Old vs new space

d'Lëtzebuerger Land vom 02.08.2019

Auf kein Schwätzchen Es ist noch nicht zu lange her, da nutzte die SES-Leitung die Gelegenheit der Vorstellung ihrer Halbjahresergebnisse für ein ausgiebiges Schwätzchen mit Journalisten beim Mittagessen im Betzdorfer Schlosshof, um über die neuesten Entwicklungen und Herausforderungen zu informieren. Diese Tradition des lockeren Austauschs bei sonnigem Wetter ist abgeschafft. Wahrscheinlich weil die Herausforderungen in den vergangenen Jahren zugenommen haben und man nicht mehr Aufmerksamkeit als notwendig auf diesen Umstand lenken möchte. Denn beim Konferenzgespräch mit den Finanzanalysten am vergangenen Freitag musste die Firmenleitung so einiges einstecken. „You had a rough couple of years“, bemerkte ein Analyst, der vergewissert werden wollte, dass es nun wieder bergauf gehen würde. SES, eines der wenigen Luxemburger Unternehmen, die noch an der Börse notiert sind, gelang es zwar, die eigenen Vorhersagen und die Erwartungen der Analysten mit seinen Halbjahresergebnissen zu erfüllen. 961,4 Milliarden Euro Umsatz in den ersten sechs Monaten 2019, ein Ergebnis vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen (Ebitda) von 584,5 Millionen Euro und ein Nettogewinn von 169,2 Millionen Euro. Aber die Erwartungen waren niedrig. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018 ging der Umsatz um zwei Prozent, das Ebitda um 5,9 Prozent und der Gewinn um 25,7 Prozent zurück. Dabei war wie gesagt, schon 2018 „rough“ und, wie ein Analyst bemerkte, bewegte sich SES damit am unteren Ende der Erwartungsskala. Viel wussten die Firmenchefs diesen Anmerkungen nicht entgegenzusetzen, außer mit Zuversicht zu versprechen, sie würden das Soll im zweiten Semester erfüllen. Kanpp unter 15 Euro kostete eine SES-Aktie am Mittwoch; innerhalb der vergangenen vier Jahre hat sich ihr Wert mehr als halbiert. Ob der Fleuron der Luxemburger Wirtschaft, einst das größte Satellitenunternehmen der Welt, etwa welkt?

Von Broadcast zu Breitband Lange Jahre verdiente SES gutes Geld mit der Übertragung von Fernsehinhalten. Die Haushalte kauften einen Decoder und eine kleine Schüssel, die sie an der Fassade oder am Balkon befestigten und auf einen der SES-Satelliten ausrichteten. So empfingen sie das allabendliche Programm, wie es die Macher von Fernseh-Programmen gestalteten. Als die Sender anfingen, ihre Programme in HD auszurichten, war das anfangs gar keine so schlechte Neuigkeit für die SES, stieg doch das Datenvolumen. Aber den Konsumenten, daran gewohnt, sich im Internet gezielt Inhalte auszusuchen, vergeht mehr und mehr die Lust darauf, sich von den Sendern vorschreiben zu lassen, was sie sehen sollen. Lieber streamen sie on demand, was ihnen gefällt. Dafür brauchen sie weniger eine Schüssel und einen TV-Decoder als eine Hochgeschwindigkeitsinternetverbindung. Die kommt in Europa eher über im Erdreich verlegte Kabel ins Haus, als über Satellitensignal. Deshalb ist die Konkurrenz von Netflix, Amazon-Prime und anderen Streaming-Plattformen eine Herausforderung für die TV-Sender, aber auch für die Satellitenunternehmen, deren Infrastruktur auf die Übertragung von TV-Inhalten ausgerichtet ist. So versuchen die kommerziellen Satellitenbetreiber, sich vom Anbieter von TV-Inhalten für Endkunden in Netzwerkanbieter zur Datenübertragung zu verwandeln – schließlich eignet sich ihr Gerät auch dafür, zumindest theoretisch.

Den Finanzanalysten und Investoren erklärt SES deshalb schon länger, der Umsatzanteil aus dem TV-Geschäft werde zurückgehen und der aus der Netzwerksparte werde steigen. Betrug der Umsatzanteil der TV-Sparte vergangenes Jahr noch 68 Prozent und der aus der reinen Netzwerkaktivität 32 Prozent, sind es dieses Jahr nur noch 65 Prozent beziehungsweise bereits 35. Bis 2020 soll der TV-Anteil am Jahresumsatz, der dann zwischen 2,060 und 2,160 Milliarden Euro betragen soll, nur noch bei 60 Prozent liegen, mit der Netzwerksparte sollen dann 40 Prozent des Jahresumsatzes erzielt werden. Das Problem ist nur: Das TV-Geschäft ist bisher deutlich rentabler als das Satelliten-Internet. Mit seinem Video-Angebot deckt SES 99 Prozent der Erde ab und erreicht 355 Millionen Haushalte. Mehr als eine Milliarde Menschen schauen über SES fern. Das Fernsehgeschäft bot dem Unternehmen nicht nur gute Ergebnisse, sondern auch Planbarkeit über langfristige Verträge mit den Sendern. Diese erlaubten es, die geostationären Satelliten, groß wie ein Bus und in 35 000 Kilometern meist mit Einweg-Raketen für viele Millionen auf Orbit geparkt, zu rentabilisieren.

Von Geo zu Meo Für das reine Internet-Geschäft eignen sie sich nur bedingt, aufgrund ihrer Konfiguration und der großen Entfernung. Deshalb begann SES bereits 2009, in eine andere Technik zu investieren, nicht Geo-, sondern Meo-Satelliten. In etwa 8 000 bis 9 000 Kilometern Entfernung, im medium earth orbit, ist das Gebiet, das sie abdecken, nicht so groß. Deshalb funktionieren sie in einem System aus vielen Satelliten. Zu den Investoren in das Projekt, das ursprünglich die drei Milliarden Menschen ohne Internetzugang anschließen sollte und deshalb O3B für „other three billion“ hieß, gehörten auch die Internet-Firma Google und die Großbank HSBC. Vor drei Jahren übernahm SES die Firma vollständig, die nun 20 Meo-Satelliten betreibt. Vergangenen Herbst erklärte SES-CEO Steve Collar bei einer Konferenz in Mountainview, in Zukunft sollten auch die geostationären Satelliten der SES stärker nach dem Modell der O3B-Satelliten konzipiert werden, wie der Branchendienst spacenews.com berichtete. Kurz zuvor hatte SES IBM als Kunden für Cloud-Dienste gewinnen können. Mit neuen Satelliten-Generationen, auch für das O3B-System, versucht SES, den Wandel zum Internet-Cloud-Anbieter aus einer Hand zu schaffen. Doch obwohl die Netzwerksparte wächst, unter anderem weil SES als Wifi-Provider für Passagier-Fluggesellschaften und Kreuzfahrt-Reedereien fungiert, statt Internet in die Sahara oder den Amazonas zu bringen, stimmt bisher in diesem Geschäft die Rendite nicht ganz. Weshalb die Zuwachsraten in der Netzwerksparte (plus fünf Prozent im ersten Halbjahr 2019) die Verluste in der Video-Sparte (minus 8,8 Prozent) bisher finanziell nicht wettmachen können. Betrug die Ebitda-Marge 2015 noch 74,2 Prozent und die Gewinnmarge 33,5 Prozent, was bedeutet, dass von jedem Euro Umsatz 33,5 Cent als Gewinn übrigblieben, war die Ebitda-Marge 2018 auf 62,5 Prozent und die Gewinnmarge auf 14,2 Prozent gesunken.

UFO-Alarm Zwar preist SES ihre SES-Meo-Satelliten-Konstellation bisher als „einzigartig“ an, was unterstreichen soll, dass die Betzdorfer einen Wettbewerbsvorteil haben. Lange wird er indes wahrscheinlich nicht halten. Denn die Konkurrenz wächst. Ende Mai mehrten sich die UFO-Sichtungen schlagartig. Elon Musk, Paypal- und Tesla-Milliardär, der mit dem Raktensystem Space X um die Jahrtausendwende ins Weltraumgeschäft einstieg, hatte von Cape Canaveral aus 60 Minisatelliten für seine Starlink-Konstellation am Firmament verteilt. Weltraum-Enthusiasten filmten das Ereignis und auf ihren Bildern zieht eine Lichterkette durch den Nachthimmel als ließe Santa Claus seinen Schlitten von einer besonders großen Rentierkolonne ziehen. Unglaubliche 12 000 solcher 225-Kilo-Satelliten plant Musk im low earth orbit (Leo) in 400 Kilometer Entfernung von der Erde zu platzieren, um billiges Breitband-Internet in jeden Winkel der Erde zu beamen. Sein Star-Link wird eine dritte Ebene Satelliten in den Himmel ziehen.

Und Musk ist nicht der einzige Milliardär, der sein Vermögen ins All schießt. Amazon-Gründer Jeff Bezos steht hinter dem Projekt Kuiper, das plant, über 3 200 Mini-Satelliten in Leo-Position zu bringen, um ... Breitband-Internet in jeden Winkel der Erde zu beamen. Virgin-Milliardär Richard Branson und weitere Investoren haben in das Projekt One Web investiert, das ab kommenden Jahr 650 Leo-Satelliten bauen und platzieren will, um, jawohl, Breitband-Internet in jeden Winkel der Erde zu beamen.

Angesichts dieses Wirbels titelte die belgische Zeitung Le Soir Anfang Juli daher: „Les constellations, révolution des satellites“. Anfang Juni 2003, also 16 Jahre zuvor, hatte die französische Zeitung Le Figaro gemeldet: „L’échec des constellations pèse dur sur toute l’industrie.“ Da hatte ein anderer Internet-Milliardär namens Bill Gates sein Neun-Milliarden-Dollar-Projekt Teledesic abgebrochen, das vorsah, mit 288-Leo-Satelliten weltweit Breitband-Internet und mobile Telefonverbindungen zu ermöglichen. Etwa zeitgleich fror Alcatel sein Projekt Skybridge ein; 80 Satelliten für fünf Milliarden Euro. So billig und damit so erträglich, wie geplant, würden die Systeme nicht werden, hieß es damals. Die Zeitung konstatierte das Platzen einer Telekom- und Satelliten-Blase, zu deren Überlebenden sie SES zählte. Fünf Jahre lag der Börsenstart von SES damals zurück. Beim Börsendebüt 1998 bezahlten die Anleger 6 000 Franken für ein SES-Zertifikat, das damals – die Telekom hatte es in Deutschland vorgemacht – als Volksaktie angepriesen wurde. Das entspricht 147 Euro. Bald 31 Jahre später ist die SES-Aktie an der Börse mit 14,8 Euro fast auf den Cent genau ein Zehntel ihres Startpreises wert. Dass die Satelliten-Branche, anstatt sich zu konsolidieren, immer mehr zersplittert und auch alt eingesessene Marktgrößen wie SES Probleme haben, die Rentabilität zu halten, ist ein Element, auf das Marktkenner hinweisen, wenn sie versuchen, die Erfolgsaussichten von Projekten wie Starlink, Kuiper und One Web zu bewerten. Die Skepsis hält an, ob sie es schaffen, wirklich billiger zu sein und sich gegen andere Techniken durchzusetzen. Eine „globale Reichweite“ ist mehr als fraglich; dafür müsste China seinen Markt öffnen, was angesichts der sich zuspitzenden Konflikte im Handels- und im Telekombereich derzeit eher unwahrscheinlich ist. So dass sich die Akteure des New Space, bis auf Weiteres mit den Akteuren des Old Space, um die gleichen Märkte und Kunden streiten werden. Ob die Grande Dame der Luxemburger Weltraumwirtschaft, die den Bemühungen der Regierung, im Bereich des New Space Fuß zu fassen, Legitima­tion verschaffen soll, als Gewinner hervorgeht, bleibt abzuwarten. Doch während Musk, Bezos und Branson mit ihren eigenen Milliarden um sich werfen, hatten bei der SES Luxemburger Kleinanleger und der Staat ihr Geld investiert. Bisher hat es sich zumindest für die Kleinanleger nicht gelohnt.

Michèle Sinner
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