Kino

Ein trompe-l’œil des feministischen Films

d'Lëtzebuerger Land vom 02.08.2019

Nachdem Regisseur Luc Besson (Léon, 1994) im vergangenen Jahr wegen sexueller Belästigung und Vergewaltigung angezeigt worden war, wurde sein neuester Film immer wieder verschoben. Nach Einstellung des Verfahrens kommt der Spionagethriller Anna nun doch auf die Leinwand – und er mutet in gewisser Weise wie Bessons Reaktion auf ebendiese Vorwürfe an.

Anna (Sascha Luss) arbeitet zeitgleich als angesagtes Model in Paris und als hochprofessionelle Agentin für den KGB. Als aber die CIA auf sie aufmerksam wird, beginnt sie sich zusehends in einem Netz aus Intrigen, Täuschungen und Lügen zu verstricken, das darauf hindeutet, dass sie kein gutes Ende nehmen wird ...

Luc Besson entstammt noch dem (heute nicht mehr ganz so) Jungen Französischen Kino der 80er-Jahre, dem cinéma du look. Seine Hingabe zur äußeren Formgebung hat er auch in Anna noch nicht verlernt, wenngleich seine aufdringliche Vehemenz nachgelassen hat: eine dynamische und rhythmische Montage, lang schweifende Kamerafahrten. Sascha Luss wirkt wie eine Kopie früherer Besson-Figuren, Helen Mirren ist als kettenrauchende KGB-Vorgesetzte mit ihrem Hang zur Übertreibung sogar nah an der Parodie, und der finstere KGB-Chef entspricht genau dem stereotypen Bild des bösen Russen.

Überhaupt obsiegen bei Besson die Konventionen des Genres: Wie es sich für eine gute Auftragsmörderin des Geheimdienstes gehört, werden Verbrechen, Mord, Erpressung emotionslos ausgeführt und sind auf keine sinnstiftend-nachvollziehbare Aggression zurückzuführen. Tötung findet en passant statt. Und dabei sind Gefühle ohnehin eine sehr gefährliche Angelegenheit. Da gibt es Spione, die mit den Agenten der anderen Seite schlafen, um ihnen wertvolle Informationen zu entlocken. Das ist hier wohl – mit Blick auf den bekanntesten britischen Spion im Dienste seiner Majestät – als postmodernes Zitat zu verstehen, dass nun, in einer Inversion der Geschlechterrollen, die Spionin gleich mit mehreren Männern schläft. Individuelle Bindungen sind gefährlich in diesem Spionagespiel des Scheins und der Täuschung. Georg Seeßlen spricht in Bezug auf den Spionage-Thriller sogar von einem „‘Trompe-l’œil‘ der Gefühle“.1 So mag Annas überwiegende Abwesenheit von Gefühlen anfangs ganz entsetzlich erscheinen, allmählich werden aber ihre wahren identitären Bedürfnisse und Wünsche offenbar. Dies passiert im Film auf äußerst konstruierte Weise: Die narrativen Verschachtelungen über mehrere Zeitebenen hinweg sind metaphorisch an die Matrjoschka-Puppe angelehnt, sie werden nach und nach aufgedeckt, und so muss auch die Frage um Identität immer neu verhandelt werden.

Im Kino hat mittlerweile eine (pseudo-) feministische Tendenz nicht nur Einzug gehalten, sondern auch an Einfluss gewonnen, die mit dem maskulinen Subjekt aus männerdominierten Filmgenres zu konkurrieren versucht: Salt (mit Angelina Jolie, 2010), Atomic Blonde (mit Charlize Theron, 2017), Red Sparrow (mit Jennifer Lawrence, 2018) und nun Anna (2019). Diese Bewegung lässt sich wohl zurückführen auf die metoo-Debatte, die zuvorderst durch den Skandal um Harvey Weinstein ausgelöst wurde. Wer glaubt, Männlein und Weiblein zählen und dann einfach austauschen zu müssen (man denke an Ocean’s 8), handelt an und für sich am Problem vorbei. Ist nicht zu fragen: Wie kann eine weibliche Figur das Genre sinnvoll fortschreiben, modifizieren, erneuern?

Egal wie man die aktuelle „feministischen“ Umbrüche im Kino auch bewerten mag, eins lässt sich an Anna unschwer ablesen: So unverhohlen männlich dieser Kamerablick ist, so augenfällig wird da männliche Schaulust befriedigt. Das ist bei Besson auch kaum verwunderlich, ist er doch bereits zuvor mit Isabel Adjani, Natalie Portman, Mila Jovovich, Cara Delevingne oder Scarlett Johansson als Regisseur auf den Plan getreten, der seine Frauenfiguren als Kunstgestalten überhöht und als berauschende Männerfantasie feiert. Das erscheint mir wenig diskussionsfördernd oder gar geistreich. Wenn nun auch noch James Bond, ob vorübergehend oder nicht, tatsächlich zur Frau werden soll, dann scheint sich dieser Trend indes zu festigen ...

1 Georg Seeßlen (2013): Filmwissen: Thriller. Grundlagen des populären Films. Marburg: Schüren, S. 15.

Marc Trappendreher
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