Ausbruch der Revolution

Stadtdschungelkrieg

d'Lëtzebuerger Land du 02.09.2010

Heute loben wir den Ausbruch der Revolution. Das entsprechende Datum sollten sich alle kampfeslustigen Bürger jetzt schon auf ihrem Kalender rot umranden: am 17. September 2010 wird in der Helminger-Bausch-Stadt das urbane System kollabieren. Und zwar durch einen heimtückischen, kollektiven Anschlag auf den Lebensnerv der City, eine umfassende Guerrilla-Aktion, die auch noch freundlicher Weise von der Stadt unterstützt wird. Die Herrschaften möchten offenbar ihren eigenen Untergang fördern.

Der Umsturz trägt den Code-Namen „Park(ing) Day“ und sieht auf den ersten Blick aus wie eine weitere Kapriole der städtischen Abteilung „Design City“. Lassen wir uns nicht täuschen. Der harmlos anmutende Begriff „Design City“ kaschiert ein gefährliches Konzept. Es geht darum, mittels Hallodri und Trallala langsam aber sicher die Stadt kaputt zu machen. Daran möchten wir uns gerne beteiligen. So einfach geht das : am 17. September dürfen wir alle nach Lust und Laune einen Parkplatz besetzen und aus dem „Parking“ im Handumdrehen ein Stück „Park“ mitten in der Betonwüste machen. Wir vertreiben tatsächlich die Automobile aus ihrem angestammten Stadtgehege, mit voller Zustimmung der Stadtverantwortlichen. Es genügt, einen Parkschein zu lösen. Auch an der Revolution möchte die Stadt schließlich ein bisschen mitverdienen.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, was wir auf unserem gekaperten Parkplatz treiben. Wir müssen nur unsere grenzenlose Phantasie spielen lassen. Überaus kooperativ teilt uns die Stadt schon im voraus mit, was alles in Frage kommen könnte: ein öffentlicher Massagesalon, ein Hühnerstall, ein Schachturnier, eine Hochzeitszeremonie, ein Kompostatelier. Jede Revolution ist eben farbig und voller kreativer Überraschungen. Da wird uns schon noch was Knuspriges einfallen.

Im Mittelpunkt der Revolution aber steht der Krieg gegen die Autofahrer. Unser einziges Problem am 17. September wird sein: Wie können wir rechtzeitig einen Parkplatz ergattern, um einem anderen arbeitswilligen Bürger den Parkplatz vor der Nase wegzuschnappen? In dieser subversiven Strategie liegt der wesentliche Sprengsatz der Aktion. Indem wir die Automobilisten verjagen und Mumpitz veranstalten auf einem zweckentfremdeten Parkplatz, sabotieren wir in Wirklichkeit die Arbeitskraft. Am 17. September sollen wir der arbeitenden Bevölkerung eins auswischen. Sie soll begreifen, dass in der Helminger-Bausch-Stadt fortan nicht mehr gearbeitet wird. In den vertriebenen Automobilen hocken nämlich die vorsätzlich gelähmten Arbeitstiere. Wir entziehen ihnen zackzack bumbum die Arbeitsgrundlage. Das ist der Anfang vom Ende.

Schön ist das nicht, aber wer will beim Ausbruch einer Revolution noch lange über Ästhetik debattieren? Es wird ungerecht zugehen, soviel ist klar. Auf all den beschlagnahmten Parkplätzen werden natürlich nur Menschen sitzen, die nicht arbeiten oder nicht zu arbeiten brauchen. Es ist das letzte Gefecht der fun society gegen die nützlichen Idioten, die sich einbilden, sie müssten auch am 17. September unbedingt zur Arbeit fahren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese arbeitsbesessenen Zeitgenossen haben den Geist der Helminger-Bausch-Stadt nicht begriffen. Es geschieht ihnen recht, dass sie an jenem Tag kläglich an einer riesigen Sperrzone scheitern. Eine Revolu-tion im event-Zeitalter kann nicht auch noch Rücksicht nehmen auf fun-resistente Quertreiber.

Am Abend des 17. September wird die Hauptstadt – strukturell gesprochen- in Trümmern liegen. Im perfekten Autochaos liegt die Wurzel der Verwüstung. Und am 18. September werden auf allen Parkplätzen nur noch euphorisch gestimmte, innerlich und äußerlich befreite Stadtbürger ohne fahrbaren Untersatz anzutreffen sein. Die neue, aus der Revolution geborene Stadt wird eine einzige Amüsiermeile sein. Leben in der City wird fortan heißen: Feiern bis zum Umfallen. Aber immer schön innerhalb der Parkplatzgrenzen bleiben! Diese Grenzen sind nicht umsonst weiß markiert. Ein bisschen Ordnung muss sein, auch nach der Revolution. Wer seinen Parkplatz unbefugt verlässt und ziellos in der Stadt umherschwebt, muss mit erheblichem Widerstand rechnen. Die Parkplatzwächter haben jetzt schon Anweisung, jeden Parkplatzmissbrauch gnadenlos zu bestrafen. Und jeden Tag bitte sofort den Parkschein lösen!

Wie gut, dass die Stadt über eine Einrichtung namens „Design City“ verfügt! Das Design bestimmt das Bewusstsein. Wer sich ins eigene Knie schießt, sollte mit künstlerischer Treffsicherheit zu Werk gehen. Der Künstler ist das künftige Stadtoberhaupt. Wir können übrigens gern verraten, was wir am 17. September auf unserem konfiszierten Parkplatz aufführen: Wir werden Konfetti verstreuen, und wieder einsammeln, und wieder verstreuen, und wieder einsammeln, den ganzen lieben, langen Tag. Wieso? Keine Ahnung. Ist doch schön bunt, oder?

Guy Rewenig
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