Laboratoires Ketterthill

Der Ex-Patron klagt an

d'Lëtzebuerger Land du 04.12.2015

Am 6. Juni 2011 hat Jean-Luc Dourson ein Ziel erreicht, auf das er drei Jahre lang hingearbeitet hat. Die Übernahme seiner Laboratoires Ketter-thill durch Cerba European Lab, Europas zweitgrößten Laborkonzern, hat begonnen. Am 27. Juli 2011 ist sie perfekt.

Im Gegenzug ist der frühere Inhaber und Chef des größten Luxemburger Privatlabors für biomedizinische Analysen Aktionär von Cerba geworden und Mitglied des Konzernvorstands, der in Saint-Ouen l’Aumône bei Paris sitzt. Als delegierter Verwaltungsrat der Laboratoires luxembourgeois d’analyses médicales S.A. (LLAM), der Ketterthill-Betreibergesellschaft, deren Alleinaktionär er vorher war, leitet Dourson die Luxemburger Labors auch weiterhin. Ihr Marktanteil im Großherzogtum liegt bei 56 Prozent. Sie beschäftigen 220 Mitarbeiter und betreiben mit 64 über Land verteilten Blutentnahmezentren so viele wie kein anderer Luxemburger Laborbetrieb.

Vier Jahre später, im Juli 2015, hat der studierte Pharmazeut mit einem PhD in klinischer Biologie vor dem Untersuchungsrichter des Bezirksgerichts Luxemburg Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Die Vorwürfe lauten auf Veruntreuung von Firmenvermögen und auf Fälschung. Wobei Klage gegen Unbekannt erhoben wurde, damit der Untersuchungsrichter vielleicht noch unbekannte Verbindungen in der Affäre ermittle. Die Klageschrift, die das Land sich beschaffen konnte, hat bereits Cerbas Konzernspitze im Visier, wenn es heißt, Ketterthills Vermögen sei „unrechtmäßig“ und „in betrügerischer Weise“ angezapft worden.

Die Geschichte beginnt Mitte April 2013. Bei der LLAM hat man soeben den Jahresabschluss 2012 fertiggestellt. Da treffen aus der Cerba-Zentrale zwei Rechnungen über „Managementgebühren“ ein, die LLAM der Konzernmutter schulde: 171 458 Euro für das Jahr 2011 und 414 608 Euro für 2012. Cerba wünscht, dass die Rechnungen noch in die Konten für 2012 aufgenommen werden. Auch die Rechnung für das Jahr zuvor, obwohl dessen Bilanz längst beim Handelsregister hinterlegt ist.

Der LLAM-Finanzdirektor fragt beim Chefbuchhalter von Cerba an, was für Gebühren das sind und ob es einen Vertrag über „Management-Dienstleistungen“ zwischen dem Mutterhaus und dem Tochterbetrieb in Luxemburg gibt. Er erhält zur Antwort, der Vertrag sei noch „in Ausarbeitung“. Der LLAM-Finanzchef weist darauf hin, dass man sich dabei auf sensiblem Terrain bewege. Zahlungsvorgänge zwischen Konzernteilen in verschiedenen Staaten unterlägen den Bestimmungen über Verrechnungspreise und jegliches Transfer pricing würde von den Steuerbehörden scharf überwacht. PWC Luxemburg, das die Konten von LLAM prüft, werde diesen Vertrag ebenfalls benötigen. Cerbas Chefbuchhalter entgegnet, die Anwälte des Konzerns kümmerten sich darum. Das fertige Dokument werde LLAM schnellstmöglich zugeschickt.

Doch als knapp drei Monate später, Anfang Juli 2013, eine weitere Rechnung über Managementgebühren eintrifft, diesmal über 209 506 Euro für das erste Halbjahr 2013, liegt der Dienstleistervertrag noch immer nicht vor. Man arbeite daran, erfährt der LLAM-Finanzchef auf erneute Nachfrage bei der Konzernzentrale hin. Auch als Cerba Ende September 2013 eine vierte Rechnung schickt und 84 400 Euro für das dritte Quartal 2013 haben will, sind die angeblich geleisteten Services noch ohne vertragliche Basis.

Bezahlt werden die vier Rechnungen von LLAM trotzdem. Was wollte man auch sonst tun? Nach Jean-Luc Doursons Darstellung in der Klageschrift habe es sich dabei jedoch um „unrechtmäßige Punktionen“ aus der Trésorie der LLAM nicht nur gehandelt, weil es keinen Vertrag gab. Die Luxemburger Labors hätten für das Geld auch „keinerlei reelle Gegenleistung“ erhalten. Überdies habe Ketterthill „Support-Dienstleistungen“ der Konzernzentrale gar nicht nötig gehabt: Was nicht zum Kerngeschäft, den biomedizinischen Analysen, gehörte, habe Ketter-thill immer allein erledigt und finanziert.

Hatte bis dahin der LLAM-Finanzchef mit der Cerba-Zentrale konferiert, schaltet Dourson sich im November 2013 selber ein und verlangt von Cerba-Vorstandspräsidentin Catherine Courboillet Aufklärung. Die wundert sich, dass Dourson über die Dienstleistungs-Beziehung zwischen Zentrale und Tochterbetrieb nicht im Bilde sein will, und bestreitet, dass es sich um unrechtmäßige Zahlungsforderungen handle. Doch wie der LLAM-Finanzchef zu Protokoll gegeben hat, wurde er im Dezember 2013 von Cerba aufgefordert, in seinen E-Mails nachzuschauen, ob irgendeine Nachricht Doursons darauf hindeuten ließ, dass dieser sein Einverständnis zu den Management-Dienstleistungen gegeben hat. Oder ob eine Unterschriftendelegation glauben machen könne, dass Dourson einverstanden war. Gefunden worden sei ein solcher Hinweis nicht.

Dafür jedoch habe die Cerba-Zentrale mitgeteilt, PWC Luxemburg kontaktieren zu wollen, um gemeinsam die „Risiken“ der Gebührenabrechnungen auszuloten, und eine externe Anwaltskanzlei werde beauftragt, „eine Dokumentation vorzubereiten, die diese Abrechnungen rechtfertigen“ könne. An ihrer Rechtmäßigkeit konnte man demnach zweifeln. Insgesamt hatte die Konzernzentrale bis dahin 879 972 Euro vom Ketterthill-Betreiber eingefordert.

Und anscheinend arbeitete Cerba European Lab im Herbst 2013 daran, all seinen Filialen rückwirkend derartige Kosten in Rechnung zu stellen. Als zweitgrößter Akteur im europäischen Analyse-Geschäft betreibt Cerba auch Labors in Frankreich und in Belgien. Seit 2010 gehört Cerba zu 77 Prozent dem größten französischen Private Equity Fonds, PAI Partners. Fondsbeteiligungen sind in der Biotech-Branche nicht selten. Private Equity Fonds verkaufen ihre Beteiligungen in der Regel nach fünf Jahren Jahren weiter, nicht ohne dabei einen ansehnlichen Gewinn einzufahren. Am 20. November 2013 lässt Cerba die Filialen wissen, es werde kurzfristig ein Groupement européen d’intérêt économique gegründet, um die konzerninternen Dienstleistungen und Finanztransfers „zu organisieren“. Damit sind mehrere Filialchefs nicht einverstanden, vor allem, weil Cerba das GEIE schnell schaffen will. Schließlich wird das Vorhaben verschoben.

Als bei der Luxemburger Filiale am 11. Dezember 2013 eine fünfte Rechnung über 99 014 Euro Managementgebühren für das vierte Jahresquartal eingeht, stellt Dourson sich quer. Der delegierte Verwaltungsrat teilt der Cerba-Präsidentin mit, er lehne die Zahlung ab und verlange die Rückerstattung aller bisher überwiesenen Gebühren. Außerdem kündigt er an, seinen Kontenrevisor PWC Luxemburg einzuschalten. Die Weihnachtsferien vergehen. PWC Luxemburg drängt den LLAM-Hauptbuchhalter, endlich die Vertragsbasis für die Managementgebühren vorzulegen. Am 10. Januar 2014 trifft bei LLAM eine E-Mail aus der Konzernzentrale ein. Angehängt ist ihr eine Word-Datei mit einer Convention animation services zwischen dem Konzern und der Luxemburger Tochter, die Dourson unterzeichnen soll.

Es ist ein Freitag, spätnachmittags. Dourson selber erhält die E-Mail nicht. Sein Finanzdirektor empfängt sie und gibt sie an Dourson weiter. Der muss feststellen, dass die Konvention auf den 6. Juni 2011 rückdatiert ist, jenen Tag, an dem der Übernahmeprozess von Ketterthill/LLAM durch Cerba European Lab begann.

Am Montag danach schreibt Dourson Cerbas Vorstandschefin, die auch Verwaltungsratspräsidentin von LLAM ist, er fordere die Einberufung des Verwaltungsrats, damit der „alle Schlüsse“ aus dem „illegalen Vorgehen“ der Cerba-Konzernspitze ziehe. Am nächsten Tag wird Dourson fristlos aus seinen Ämtern gefeuert. Die Cerba-Chefin gibt ihm drei Tage für seinen Abgang von Ketterthill. Er habe „wiederholt dem Konzernmanagement widersprochen“, dessen Kompetenz „bestritten“ und die Cerba-Gruppe „destabilisiert“. Das sei ein „schwerwiegender Fehler“ gewesen. Am LLAM-Sitz, damals noch im Gewerbegebiet Um Monkeler in Esch/Alzette, wird das Personal zusammengerufen. Die aus Frankreich angereiste Vorstandspräsidentin erzählt den Mitarbeitern, Dourson sei „illoyal und gefährlich“ gewesen.

Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende. Seine Vorwürfe, Firmenvermögen der LLAM S.A. sei veruntreut und dazu auch zu Fälschungen gegriffen worden wie der rückdatierten Konvention, macht Dourson noch an weiteren Indizien fest. Am 16. Januar, zwei Tage nach seinem Rauswurf, habe LLAM eine neue Konvention über Management-Dienstleistungen erhalten. Sie war rückdatiert auf den 31. Dezember 2013 und unterschrieben von Cerba-Ganeraldirektor Jêrome Thill im Namen der Konzernmutter und Cerba-Vorstandschefin und LLAM-Verwaltungsratspräsidentin Courboillet im Namen der Luxemburger Filiale. Dabei war Ende Dezember 2013 Dourson noch im Amt und laut LLAM-Statuten allein er als delegierter Verwaltungsrat und kein anderes Verwaltungsratsmitglied berechtigt, die Gesellschaft gegenüber Dritten zu vertreten.

Am selben Tag habe, weiß Dourson, eine Telefonkonferenz zwischen dem Cerba-Chefbuchhalter, dem LLAM-Finanzdirektor und dem LLAM-Hauptbuchhalter sowie Vertretern von PWC Luxemburg und PWC Frankreich stattgefunden. Dabei kamen auch die Managementgebühren zur Sprache. Der LLAM-Finanzdirektor sei „schockiert gewesen zu hören, wie einer der Vertreter von PWC Frankreich“, Kontenrevisor des Cerba-Konzerns, dessen Chefbuchhalter „riet, ein rückdatiertes Dokument zu erstellen, das die fraglichen Zeiträume umfasse“. Der Zuständige von PWC Luxemburg habe nach der Konferenz erklärt, ein solcher Ratschlag seitens des Kontenprüfers des Konzerns sei „überraschend“.

Letzten Endes, so Dourson in seiner Klageschrift, seien die fünf Rechnungen über insgesamt eine knappe Million Euro Managementgebühren Teil einer größeren Operation gewesen: Nach einer „kostspieligen Refinanzierungsaktion“ habe Cerba Geld gebraucht.

Bereits im Januar 2013 hatte die Cerba-Spitze Dourson mitgeteilt, zur Refinanzierung des Konzerns werde man eine Obligation zum hohen Zinssatz von sieben Prozent herausgeben. Damit sollten Bankschulden von Cerba beglichen werden. Von dem Vorhaben erfuhr Dourson als Aktionär. Nicht aber als Cerba-Vorstandsmitglied, zu dem er eigentlich nach der Übernahme der Ketterthill-Labors werden sollte, in Wirklichkeit aber nie gemacht worden sei. Deshalb habe er an der Diskussion der Refinanzierungspläne der Cerba-Gruppe auch nicht teilgenommen. Durch Vorstandspräsidentin und Generaldirektor unter Druck gesetzt, habe er als Aktionär der Herausgabe der Obliga-tion jedoch zugestimmt.

Die finanziellen Auswirkungen auf die Luxemburger Filiale lassen nicht lange auf sich warten. Im April 2013 erhält sie eine Rechnung über 425 803 Euro operationelle Kosten und knapp 1,7 Millionen Euro anteiliger Anwaltskosten zur Vorbereitung der Emission von Cerbas Obligation. Letztere steigen am Ende auf 1,8 Millionen Euro, da die französische Mehrwertsteuer in Luxemburg nicht absetzbar ist. Weitere 2,5 Millionen Euro Mehrkosten entstehen der LLAM S.A., weil Cerba European Lab beim Konzernbeitritt der Luxemburger Labors deren Bankschulden übernahm, was nun durch die kostspielige Obligation mit refinanziert wird: Während für diese ein High-Yield-Zinssatz von sieben Prozent gilt, hatte Ketterthill von der Spuerkeess Kredit zu lediglich 2,5 Prozent Jahreszins erhalten.

Erst im Dezember 2013 erhält Dourson Kenntnis davon, so die Anklageschrift, dass das Konzernmanagement schon Ende Januar jenen Jahres einen internen Kredit der Cerba-Zentrale an LLAM über rund 24 Millionen Euro organisiert hat, für den ebenfalls der hohe Zinssatz von sieben Prozent gilt. Der Vertrag trägt für LLAM die Unterschrift der Cerba-Vorstandschefin und LLAM-Verwaltungsratspräsidentin – was wiederum, so Doursons Anklageschrift, eine „völlige Missachtung“ der LLAM-Statuten und der Zuständigkeiten des delegierten Verwaltungsrats gewesen sei.

Der Anklageschrift ist auch zu entnehmen, dass der LLAM-Finanzdirektor bei seinem ersten Besuch in der Cerba-Zentrale zu hören bekam, die Luxemburger Filiale sei der „Rolls-Royce“ und die „Cash-machine“ der Gruppe – wegen ihrer Rentabilität und ihres Organisationsmodells, das viel fortgeschrittener sei als die der anderen Laborbetriebe des Konzerns. Wie Jean-Luc Dourson die Dinge schildert, ist dem nicht mehr viel hinzufügen. Außer, dass der Umsatz der Laboratoires Ketterthill 2014 bei 35,5 Millionen Euro lag und zu 93 Prozent von der öffentlichen Krankenversicherung und damit der Luxemburger Allgemeinheit finanziert wurde.

Peter Feist
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