Fusion der CRP Tudor und Lippmann

Unterwegs zum List

d'Lëtzebuerger Land du 11.10.2013

Luxembourg Institute of Science and Technology? Die Wahl dieser Bezeichnung (abgekürzt: List) hat der Staatsrat ein wenig bedauert. Denn mag sie auch ein wenig klingen wie Massachusetts Institute of Technology, würden dahinter die beiden Namen Henri Tudor und Gabriel Lippmann verschwinden – die der beiden berühmten Luxemburger, von denen der eine den Bleiakku erfand, der andere die Farbfotografie, wofür er 1908 den Physik-Nobelpreis erhielt.

Ganz offiziell ist das List noch nicht. Der Name steht in einem Gesetzentwurf der Regierung, durch den das mehr als 25 Jahre alte Rahmengesetz über die öffentlichen Forschungszentren – die CRPs – reformiert werden soll. Der Text, den auch der Staatsrat begutachtet hat, liegt noch zur Bearbeitung in der Abgeordnetenkammer und kann erst in der nächsten Legislaturperiode verabschiedet werden. Spätestens im Dezember nächsten Jahres müsste das geschehen: „Sonst können wir und das CRP Henri Tudor nicht fusionieren“, sagt Fernand Reinig, der Direktor des CRP Gabriel Lippmann in Beles. Laut geltendem Gesetz sind Lippmann und Tudor öffentliche Einrichtungen „bei“ einer Staatsverwaltung, auch wenn sowohl das Institut supérieur de technologie, der frühere Tudor-Träger, wie auch das Centre universitaire, dessen Forschungszentrum das CRP Gabriel Lippman einst war, längst in der Universität aufgegangen sind. Diese Seltsamkeit soll die Gesetzesreform beenden. Sie soll sämtlichen CRPs – auch dem CRP-Santé – volle Autonomie verleihen und zu guter Letzt auch das Sozialforschungszentrum Ceps/Instead zum autonomen CRP erklären.

In der Zwischenzeit arbeiten Tudor und Lippmann derart intensiv auf die Fusion hin, dass Tudor-Direktor Marc Lemmer erklärt: „Viele unserer Mitarbeiter leisten derzeit doppelt so viel wie sonst.“ Bei Lippmann ist es ähnlich: Als das CRP im Sommer seinen Jahresbericht 2012 vorstellte, wurde darauf hingewiesen, dass „trotz Arbeit an der Fusion“ auch weiterhin „erfolgreich geforscht“ worden sei. Der Arbeitsdruck war 2012 aber eher noch gewachsen. Damals entschieden die beiden Zentren, nicht erst zum Jahresbeginn 2016 zusammengehen zu wollen, sondern schon ein Jahr früher. „Wir wollen das einfach abschließen“, sagt Lemmer.

Nicht zuletzt, weil das Fusions-Institut nicht einfach die Summe seiner beiden Teile sein kann. In der Materialforschung und in den Bereichen Umwelttechnologien und Wasserforschung machen Tudor und Lippmann einander zwar keine Konkurrenz mehr wie noch vor fünf Jahren, aber diese Forschungsschwerpunkte existieren dennoch in beiden Häusern. Was aus ihnen am List werden soll, ist nicht nur die Frage von Strategieerwägungen. Davon hängen auch Personalentscheidungen und Nominierungen auf Abteilungsleiterposten am List ab. Weil das delikate Themen sind, halten Marc Lemmer und Fernand Reinig sich mit Enthüllungen über die List-Strategie derzeit noch zurück: Ein Strategiedokument liege vor, aber erst vor kurzem habe seine interne Diskussion an den beiden CRPs begonnen.

Das Dokument beschreibe aber auch, inwiefern das List an übergreifenden Themen entlang strukturiert werden soll, verrät Lemmer. Das CRP Henri Tudor war in diesem Sinne schon vor drei Jahren zum Teil neu ausgerichtet worden. Zum Beispiel wurde seine frühere IT-Abteilung mit anderen Tudor-Departments zu einem größeren Schwerpunkt „Innovation für Dienstleistungsbetriebe“ verschmolzen, um sich besser auf den Bedarf von Unternehmen einstellen zu können. Letzten Endes soll die stärkere Hinwendung zur Praxis, zu Kunden in Unternehmen und Verwaltungen, das List von der universitären Forschung unterscheiden: „Führt die Uni ein Projekt mit einem Partner aus der Wirtschaft durch, ist es in der Regel auf sechs Jahre angelegt und es werden darauf nacheinander zwei Doktorarbeiten geschrieben. Ein Projekt mit einem CRP dagegen ist meist nach drei Jahren beendet“, erläutert Lemmer.

So dass sich mit der Gründung des List die öffentliche Forschung hierzulande konsolidiert haben könnte: Hier die Uni, dort das neue Institut, das ein RTO sein möchte – eine „Research and technology organisation“, wie etwa die deutschen Fraunhofer-Institute oder das TNO in den Niederlanden. Doch so ganz trennscharf sind die beiden Ressorts Universität und RTO nicht: „Research“ in der Bezeichnung RTO kann auch heißen, ziemlich fundamental ausgerichtete Forschung zu betreiben, um sie später mit Betrieben zu Innovationen werden lassen zu können. Und in der Praxis konkurrieren die CRPs schon heute mit der Uni zum Teil heftig um Drittmittel aus der Wirtschaft: etwa im IT-Bereich mit dem sehr rührigen Interdisciplinary Centre for Security, Reliability and Trust (SnT) der Uni, das 2012 nach eigenen Angaben rund 70 Prozent seiner Einnahmen aus Drittmitteln bezog und knapp die Hälfte davon aus Aufträgen von Wirtschaftspartnern bezog.

Deshalb kommen die beiden CRP-Direktoren auf eine Idee zurück, die sie im Frühjahr 2012 geäußert hatten, als die Forschungszentren ihre Fusionsabsicht bekannt gaben: Die öffentliche Forschung benötige eine übergeordnete Koordinationsinstanz. Keine, die Uni und List vorschreibt, was jeder zu tun und zu lassen hätte, sondern eine, die im Dialog mit allen Seiten Schwerpunkte definiert. Doch obwohl François Biltgen, der bis zum Frühjahr Forschungsminister war, diese Idee grundsätzlich übernommen und vor einem Jahr gegenüber dem Land (siehe die Forschungsbeilage vom 26.10.2012) angekündigt hatte, ein „Konzertierungsorgan“ schaffen zu wollen, das Uni und CRPs „zur Komplementarität verhilft“, ist das bisher noch nicht geschehen.

Dabei hatte auch Biltgen festgestellt: „Was viele meinen, die Uni macht Grundlagenforschung und die CRPs das Angewandte – das funktioniert nicht.“ Stattdessen sollte an der Universität „der Schwerpunkt auf der wissenschaftlichen Forschung liegen“, aber zugleich auch „Technologietransfer gemacht werden“. An den öffentlichen Forschungszentren wiederum sollte dieser „dominieren“, die angewandte Forschung der Zentren aber müsse „dem State of the art“ entsprechen, damit „marktfähige Entwicklungen und Technologien ebenfalls auf dem höchsten Stand“ sein können. Die „richtige Gewichtung“ zu finden, sollte Universität und Forschungszentren „zu einem guten Teil selber überlassen“ sein, so der damalige Minister.

Wie schwierig es in der Praxis sein kann, die „richtige Gewichtung“ zu finden, deutet an, dass Uni und CRPs gegenüber potenziellen Projektpartnern und -auftraggebern in einen Kostenwettbewerb geraten können. So manchen Luxemburger Unternehmen ist schon aufgefallen, dass Forschungsprojekte mit der Uni preiswerter zu realisieren sein können als mit CRPs: Diese kalkulieren den Aufwand für Forschungsprojekte nach dem Vollkostenprinzip, die Uni tut das noch nicht. Wirkt zum Beispiel ein Professor an einem Vorhaben mit, muss das nicht in der Kalkulation auftauchen und er kann einfach als Uni-Angestellter daran beteiligt sein. Engagiert dagegen ein CRP einen Professor, schlagen für ihn monatliche Gehaltskosten von 10 000 bis 12 000 Euro im Projektbudget zu Buche.

So dass es nicht nur gut möglich ist, sondern wohl sogar wünschenswert wäre, dass der Punkt „Komplementarität und Konzertierung“ noch für Diskussionen sorgt, wenn sich nach den Wahlen die neue Abgeordnetenkammer den Entwurf zur CRP-Gesetzesreform vornimmt. Ob das eine einfache Diskussion würde, ist aber noch die Frage – wenn es nicht nur um die Schaffung eines neuen Organs geht, sondern obendrein noch um Forschungsfreiheiten und sogar um Geld.

Peter Feist
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