Von einem beliebten Modewort

Konform

d'Lëtzebuerger Land vom 09.09.2011

So lautet ein neues, in letzter Zeit insbesondere bei politischen Entscheidungsträgern beliebtes Modewort. Es wird, so scheint es, gerade dann eingesetzt, wenn es darum geht, der Öffentlichkeit heikle Entscheidungen, Konzepte oder Projekte zu präsentieren. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird „konform“ für etwas verwendet, das in einen vorgegebenen Rahmen passt, gewissen Ansprüchen gerecht wird beziehungsweiese einer Norm entspricht. Genauso wie der abgeleitete Begriff „Konformität“ kann konform auch für etwas Gleichgeordnetes, Angepasstes stehen. Kommt das Wort, wie gesagt, aus politischem Mund und wird gar noch betont – frei nach dem „There is no alternative“, also dem Tina-Prinzip –, ist kritisches Hinterfragen und ein gesundes Misstrauen angesagt.

Als im Herbst 2006 die Auchan-Gruppe ankündigte, ein zweites Einkaufszentrum auf Cloche d’Or, im Ban de Gasperich, bauen zu wollen, hieß es in der Pressekonferenz, das Unterfangen sei selbstverständlich konform zur Regierungspolitik. Wie bitte? Ja, nämlich im Einklang mit der mittlerweile wild wuchernden Idee, aus Luxemburg das Einkaufsparadies der Großregion machen zu wollen. Was, bitteschön, kann man an Gegenargumenten noch hervorbringen, wenn (anscheinend) eine ganze Regierung bedingungslos für etwas ist?

Als der mit Sehnsucht erwartete Pacte Logement vorgestellt wurde, hieß es, dieser sei selbstverständlich konform zu den landesplanerischen Vorgaben der Regierung, etwa zum Integrativen Verkehrs- und Landesentwicklungskonzept IVL oder zum damals wie heute noch nicht endgültig verabschiedeten sektoriellen Leitplan. Das dem nicht so war, ist heute wohl jedem klar. Eine kohärente Landesplanung muss in einem Kleinstaat wie Luxemburg, wo der Raum begrenzt und die Kaufeslust groß ist, auf eine gewisse Selektivität setzen und nicht auf eine gleichmacherische Gießkannenpolitik, wie sie im Ländchen leider immer noch appliziert wird.

Ähnliche Argumente galten und gelten für Belval (ursprünglich war dort überhaupt kein großes Einkaufszentrum geplant, aber das wissen heute nur noch die wenigsten) und – jetzt wird’s ganz lustig – für das Megaprojekt Liwingen. „Konform“ ist also ein ganz praktisches Wort. Das scheint in einem besonderen Maße für die Raumplanungspolitik zu gelten, ein Bereich, in dem wichtige Basisdokumente meistens (noch) keine rechtskräftige Grundlage besitzen und Kriterien entweder ziemlich schwammig ausgedrückt werden (müssen?) oder recht dehnbar zu sein scheinen. Vor zwei Monaten wurde in Luxemburg das Niederlassungsrecht reformiert und damit auch die Bedingungen, die künftig bei der Ansiedlung von neuen Super- und Fachmärkten gelten sollen. Von der Gefahr eines kommerziellen Ungleichgewichts geht nicht mehr die Rede, dafür soll verstärkt auf raumplanerische Belange Rücksicht genommen werden. Den Nutznießern wird‘s recht sein.

Auch eine große Freundin unseres Landes, die deutsche Bundeskanzlerin Merkel, trägt das Wort „konform“ in ihrem Arsenal mit sich rum. Kürzlich hat sie noch eins draufgelegt, als sie, ohne mit der Wimper zu zucken, behauptete – es ging dabei um die so genannte Europäische Finanzstabilisierungsfazilität, ein tolle Sprachschöpfung –, der deutsche Entscheidungsweg setze auf eine parlamentarische Mitbestimmung, die allerdings „marktkonform“ sein müsse. Selten, um nicht zu sagen noch nie ist so deutlich geworden, wer die Welt im Moment eigentlich regiert ... nämlich die Märkte.

Claude Gengler
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