Die kleine Zeitzeugin

Der Wähler wählt, was er will

d'Lëtzebuerger Land vom 19.10.2018

Für alle jene, die immer denken, sie wüssten Bescheid, also wir alle, gibt es immer wieder Überraschungen. Etwas, mit dem niemand gerechnet hat, schon gar nicht die, die rechnen können.

Immer wieder kommt etwas daher, das auch die präzisesten Berechnungen über den Haufen wirft. Und die, die chronisch wissen, wie der Hase läuft, wohin, zu welchen Rattenfängern, die das sogar wittern und es dann twittern, geraten ganz durcheinander.

Es ist alles wieder gar nicht schlecht, nicht einmal in Bayern! Nix Weltuntergang, kein Hakenkreuz, nicht mal das gute alte Deko-Kreuz, Symptom unserer Kultur, kommt übertrieben zum Einsatz. Die Grünen tragen Lederhosen. Unsere Grünen vollführen Luftsprünge, denn es hat einen Quantensprung gegeben. Sie sind die wahren Sieger, die Sieger der Herzen, wer hätte das gedacht? Vielleicht, weil es so warm ist in letzter Zeit, wer soll uns sonst retten?, sie wirken stabil. Da können sie noch so obszöne Wörter wie Rad und Tram in den Mund nehmen und sich dann auch noch darauf und hinein setzen, und uns auch gleich mit.

Und die mit den besten Punkten, ernsthafte graue Männer, fallen durch. Schon wieder.

Das haben sie aber nicht verdient. Sie waren immer für uns da.

Alles bleibt also neu, komisch, wer hätte das gedacht? War das nicht als Intermezzo geplant? Ein nettes kleines pädagogisches Experiment? Lasst die Kids spielen, aber jetzt ist der Papp da. Genug mit dem Blödsinn, die Glocken läuten, und die Mamm ruft Iesse kommen! aus dem Fenster.

Es ist also alles wieder gar nicht so schlecht! Niemand muss die Droit-Maîtrise auf Letzeboiesch absolvieren oder auswendig lernen, was Croissant auf Letzeboiesch heißt. Und die, denen schlecht wurde schon im Voraus, müssen das große Kotzen stornieren. Und wundern sich: Haben die Expertinnen und die Medien und die Polit-Propheten und Oma-Orakel und so ziemlich alles Volk, ich, du, sie, er, es nicht auch kommen sehen, was doch kommen musste? Haben doch alle gesagt. War irgendwie so ein Gefühl, gell, ja, bestimmt, glaub ich auch. So eine Vorahnung. Es wird bestimmt ganz schauderhaft schrecklich!

Weil die Leute ja so sind wie sie sind. Und die Luxemburger_innen so sind, wie sie sind. So luxemburgisch eben.

Und alle schauderte es. Vor dem Kommenden.

Und dann kam es nicht.

Denn das Leben hält sich an nix, der Wähler sowieso nicht. Nicht mal der luxemburgische. Obschon die luxemburgische Wählerin zwar nicht unbedingt eine Aborigenee ist, aber doch schon eine Akklimatisierte. Warum wählt sie also nicht wie gemunkelt? Warum ist Wählerwesen so wählerisch? Wegen dem Angebot, es gibt so viele Parteien auf dem Markt, mehr als eine? Warum sagt Wählerwesen dies und tut das? Warum ist es so konfus, wegen all den grauen Männern, die graues Zeug reden? Es gibt aber auch eine Frau in einem roten Kleid, sie lacht immer.

Oder wegen der legendären Einsamkeit in der Wahlzelle, in der Wählerunwesen sein Kreuzzeichen macht. Und von der niemand weiß, was es dann befällt, vielleicht schaut die Urgroßmutter es an, oder Che Guevara, oder es flippt, wegen der Urne.

Es ist natürlich auch wahrhaft kompliziert, sich im Angebots-Kuddelmuddel zurecht zu finden. Die Auswahl ist so groß, für alle möglichen Zustände gibt es was Passendes, immer wieder gibt es welche, die mit Sonderangeboten locken. Bei einer Sorte gibt es nur Heimat. Wobei Wählerwesen oft ganz elementare Fragen hat, wenn es vor so einer Fernsehdebatte hockt. Ganz profane, egoistische. Wer gibt mir Geld?, zum Beispiel. Wer gibt mir mein Geld? Bei wem muss ich mich am kaputtesten arbeiten? Bei wem muss ich fürs Sterben am meisten zahlen? Oder fürs Leben?

Wer von denen ist am wenigsten abstoßend gut drauf?, grübelt es noch, dann befällt es ein komatöser Zustand, es wacht neben seinem Hund auf, betäubt. Irgendwelche Elefanten saßen da, erinnert es sich später vage, keine Elefantin, der Sound war eintönig. An mehr erinnert es sich nicht.

Und dann schreitet es zur Urne.

Michèle Thoma
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