Fossilienfunde in Brouch bei Mersch

Jurassic Park im Steinbruch

d'Lëtzebuerger Land du 11.10.2013

Manchmal kann ein Millionen Jahre alter Fossilienfund bisheriges Wissen ganz schön durcheinander bringen – selbst dann, wenn die gefundenen Stücke nur ein paar Zentimeter groß sind. Anhand eines Fingerknochens und eines Zahnes, die in einem Steinbruch in Brouch bei Mersch gefunden worden waren, kann das Naturhistorische Museum (MNHN) sagen: Vor 199 bis 200 Millionen Jahren gab es auch „hierzulande“ Dinosaurier.

Wenngleich das vielleicht auch nur Kadaver toter Tiere waren. Denn erdgeschichtlich lassen die beiden Funde sich dem Hettangium zuordnen, dem ältesten Abschnitt des Jurazeitalters. Man weiß das, weil in den betreffenden Gesteinsschichten Fossilien bestimmter Kopffüßler (Ammoniten) vorkommen, die schon eindeutig identifiziert worden sind und die es als „Leitfossilien“ erlauben, geologische Formationen mit großer Genauigkeit an einen Zeitabschnitt zu knüpfen. Während des Hettan-giums aber war, wie größtenteils während des Jura, Europa weitgehend von einem flachen Meer bedeckt. Nur höher gelegene Landschaften ragten als Inseln aus dem warmen Wasser. Etwa das heutige Ösling, oder in der weiteren Umgebung die Ardennen, der Hunsrück oder die Vogesen.

Daraus folgt: „Vermutlich stammen die Überreste von einem toten Tier, das vom Meer angeschwemmt wurde“, sagt Dominique Delsate, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Natur Musée. Denn Dinos waren Landbewohner. Aber immerhin: Bisher war die kleine heimische Paläontologen-Szene davon ausgegangen, dass sich in Luxemburg keine Dinosaurier-Fossilien finden lassen würden. „Da ist unser Fund“, sagt Delsate, „schon ein kleiner Scoop.“

Dabei sind die beiden Dinosaurier-Überreste nur klein und wurden schon vor längerer Zeit entdeckt. Das erste Fossil, ein vielleicht sechs Zentimeter langes Knochenstück, fand der Fosiliensammler Kurt Meiers schon in den Neunzigerjahren in dem Broucher Steinbruch. Nach der Restaurierung des Funds durch Techniker des MNHN stellte sich heraus, dass es sich wahrscheinlich um einen Fingerknochen eines Dinosauriers handelt. Im Jahr 2000 gab das Museum die Entdeckung sogar bekannt, machte aber nicht viel Aufhebens darum: „Wir hatten nur dieses eine Fossil, das schien uns letzten Endes nicht genug“, so Delsate.

Bis dann vor drei Jahren im selben Steinbruch der Sammler Roby Haas einen Zahn fand, der sich ebenfalls als von einem Dinosaurier stammend erwies. Wobei Delsate präzisiert: Dass der Zahn einem Dinosaurier gehörte, sei „sehr wahrscheinlich“. Über den Fingerknochen hätten weitere Analysen nicht nur ergeben, dass er „mit hundertprozentiger Sicherheit“ einem Dino zuzuordnen ist, sondern „sehr wahrscheinlich“ von einem Dilophosaurier stammt: einem sehr agilen wendigen Fleischfresser, der bis zu sechs Meter groß und eine halbe Tonne schwer werden konnte. In Steven Spielbergs Jurassic Park war ein Dilophosaurus als ein giftspeiendes Ungetüm gezeigt worden. Was jedoch nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht.

Dass es Jahre gedauert hat, bis das MNHN seinen Fund nun publik machen kann, liegt an der aufwändigen Identifizierung von Fossilien. Delsate beschreibt, wie es ihm gelang, den Knochen als Fingerknochen auszumachen, der garantiert weder von einem Schwimm- noch von einem Flugsaurier stammt. Die genaue Zuordnung von Knochen und Zahn gelang aber erst nach der Konsultation von Fachkollegen aus aller Welt, die insgesamt zehn Jahre dauerte und von Luxemburg über Stuttgart, Paris und München bis nach Südamerika führte, wo die am besten erhaltenen Saurierfossilien zu finden sind. In der Paläontologie entscheide sich eine Arbeit oft am richtigen Kontakt, sagt Delsate. Der nach Südamerika gab den Ausschlag, und das MNHN wird die Entdeckungen demnächst im Fachjournal Geologica Belgica veröffentlichen.

Bis Fingerknochen und Zahn in den Vitrinen des MNHN zu besichtigen sein werden, dürften aber noch ein paar Jahre vergehen. 2016 soll der Umbau des Natur Musée beginnen, dann werden auch die ständigen Ausstellungen neu gestaltet. Und zum Teil neu geschrieben werden muss die heimische Erdgeschichte ja nun – wenn doch bisher die offizielle Sicht der Dinge lautete, Dinosaurier habe es „hierzulande“ gar nicht gegeben.

Peter Feist
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