Die kleine Zeitzeugin

Haartmount

d'Lëtzebuerger Land vom 12.01.2018

Es ist so after. Es ist so post. So mit nichts, so ohne alles, nur mit Regen, der ist beständig, der ist ständig.

Alles liegt brach, Mensch liegt brach, ach! Warum, was war, war etwas, und was eigentlich? Die Pappnase im Müll, dann überall der Dreck, von diesem Baum, der muss weg. Also nächstes Jahr kommt mir keiner mehr rein. Die Krippe in die Kiste, also dieses Theater, das war das letzte Mal. Der Firlefanz, der Klimbim, wer macht das sauber, die Putzfrau ist auch weg.

Alle sind weg. Die Talkshow-Moderatorinnen, die einem sonst so zuverlässig den Kopf vollquatschen mit ihren so genannten Gästen. Nur die Traumschiffkapitäne bleiben, aber die hat man auch schon durchschaut. Und der Bulle von Tölz. Und eine schwermütige schwedische Kommissarin schnüffelt herum, schwermütige schwedische Kommissare verlassen uns auch in dieser harten Zeit nicht, danke für die Leichenteile. Und die Symptome, die Symptome sind auch sehr treu, Ahoi! Die Ärztinnen sind auch weg. Nur Doktor Schiwago kommt.

Alles was jung ist oder sich jung genug fühlt, um wegzulaufen, ist sowieso weg. Man braucht kein Geld dazu, überhaupt nicht. Für 29 Euro nach Trondheim! Also aus Berlin. Diese jungen Menschen sind volatil, sie sind immer überall, sie sind von überall. Junge Göttinnen. Die älteren schicken klassisch Fotos von Segelbooten, wo sie volle Segel voraus ins neue Jahr setzen. Oder aus Südafrika oder Sri Lanka, da muss es sehr schön sein. Und sehr warm. Und die Likerinnen schrieben unneidisch Enjoy! drunter. Und glückwünschen dann halt, warum nicht? Glück ist immer gut, anscheinend kann man es teilen, so geht das in Feenmärchen, und es macht bekanntlich glücklich, andere glücklich zu machen. Man muss ja nicht gleich ihre Wohnung putzen oder ihnen Hallo! sagen, ein Anstupser ist auch schon was.

Glückwünschen auf FB, warum nicht, kann nicht schaden, so schlimm ist es nicht. Eigentlich nett. Eigentlich Herz erwärmend, alle denken an alle. Gleich all inclusive. Manche wünschen sogar jedem persönlich alles Gute, und der Betreffende wünscht jeweils zurück: Dir auch! Gleichfalls!

Andere wiederum sind traumatisiert, noch gezeichnet von einer fernen Schönschrift-Kindheit, wo Menschenkind am Stubentisch Glückwunschkarten an Patentante und sämtliche andere Tanten verfasste, schön geschrieben, mit Lineal. Dann gab es ein paar Jahrzehnte Ruhe, die Schönschriftpatentanten hatten das Zeitliche gesegnet, niemand musste mehr nichts, und jetzt das! Jetzt geht das Theater wieder los! Alle allen, die Traumatisierten kündigen an, von Facebook zu desertieren, es gilt, sie zu beruhigen. Alles kann, nichts muss! Das ist der Zeitgeist. Wir sind alle Freiwillige. Niemand wird geächtet wegen Nichtglückwünschens. Höchstens nicht mehr geliket.

Es wird still, die Regentropfen klopfen ans Fenster und ein paar Gespenster. Durch die transparenten Müllsäcke, die die Straßen säumen – alles ist transparent, man sieht, wie gut es den Menschen hier geht, es ist unübersehbar –, leuchten die bunten Spuren unserer Zivilisation.

The party is over! So viel ist sicher, was auch immer es war und warum auch immer, erinnert sich jemand? Köpfe dick, Bäuche auch, wir sitzen im Dreck, der Speck muss weg. Es gibt kein Nachglühen, höchstens ein Verglühen. Das Vorspiel, erkennen Überlebende, ist viel schöner als das Nachspiel, das immer etwas Bedrohliches hat. Aber das müssten sie doch längst wissen, sind sie nicht Profis? Selbst Jesus lässt uns sitzen, was macht er jetzt eigentlich? Zwischen Auf-die-Welt-kommen und Sterben? Es muss ja was dazwischen geben, ein Leben?

Die Konten geplündert, wie konnten wir nur? Wir sind zu gut, zu gut für diese Welt, an wen haben wir nicht alles gedacht, an die Hündinnen der Obdachlosen, an alle möglichen mittellosen Mitmenschen.

Oder an niemand, konsequenterweise und aus Prinzip, weil wir den Blödsinn nicht mitmachen, höchstens an uns selber, wie wir so rentitent konsequent dem Konsum und dem heidnischen Christentum und den herum ballernden Barbarinnen trotzen, in Splendid Isolation, wie wir das alles nicht mitmachen, immer im Widerstand.

Und jetzt ist Januar. Das ist der Dank.

ephemera d’Armand Quetsch a été réalisé grâce à la Bourse CNA- Aide à la création et à la diffusion photographique, il est publié chez www.peperoni-books.de. L’exposition Extraits sans titres sera ouverte jusqu’au 31 octobre au centre d’art Nei Liicht à Dudelange ; www.centredart-dudelange.lu.

Michèle Thoma
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