Recht auf Kinderbetreuung

Chaostheorie

d'Lëtzebuerger Land du 05.02.2009

„Wer rasch gibt, gibt doppelt.“ Diesen Volksmund hatte Familienministerin Marie-Josée Jacobs (CSV) gewählt, um damit den von ihr vorangetriebenen zügigen Ausbau des Betreuungsangebots zu rechtfertigen. Nachdem der Ruf nach mehr Kindergarten- und Krippenplätzen jahrzehntelang besonders von christlich-sozialen Politikern ignoriert wurde, die die alleinige Erziehungsverantwortung den (Ehe-)Frauen zuschoben, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie heute ein Thema, das in keinem Wahlprogramm mehr fehlen darf. Ob Christlich-Soziale, Liberale, Grüne oder Sozialisten – alle sprechen sie sich für mehr Betreuungsstrukturen aus. Über deren Qualität und Rolle im bestehenden Gefüge von Elternhaus und Schule allerdings wird lieber geschwiegen. 

Vielleicht nicht mehr lange, denn hinter den Kulissen vieler Kindergärten brodelt es. Schuld daran ist nicht zuletzt das nicht mehr ganz neue Gesetz von 2006 über die Maisons relais, ursprünglich als Betreuungsangebot für Drei- bis Zwölfjährige zwischen Schule und Elternhaus gedacht. Kaum eine Gemeinde, die inzwischen nicht ein solches Haus gebaut hätte oder plante. Einige suchen noch Träger, welche die neuen Räume mit pädagogischem Sinn füllen sollen. Wobei das mit der Pädagogik so eine Sache ist. In Wasserbillig beispielsweise plant die Gemeinde für dieses Jahr eine Maison relais, in der rund 200 Kinder zu Mittag essen sollen, Hausaufgabenhilfe inklusive. Dafür ist die Gemeindeführung an die Betreiber von Kuebekëscht und Spatzennascht herangetreten. Der Kindergarten erlangte im Sommer 2000 traurige Berühmtheit, als sich dort ein Geiseldrama abspielte, das die Polizei erst in letzter Minute beenden konnte. 

Nun ist die Stimmung erneut angespannt. Das Spatzennascht soll eine Konvention als Maison relais bekommen; mit 67 statt der ursprünglich 45 Betreuungsplätzen. Kinder, die älter sind als drei Jahre, sollen überdies mit anderen Schulkindern den im Merterter Festsaal geplanten Mittagstisch besuchen. „Das läuft auf mehr Stress und weniger Qualität für alle hinaus“, so Karin Weyer. Die Psychologin ist Supervisorin des Spatzennescht, das sich ein ausführliches pädagogisches Konzept gegeben hat. Weil die Leitung hinter diesen Qualitätsansprüchen nicht zurückstecken will, muss sich die Gemeinde vielleicht bald nach einem neuen Träger umschauen. 

Wasserbillig ist kein Einzelfall. Auch andernorts haben Krippen- und Kindergärtenbetreiber vom Familienministerium neue Konventionen angeboten bekommen, mit zum Teil erheblich aufgestockten Betreuungszahlen. Und das, ohne das auch nur eine Mauer zusätzlich gebaut worden wäre. Möglich wird dies durch eine neue Formel, mit der auch Flure großzügig als Nutzfläche mitgerechnet werden. Die Personalregelung ist ebenfalls problematisch: Expertenmeinungen zufolge ist der Betreuungsschlüssel mit einer Person auf sechs beziehungsweise neun Kinder, der noch dazu stundenweise überschritten werden kann, schon jetzt recht hoch. Das Gesetz von 2006 erlaubt darüber hinaus, schlechter ausgebildete Hilfsberufe wie die socio-familiale oder Tageseltern mit einer Basisausbildung von 110 Stunden als „qualifiziertes Personal“ einzustellen. Mit drastischen Folgen für die Kleinen und ganz Kleinen, denn mittlerweile nehmen erste Maisons relais sogar unter Dreijährige auf.

„Es gibt Häuser, in denen wird nicht einmal elementarsten pädagogischen oder entwicklungspsychologischen Erkenntnissen Rechnung getragent“, klagt Weyer. Als Supervisorin hat sie verschiedene Maisons relais besucht – und schlägt nun Alarm. Eine qualitativ hochwertige Betreuung sei in vielen „nur schwer möglich“. Am fehlenden Geld liegt das nicht, oft wurden Tausende Euro in die neuen Gebäude investiert. Ein pädagogisches Konzept aber wird meist in einem zweiten Schritt nachgereicht. Wenn überhaupt. „Die Raumgestaltung spielt in der frühkindlichen Erziehung und Bildung eine zentrale Rolle und muss deshalb von Anfang an  mitgedacht werden“, betont Susanne Stroppel. Die Psychologin hat Kinder beobachtet, die sich selbst überlassen in einer Ecke saßen, mit Spielzeug, das gar nicht ihrer Entwicklung entsprach. In einer Maison relais im Osten waren Bauvorschrif-ten, wie auf Kinderhöhe abgesenkte Waschbecken, nicht eingehalten worden. Die lapidare Begründung der Erzieher: Zu Hause gebe es die ja auch nicht. 

Anderswo müssen Dreijährige und ihre Erzieher 500 Meter weit laufen, bevor sie einen Spielplatz mit ein bisschen Grün finden. Elternbegleitete Eingewöhnungsphasen, unabdingbar für Kleinstkinder, um sich an die fremde Umgebung und die Trennung von Mutter und Vater gewöhnen zu können, würden nicht immer gewährt. Sie habe Kinder gesehen, die „eindeutige Zeichen von Vernachlässigung und Traumatisierung hatten“, weil sie ohne feste Bezugsperson waren, empört sich Stroppel, die die „willkürliche Einteilung in Altersgruppen“ kritisiert: Komme ein Kind von acht Monaten nach dem Elternurlaub in eine Einrichtung, stehe oft der erste Gruppenwechsel an, weil viele Krippen als Altersgrenze 18 Monate vorgeben. Für Kleinkinder seien besonders zur Mittagszeit, wenn sie mit Schulkin-dern gemeinsam essen, Stress und Überforderung „keine Seltenheit“. 

Dass es pädagogisch höchst bedenklich ist, hundert und mehr Kinder unterschiedlichen Alters in einen Raum zusammenzusetzen, findet auch die Caritas. Die katholische Wohlfahrtsorganisation setzt sich für einheitliche Qualitätsnormen ein und hat dafür den Erziehungswissenschaftler Manfred Schenk als externen Berater angeheuert. Seine Qualitäts-Checkliste, die für alle Caritas geführten Einrichtungen gilt, sieht neben baulichen Anforderungen wie Schalldämmung oder rutschfeste Böden auch Leitlinien zur „pädagogischen Prozessqualität“ vor, etwa die Erziehung zur Selbstständigkeit und die aktive Mitbestimmung der Kinder bei der Tagesplanung. Doch nicht jede Gemeinde will das ganze Paket: Qualität kostet nämlich. In einigen Gemeinden mussten Zwischenwände eingezogen werden, um ältere von jüngeren Kinder zu trennen und die nötige Ruhe beim Mittagstisch und bei der Hausaufgabenbetreuung zu gewährleisten. Zwei Jahre nach Einführung der Quality checks habe sich die Qualität in allen Caritas-Einrichtungen verbessert – was das heißt, wissen nur Eingeweihte: Die Ergebnisse sind nicht öffentlich. Das erschwert verunsicherten Eltern, sich im Dickicht der Angebote das passende herauszusuchen, zumal auch seitens des Familienministeriums kein pädagogischer Leitfaden mit Mindestnormen für sämtliche Einrichtungen, private wie öffentliche, existiert.

Jetzt jedoch hektisch Qualitätsstandards festzulegen, greift zu kurz. Zuvor muss dringend eine andere Frage geklärt werden. Als das Gesetz der Maisons relais von der schwarz-roten Regierung verabschiedet wurde, geschah dies im Hinblick auf das Lissabon-Ziel, die Frauenerwerbstätigkeit auf 60 Prozent anzuheben. Dazu verpflichteten sich die EU-Länder 33 Prozent der bis zu Dreijährigen bis 2010 einen Krippenplatz zur Verfügung zu stellen. Also wurden rasch Betreuungsplätze aus dem Boden gestampft, die zudem eine größtmögliche Flexibilität für die Eltern erlauben sollten.

Was flexible Öffnungszeiten aber für die pädagogische Planung und somit für die Kindesentwicklung bedeuten – und wie die Maisons relais sich in bestehende Strukturen einfügen, darüber machten sich die Politiker keine Gedanken. Mit dem Ergebnis, dass das Angebot noch unübersichtlicher wird und die Betreuungskette wächst: Neben schulähnlichen Gratisangeboten wie die Précoce und Préscolaire existieren gebührenpflichtige Foyers de jour, Foyers scolaires, Garderie und Crèche. Unzählige Kinder in Luxemburg „switchen“ täglich zwischen Elternhaus, Krippe, Großeltern und Tagesmutter hin und her, pendeln mit dem Bus von der (Vor-)Schule in die Maison relais und danach zum Sport – und werden so zu gestressten „Wanderern zwischen den Institutionen Elternhaus, Schule, Betreuungseinrichtung und organisierter Freizeit“, wie es Manfred Schenk mit Sorge beobachtet. Feste Bindungen und konstante Bezugspersonen, A und O für eine erfolgreiche, kindgerechte pädagogische Arbeit, sind unter solchen Bedingungen kaum möglich. Trotzdem regt sich im Sektor kaum Protest.

Die Familienministerin spricht zwar neuerdings davon, die Funktionen Betreuung und Bildung verstärkt zusammenführen zu wollen, und auch im neuen Grundschulgesetz ist die Rede von einer Zusammenarbeit zwischen Grundschule und Maisons relais. Aber das ist in weiten Teilen noch Wunschdenken, wie der Streit um die neben der Escher Jean-Jaurès-Ganztagsschule geplante Maisons relais zeigt (d’Land, 20.01.09), wo immer noch nicht ganz klar ist, wer zuständig für Konzept und Kosten ist. Leidtragende des Kompetenzgerangels zwischen Familien- und Erziehungsministerium sind, neben gefrusteten Lehrern und Erziehern, die Kinder. Dass die LSAP in ihrem Wahlprogramm mehr Ganztagsschulen fordert und eine „Harmonisierung“ der Kinderbetreuung verspricht, wird am Durcheinander von mehr oder weniger pädagogisch durchdachten Angeboten nicht viel ändern, solange bestehende Strukturen nicht hinterfragt werden. Nötig wäre, die Bildungs- und Betreuungssysteme, ihre Funktion und ihr Verhältnis zueinander zu überdenken, und Überflüssiges gegebenenfalls abzuschaffen. Dass der Großteil der Maisons relais von der Caritas betreut wird, erschwert die Diskussion um eine Verzahnung mit der – stets neutral gedachten – Schule zusätzlich. Da hilft allenfalls, beide zuständigen Ministerien, Familie und Erziehung, endlich zusammenzulegen, wie es LSAP, Grünen und DP einhellig fordern.

Die CSV hat ihr Wahlprogramm noch nicht vorgelegt, aber dass sich die Partei mit der Idee anfreundet, ist unwahrscheinlich. Ihre Spitzenkandidatin im Norden, Marie-Josée Jacobs, hat immer wiederholt betont, keine Adeptin der Ganztagsschule zu sein. Mit Mill Majerus kandidiert für die CSV der ehemals hauptverantwortliche Beamte für Maisons relais und Chèques-services im Familienministerium. Was die Chancen auf ein baldiges Entwirren des Betreuungschaos’ nicht gerade verbessert.

 

Ines Kurschat
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