein.

So spektakulär diese Effekte sind, so wenig originell präsentiert sich die Geschichte auf inhaltlicher Ebene. Als Neuverfilmung eines Klassikers ist die Frage durchaus berechtigt, wo denn hier abseits der Tricktechnik der Mehrwert liegt. In seinem Beitrag zum Remake hat Norbert Grob nämlich treffend beschrieben: „Das Remake im Kino folgt der Devise: immer das gleiche nur immer anders. Wobei es allerdings nie um Imitation geht; sondern um Modifikation; nie um Wiederholung, sondern um Variation.“1 Davon ist hier indes wenig zu spüren, so sehr hält sich der Film an die Originalvorlage, die sogar in nahezu identischen Einstellungen zitiert wird und so fortwährend im Bewusstsein älterer Zuschauer präsent sein dürfte. Die Filmmusik von Hans Zimmer ist an dieser Rückbesinnung natürlich ebenfalls hochgradig beteiligt und bedient die nostalgischen Momente.

Wo noch der Zeichentrickfilm die Fantasie der Kinder beflügelte, da setzt das Remake mit seinem naturalistischen Setting dieser Freiheit Grenzen. Disneys Neuverfilmungen feiern den technischen Fortschritt der Computeranimation, gehen aber mit einem kreativen Rückschritt einher. Freilich waren bereits die Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney eine tricktechnische Errungenschaft, die fotorealistischen Bilder des Remakes aber hegen ein gewichtiges Problem. Schiller schreibt in seinem Don Carlos: „Der König weint“ und vermittelt damit einen menschlichen Herrscher, dessen Affekte sich auf den Zuschauer übertragen sollen. Der Löwenkönig Simba allerdings kann nicht mehr weinen, die Computerpixel haben ihm die Tränen, sein Menschsein geraubt. Hier gehen Sergej Eisensteins feine Beobachtungen zum Anthropomorphismus bei Disney (kurz: die Tiere stehen für Menschen) nicht mehr gänzlich auf2. Überhaupt funktionieren manche Musical-Nummern nicht mehr – zu steif, ja zu echt wirken diese aus dem Computer generierten Tiere.

Angesichts des enormen medialen Interesses um den Film (allein der Trailer wurde vierundzwanzig Stunden nach seiner Veröffentlichung um die 225 Millionen Mal aufgerufen), dürfte der kommerzielle Erfolg dieses Remakes freilich vorprogrammiert sein.

1 Grob, Norbert (2001): „Immer das gleiche, nur immer anders. Zur Typologie des Remake.“ In: Jürgen Felix et al. (Hg.): Die Wiederholung: Festschrift für Thomas Koebner zum 60. Geburtstag. Marburg: Schüren, S. 335-346, hier S. 345

2 Vgl. Sergej Eisenstein (1991): Walt Disney [1941]. Straßburg: Cissé, S. 68-74

Marc Trappendreher
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