Mozart im Reich von 1001 Nacht

Oper ist total langweilig

d'Lëtzebuerger Land vom 21.12.2006

So sieht es aus, wenn man Kindern Gutes tun will, ihnen kulturell Gutes angedeihen will, mit einem Hauch von Elitärem: den Besuch einer Kinderoper. Noch dazu einer von Mozart. Es handelt sich um eine kindgerecht umgearbeitete Adaption eines Best­sellers des österreichischen Starkomponisten, die 1782 uraufgeführte Oper Die Entführung aus dem Serail. Die TNL-Produktion ersetzt den spanischen Edelmann Belmonte, eine der Hauptfiguren der Oper, durch Mozart selbst und rückt so den Komponisten in den Vordergrund der Kinderoper Mozart im Reich von 1001er Nacht. Das macht Sinn in Zeiten, da Mozart den Kindern vor allem als gewitzter Lausbub aus der Zeichentrickserie Little Amadeus bekannt ist. In der relativ kurzen Aufführung wird erzählt, wie die Hauptdarsteller von Mozarts neuer Oper, mitsamt der Noten, vom Kalifen Bassa Salim in die ferne Türkei entführt werden. Mozart macht sich nun auf, Konstanze, Blondchen und Pedrillo aus den Fängen von Osmin, dem Diener des Kalifen, zu befreien. Der Plan sieht vor, Osmin mit einer Flasche Wein betrunken zu machen, um anschließend den Gefangenen mit einer Leiter zur Flucht aus dem Palast zu verhelfen. Doch Osmin kommt dazwischen und vereitelt den Plan. Letztendlich aber lenkt der vermeintliche Bösewicht ein und hilft der Truppe, die Uraufführung der Oper in Wien rechtzeitig zu erreichen. Mit einem wundersamen Teppichflug. Soweit das Resümee eines erwachsenen Zuschauers. Mein Sohn Felix (zielgruppengerecht vier Jahre alt) erzählt von einem bösen Mann ohne Haare, der zwei Prinzessinnen und Notenblätter klaut. Der gute Mozart kämpft mit dem Bösen und siegt! Irgendwo dazwischen tanzen die Kinder mit der „kleinen Prinzessin“ – das fand Felix wirklich toll. Die Kostüme waren schön, wunderschön, aber die Musik doch ziemlich langweilig. So Felix. So Osmin: „Oper ist total langweilig.“ Und so lautet der hehre Anspruch der Produktion: „Der frühe Kontakt mit dem Operngesang, klassischer Musik und dem Theater ist für viele Kinder ein prägendes Erlebnis. Durch Themen, die sie ansprechen, Darsteller, mit denen sie sich identifizieren können, und nicht zuletzt durch die Möglichkeit, selbst an der Handlung aktiv mitzuwirken, kann Oper für Kinder zu einem wirklich spannenden Erlebnis werden.“ „Warum singt die Tante denn so seltsam?“, fragt Chloé. Kinderoper, noch dazu eine von und mit Mozart, steht außerhalb der Kritik, außerhalb der gescheiten Analyse. Welche Kriterien sollte man auch anwenden? Die des Musikexperten? Die des Pädagogen? Die des Theaterkritikers? Oder die des Publikums, der Kinder? Kinder finden fast alle Bühnenspektakel, die mit schönen Kostümen, mit Tanz und Musik zu tun haben „flott“, vielleicht sogar „déck flott“. Erwachsene finden Oper eigentlich immer „beeindruckend“, schon wegen des hohen geistigen Anspruchs. Mit Kinderoper tun Erwachsene Kindern, nach ihrer Einschätzung, Gutes an, nach dem Motto: „Schaden wird es nicht, und irgendetwas bleibt schon hängen“. Wahrscheinlich ist das nicht verkehrt, denn zumindest wird das junge Publikum vom Autorenteam in seinen Erwartungen ernst genommen. Gezeigt wird eine gut inszenierte, klar strukturierte Aufführung, die die professionellen Qualitäten von Sängern und Musikern außer Frage stellt. Kinder machen ihr persönliches Erleben an Details fest, an schönen Schuhen, einer netten Melodie, einem farbigen Bild im Hintergrund. Insofern ist es müßig, sich Gedanken zur Rezeption eines Bühnenstücks bei Kindern zu machen. Allerdings darf ich, als erwachsener Zuschauer und als  Mutter, ein paar kritische Bemerkungen anbringen: Die Themen der Entführung aus dem Serail sind fürs Zielpublikum (vier bis neun Jahre) doch recht schwierig. Zumal die Erzählung in Deutsch dargeboten wird. Für Luxemburger Kinder scheint mir die Kinderoper erst ab sechs Jahre (statt der angegebenen vier Jahre) empfehlenswert zu sein. Was sollen Kinder mit Worten wie „Sklavin“, „Liebchen“, „Vivat Bacchus“ anfangen? Dass Kinder sich mit diesen verqueren Figuren identifizieren, scheint mir fragwürdig. Die Mitmach-Elemente sind auf merkwürdige Art ins Stück integriert und verlangen etwas zu viel von den jungen Zuschauern. Wer kann schon mit sechs Jahren eine Serenade singen? Aber dennoch: Opern für Kin­der werden selten programmiert, hauptsächlich von einigen spezia­lisierten Häusern in Deutschland und Österreich. Darum ist es toll, ganz toll, dass ein Luxemburger Thea­terhaus seit Jahren in diese Pro­duktionen investiert, und das mit großem Erfolg.

Mozart im Reich von 1001er Nacht, nach Motiven von W.A. Mozart, Libretto von Andreas Wagner, Inszenierung von Jacqueline Posing-Van Dyck, unter der musikalischen Leitung von Camille Kerger, Bühne und Kostüme von Christian Klein. Weitere Vorführungen heute abend, dem 22., sowie am 25. und 26. Dezember. Informationen im Internet unter www.tnl.lu.

 

Anne Schroeder
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