Frauenarmut

Von den Verliererinnen der Hochlohngesellschaft

d'Lëtzebuerger Land du 24.05.2001

"J'ai dormi dehors par moins dix degrés en étant enceinte. Le Foyer de nuit m'a permis de me refaire une santé", erzählte eine obdachlose Frau einer Sozialforscherin vom Centre d'études de populations, de pauvreté et de politiques socio-économiques (Ceps). In der im Sommer letzten Jahres veröffentlichten Studie Les femmes sans-abri hatte der Ceps eine Zunahme der Obdachlosigkeit bei Frauen festgestellt. Allein zwischen 1994 und 1996 hatte die Zahl der in Nacht-Foyers, Frauenhäusern und betreuten Wohnstrukturen Untergebrachten sich von 80 auf 160 verdoppelt und machte 46 Prozent aller betreuten Obdachlosen aus. Eine 1999 in 18 solcher Einrichtungen durchgeführte Erhebung ergab, dass im Jahr zuvor dort insgesamt 191 Frauen untergebracht oder beraten worden waren. Die meisten (69 Prozent) waren zwischen 21 und 40 Jahre alt, mehr als die Hälfte waren Luxemburgerinnen, 45 Prozent waren ledig, 35 Prozent verheiratet. Zwei Drittel hatten wenigstens ein Kind. Ihr Ausbildungsniveau war eher niedrig: 58 Prozent hatten lediglich die Primärschule besucht, 20 besaßen einen Sekundarschulabschluss, aber immerhin sieben Prozent ein Hochschuldiplom.

 

Über diese extreme Form der Frauenarmut ist wenig bekannt. Wie auch über die Situation der Obdachlosen generell. Das liegt schon daran, dass die jährlichen Ceps-Analysen über die Einkommenslage und das Lebensniveau in Luxemburg ausschließlich an Haushalten mit fester Adresse vorgenommen werden - und eine solche haben Obdachlose nun mal nicht. Zum anderen jedoch ist die Dunkelziffer kaum abschätzbar.

 

Joëlle Schranck, Präsidentin der asbl Femmes en détresse, ist davon überzeugt, "dass wir von der Frauenarmut nur die Spitze des Eisbergs sehen". Femmes en détresse unterhält in Luxemburg-Stadt das Fraenhaus, das Mederchershaus sowie zwölf betreute Wohnungen und betreibt in der Hauptstadt, in Esch/Alzette und in Ettelbrück Beratungsstellen. In welchem Ausmaß die Frauenarmut zunimmt, könne man schon daran erkennen, dass vor 20 Jahren ein einziges Büro mit vier Stunden Öffnungszeit pro Woche den Beratungsbedarf habe decken können, heute dagegen seien alle drei Anlaufstellen täglich geöffnet.

 

Das Grundübel sieht Joëlle Schranck in der schon viel zitierten mangelhaften ökonomischen Selbstständigkeit vieler Frauen in einer ausgesprochenen Hochlohngesellschaft mit zum Teil extremen Lebenshaltungskosten. "Ich würde so weit gehen zu behaupten, die Armut ist bei uns weiblich."

 

Inwiefern das stimmt, bleibt zwar noch eindeutig zu belegen. Aber immerhin wurde in dem ersten Synthesepapier der Regierung über den nationalen Armutsbekämpfungsplan festgehalten, dass Risiken, die zum sozialen Ausschluss führen können, auf die besondere Situation von Frauen hin untersucht werden sollen. Vorerst sind nur Bruchstücke verfügbar. Statistiken des Service nationale d'action sociale (SNAS) beim Familienministerium zufolge ist die Mehrzahl der RMG-Bezieher noch immer weiblich, auch wenn ihr Anteil sich von 1986 bis 1998 von 63 auf 57 Prozent verringert hat. Worin allerdings die Empfängerinnen und Empfäner einer Rente aus dem RMG eingeschlossen sind. Unter der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter standen zum Jahresende 2000 aber ebenfalls 4 746 weibliche RMG-Bezieher 4 005 Männern gegenüber, ein Verhältnis von 54 zu 46 Prozent. Und wenn von den 5 873 vom RMG abhängigen Haushalten mit 67,7 Prozent die Ein-Personen-Haushalte ohne Kinder wie schon in den Jahren zuvor die überwiegende Mehrheit darstellten, rangierten auf Rang zwei (13,5 Prozent) die Alleinerziehenden. Und das sind noch immer zu 90 Prozent Frauen. Darüberhinaus sind laut der vom Ceps benutzten EU-einheitlichen Armutsdefinition gerade die Alleinerziehendenhaushalte besonders von Armut betroffen: 1999 lagen 22,5 Prozent dieser Haushalte mit mindestens einem minderjährigen Kind unterhalb der 60-Prozent-Median-Schwelle, von den Alleinerziehenden mit erwachsenem Kind waren es 11,7 Prozent.

 

"Je voulais quitter mon mari, mais sans ressources et sans travail que faire?" So die Aussage einer weiteren obdachlosen Frau in der Ceps-Befragung. Joëlle Schranck hält solche Sätze für exemplarisch und sieht dahinter ein ganzes Bündel von Problemen verborgen. Was die Ceps-Studie mit nüchternen Zahlen illustriert: Von den 191 befragten obdachlosen Frauen gaben 30,5 Prozent als Grund für ihren Aufenthalt in der Notunterkunft das Fehlen einer Wohnung an, 22 Prozent einen gewalttätigen Partner und 13,5 Prozent finanzielle Not. Mögen Finanzprobleme und Wohnungsverlust auch für Männer Ursachen der Obdachlosigkeit sein, ist das finanzielle Risiko für Frauen im Falle einer Trennung bzw. Scheidung von ihrem Partner dennoch größer - schon der hier zu Lande nach wie vor niedrige Beschäftigungsgrad von Frauen legt es nahe. 1998 betrug die Scheidungsrate 50 Prozent. Die im europäischen Vergleich in Luxemburg noch immer besonders niedrige Berufstätigkeit der Frauen baut sich indessen nur langsam ab, der Anteil der Frauenbeschäftigung stieg laut Statec von 46,4 Prozent im Jahre 1996 auf 52,5 Prozent Ende 2000. 

 

Und während den weiblichen Berufstätigen laut einer aufwändigen und viele strukturelle Begleitumstände innerhalb der Betriebe berücksichtigenden Ceps-Studie vom Juli 2000 eine echte Ungerechtigkeit in der Entlohnung für gleiche Arbeit in Höhe von durchschnittlich elf Prozent gegenüber ihren männlichen Kollegen begegnet (in traditionell "männlichen" Arbeiterberufen sowie im Handel und im Hotel- und Gaststättengerwerbe ist sie noch höher), drohen nicht Berufstätige nach der Scheidung rasch in einen Teufelskreis zu geraten. "Schwere finanzielle Not, die bis zu einer Obdachlosigkeit wegen des Verlustes der Wohnung führen kann, begegnet durchaus auch Frauen aus der Mittelschicht", sagt Joëlle Schranck. 

 

Was sich sogar aus einem einfachen Rechenbespiel ablesen lässt. Wird eine vorher nicht berufstätige Frau nach einer Scheidung zur Alleinerziehenden mit einem Kind, wird sie ohne Job zur RMG-Empfängerin. Verlässt sie das frühere gemeinsame Zuhause und sieht sich auf dem freien Markt nach einer Wohnung um, die ein separates Kinderzimmer hat, so ist dafür eine Kaltmiete von 30 000 Franken monatlich nicht zu hoch angesetzt. Inklusive Mietzuschlag von 5 000 Franken hätte die nunmehrige Alleinerziehende mit einem Kind monatlich Anspruch auf ein RMG abzüglich Sozialabgaben von 43 943 Franken, plus Kindergeld von 5 784 Franken laut derzeit geltendem Index. Macht 49 727 Franken. Nur solange das Kind nicht älter ist als zwei Jahre, kommen dazu 17 725 Franken Erziehungsgeld.

 

Trifft das nicht zu und erhält die Betreffende von ihrem früheren Ehemann den Durchschnittswert von 6 000 Franken monatlicher Alimente für das Kind überwiesen, stehen auf der Habenseite 55 727 Franken den Ausgaben für eine Wohnung von 30 000 Franken gegenüber. Plus die Kosten für eine Kinderbetreuung. Glück hat, wer sein Kind in einer staatlich konventionierten Crèche unterbringt, wo soziale Härtefälle nur eine Kostenbeteiligung zu leisten brauchen. In einer privaten Einrichtung werden dagegen durchaus 25 000 Franken pro Monat fällig - womit in unserem einfachen Beispiel allein Wohnungsmiete und Kinderbetreuungsplatz das monatliche Einkommen  im Grunde vollständig verschlingen.

 

Die Kinderbetreuung ist allerdings entscheidend für die Wiederaufnahme einer bezahlten Tätigkeit: Die jedoch ist für Frauen ohne adäquate Ausbildung oder mit langer beruflicher Pause am schnellsten im Handel oder in Gastronomie zu haben. Oder in einer Putzfirma. Überall dort, wo Arbeitszeiten auch am Abend gang und gäbe sind. Dann aber ist die Kinderbetreuung nicht gesichert, eine Babysitterin kostet ebenfalls ihre 300 Franken pro Stunde - ein Dienst, der an fünf Abenden pro Woche in Anspruch genommen, mit seinen Kosten schnell in die Nähe eines privaten Crèche-Platzes gelangen kann. In einem solchen Fall wird der Rückgriff auf eine "mise au travail" im Rahmen des RMG trotz unklarer Aufstiegsmöglichkeiten für die Alleinerziehende interessanter. Obendrein würde ihr angesichts der noch immer anhaltenden Knappheit der Kinderbetreuungsplätze in einer konventionierten Crèche keine Priorität auf der Warteliste eingeräumt. So lange Knappheit herrscht, gilt aus pragmatischem Blickwinkel: Wer keine Arbeit, hat Zeit und ist für die Betreuung der eigenen Kinder selber abkömmlich.

 

Lösungseingriffe von außen sind angekündigt. CSV und DP haben sich in ihrem Koalitionsprogramm bis zum Jahr 2004 zur Schaffung von 1 100 neuen öffentlichen Crèche-Plätzen verpflichtet. Jean-Claude Juncker versprach in seiner jüngsten Erklärung zur Lage der Nation eine Initiative im sozialen Wohnungsbau. Ob das reichen wird angesichts der stetig steigenden Bevölkerungszahl, bleibt abzuwarten. Ebenso wie die Entwicklung der Vorsorge der Frauen selbst für ihre ökonomische Unabhängigkeit. Bei allem Wachstum der Frauenerwerbstätigkeit hält sich innerhalb der Gesellschaft das Leitbild vom Mann als alleinigem Ernährer der Familie mit beachtlicher Zähigkeit. Dass nach einer Ceps-Studie vom August 1997 75 Prozent der hier zu Lande nicht berufstätigen Frauen ab 35 die Kindererziehung als Grund für die Unterbrechung ihrer Tätigkeit angaben, ist ein erstes Indiz dafür. Laut einer im März 2000 ebenfalls vom Ceps veröffentlichten repräsentativen Analyse zur Kinderbetreuung wollen von den kinderlosen Frauen bis 45 Jahre noch immer 30 Prozent eventuellen Nachwuchs ausschließlich selbst betreuen.

 

Auch der Ausgang von Scheidungsverhandlungen bringt die klassische Rollenverteilung noch nicht durcheinander. Statistiken gibt es dazu zwar nicht, doch nach Auskunft der Kanzlei am Bezirksgericht Luxemburg-Stadt würden Väter im Scheidungsfall ein Sorgerecht für ihre Kinder nach wie vor allem dann beantragen, wenn sie ihre Ex-Gattin "irgendwie erpressen wollen". Dass noch immer überwiegend die Mutter das Sorgerecht für die Kinder zuerkannt bekommt, sei andererseits im Interesse des Kindes, und nur in dessen Interesse werde vom Gericht entschieden: Ein Mann mit Fulltime-Job könne Probleme bekommen, falls er noch ein Kind zu versorgen hat. Da sei es besser, der solide verdienende Vater kommt per Alimente für sein Kind auf.

 

Peter Feist
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