Angesichts eines Fahrrads

Lachen oder auslachen?

d'Lëtzebuerger Land vom 16.09.2011

Kürzlich fuhr ich in unserer Stadt durch die Rue du Nord; dort saßen vor einer Auslage zwei junge Frauen und zwei junge Männer. Besonders die beiden Frauen brachen beim Anblick meines Fahrrads in schallendes Gelächter aus. Dass dieses eigenartige Fuhrwerk einige Aufmerksamkeit – besonders jetzt in der Touristenzeit – auf sich lenkt, bin ich gewohnt, seit ich es benutze. Besonders Männer und Jungs, aber auch Frauen und Mädchen werfen einen staunenden, fragenden und prüfenden Blick darauf. Die einen winken mir lächelnd zu, mancher Senior hält gar den Daumen hoch, um mir seine positive Einstellung gegenüber meiner „Radfahrwut“ zu bekunden, andere beglückwünschen mich lauthals, oft werde ich gefragt, woher ich mein Fahrrad, woher ich besonders die soliden Stützräder hätte...

Doch einer solchen Heiterkeit wie bei diesen Jugendlichen bin ich auf meinem Spezialfahrrad bisher noch nicht begegnet. Am Rande, das will ich nicht verhehlen, hatte das gar etwas Beleidigendes für mich, weil das Lachen in meinen Augen auch die Färbung des Aus- und Ver-Lachens hatte. Und mit Baudelaires Satz aus dem Essay De l’essence du rire könnte ich mich trösten: „J’ai dit qu’il y avait symptôme de faiblesse dans le rire; et en effet, quel signe plus marquant de débilité qu’une convulsion nerveuse, un spasme involontaire comparable à l’éternuement, et causé par la vue du malheur d’autrui?“ Oder mit Nietzsche: „Unter das Thier hinab. – Wenn der Mensch vor Lachen wiehert, übertrifft er alle Thiere durch seine Gemeinheit.“ (Menschliches, Allzumenschliches, I,553) Aber das wäre eine zu billige Abwehr, da ich mich hinter die gut formulierten Empfindungen und Gedanken anderer steckte und mich an deren Autorität schadlos hielte.

Dieses Lachen könnte doch auch als starker positiver Gemütsausdruck gesehen werden in Zeiten, wo man gerade diese unterdrückt und unterdrücken soll. So könnte ich die Ansprüche und Eitelkeiten meines Ego zurücktreten lassen und mich an dieser Bekundung von Lebensfreude erfreuen. Um mein verletztes Ich ein wenig zu entschädigen, könnte ich mich gar in den Schatten einer berühmten Anekdote zurückziehen und geriete – ohne mich diesem Geiste gleichzustellen zu wollen, da ich ja nicht nach den Sternen, sondern auf die Straße blickte, (die übrigens ziemlich holperig war) – in die Lage des Thales von Milet, über den vor langer Zeit eine thrakische Magd laut lachte, als er beim Betrachten des Sternenhimmels in eine Grube geriet und stolperte.

Je nach dem Standpunkt mag man da den alten Philosophen oder die Magd positiv empfinden.

Jacques Wirion
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